Heiko Mell

Diplomarbeit: Professor contra Firma

Auch ich lese mit großer Begeisterung seit über 20 Jahren Ihre Beiträge.

Nun schreibe ich, um den Einsender einer jüngst abgedruckten Frage (1.966) und andere möglicherweise vor einem schweren Fehler zu bewahren. Denn auch ich habe mir damals mein Thema für die Diplomarbeit von der Industrie geholt und mir damit den lang anhaltenden Groll meines Professors und Fachbereichsleiters zugezogen. Letztendlich musste ich dies mit einer Note 4,0 für die Bewertung teuer bezahlen (das lag zwei Noten unter meinem Notenniveau).

Was hatte ich nur falsch gemacht? Mein Professor hat mir hinterher unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass mein Vorgehen vollkommen falsch gewesen sei. Denn ein ordentlicher Student würde sich zuerst einen betreuenden Professor suchen und mit diesem dann besprechen, ob man eventuell ein Thema aus der Industrie holen darf. Das sei aber meist nicht im Interesse des Professors, da dieser bereits eine Reihe von Themen aus der Industrie bereithalten würde, die nur darauf warteten, bearbeitet zu werden.

PS: Trotzdem hat mir dann später genau diese Diplomarbeit aus einer beruflichen Sackgasse geholfen. Ich habe nämlich aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Stelle bei einem sehr namhaften Arbeitgeber gefunden, der eine Neuentwicklung auf eben dem Gebiet meiner Diplomarbeit tätigen wollte.

Antwort:

Man sagt, der Betroffene (Ehepartner) erführe „es“ immer zuletzt – offenbar ist das hier ähnlich. Auch das von Ihnen angesprochene Grundprinzip ist allen, die damit auch nur am Rande zu tun haben, durchaus bekannt, ausgenommen vielen betroffenen Studenten.

Der von Ihrem damaligen Professor genannte Grund ist nur einer von mehreren, die zum Konflikt führen können. Die Ursachen der Schwierigkeiten sind grundsätzlicher Art:

Unter jeder Diplomarbeit steht am Schluss eine Note. Diese beeinflusst – z. T. sehr stark – die Gesamtnote des Examens, und man schleppt sie lebenslang in den Bewerbungsunterlagen mit sich herum.

Man mache sich also vorher kundig, wer hinterher die Note vergibt – dieser Mensch ist für den gesamten Prozess äußerst wichtig. Man unternehme nichts ohne und schon gar nichts gegen ihn in dieser Angelegenheit, auch keine Themenauswahl.

Stets empfiehlt es sich, mit dem später benotenden Professor die ganze Zeit über Kontakt zu halten, mit ihm Gliederungen und wichtige Aussagen abzustimmen – damit man rechtzeitig merkt, ab welcher Grenze er langsam unzufrieden wird.

Schreibt man die Arbeit, die später der Professor benotet, bei oder in einem Industrieunternehmen, so hat man zwei Partner mit höchst unterschiedlichen Interessen, die beide zufrieden zu stellen sind. Sachlich/logisch gesehen geht das gar nicht, mit viel taktischem Geschick und mit viel Mühe geht es irgendwie dann doch. Der klassische Konflikt: Das Industrieunternehmen sieht das zu behandelnde Problem pragmatisch und anwendungsbezogen, der Professor will wissenschaftlichen Tiefgang (der die Industrie meist weniger interessiert). Es hilft nichts: Beide Partner müssen erfolgreich umschmeichelt werden.

Das ist übrigens eine schöne Übung für die spätere Praxis: Dort haben Sie es fast immer mit unterschiedlichen Interessen zu tun, denen Sie irgendwie gerecht werden müssen. Stellen Sie sich nur die Entwicklung eines Moduls vor, das im Gesamtprodukt eine wesentliche Rolle spielt: Das Marketing will tolles Design und griffige Besonderheiten, die man in der Werbung herausstellen kann, die Kalkulation und der Vertrieb wollen billig, die Produktion will fertigungsgerechte Konstruktion und der Einkauf Einzelteile, für die es überhaupt Lieferanten gibt.

Oder auch: Das Berufsleben ist so anspruchsvoll, dass Sie später über Ihre Diplomarbeit und die damit verbundenen Probleme lächeln werden.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1980
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-12-11

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