Heiko Mell

Studiengangwechsel = Knick?

Ich bin 21 Jahre alt, studiere an einer TU und möchte wissen, ob ein Wechsel des Studienganges später von Personalern derartig empfunden wird, dass sie im Lebenslauf den roten Faden, die Zielstrebigkeit vermissen.

Antwort:

1. Ich rate Ihnen dringend, die Mitarbeiter des Personalwesens nicht „Personaler“ zu nennen. Ich weiß nicht, wer das erfunden hat, aber mir gefiel es spontan überhaupt nicht – und alle betroffenen Fachleute, die ich gefragt habe, äußerten sich ähnlich abfällig.Diese Abschweifung hat einen ernsten Hintergrund. Wenn nicht jemand „wehret den Anfängen“ ruft, gibt es bald Bewerbungen dieser Art: „An die XY AG. Hallo, Personaler, …“

2. Es wäre besser gewesen, Sie hätten ein Beispiel gebildet. Die HR Manager in der Praxis differenzieren nicht so fein zwischen Studiengang, Studienfach und Studienrichtung – sie sind der universitären Terminologie doch fast ebenso entwachsen wie den Details der Schulbildung. Oftmals entscheiden gar nicht die Personalleiter über Bewerbungen, sondern Fachvorgesetzte wie der Leiter Entwicklung oder Vertrieb oder Produktion. Der würde schon recht lange überlegen müssen, was genau ein Studiengang denn nun ist und ob Sie das auch so eng gefasst gemeint hatten.

3. Zur Sache: Ihr Grundgedanke ist richtig. Zielstrebigkeit ist stets positiv und ein von A bis Z konsequent durchgehaltener roter Faden ist ein wichtiger Qualifikationsaspekt bei Bewerbungen.

Aber: So richtig beginnt die Wertung in diesen Kriterien erst mit dem Eintritt ins Berufsleben. Der junge Student am Beginn seines Studiums bekommt „Rabatt“. Er sucht seinen Weg, hat noch nicht alle Informationen. Vor allem aber ist seine Persönlichkeit noch nicht so gefestigt, dass es da keine Veränderungen mehr geben darf. Und neue Partner(innen) können in dem Alter erdrutschartige Zielverlagerungen bewirken.

Also wird beispielsweise sogar ein völliger Studienfachwechsel von Physik zu Ingenieurwissenschaften oder ein Wechsel von der TU zur FH durchaus als im tolerierbaren Bereich angesehen.

Nur: Alles hat seine Nebenwirkungen! So kostet jeder Umweg Zeit. Die Forderung der Wirtschaft, der spätere Berufseinsteiger möge jung sein, möge also kurz studiert haben, besteht weiter. Auch hier kommt es auf die Details an: Wer nicht zur Bundeswehr musste und durch einen Wechsel im Studium zwei Semester verliert, hat eigentlich kaum etwas eingebüßt. Aber ein spätes Abitur, Lehre und Zivildienst vor dem Studium, letzteres ohnehin sehr lang und mit schwächerem Ergebnis – das ist dann schon eine gewisse Vorbelastung, mit der Sie einen Studiengangwechsel schlechter vertragen.

Bitte bedenken Sie aber auch dies: Es kommt immer darauf an, welche noch größere Katastrophe Sie mit einer unangenehmen Maßnahme verhindern. Sie sollten einen Studiengangwechsel nicht leichtsinnig vornehmen, also etwa nur, um mit „guten Kumpels“ dieselben Vorlesungen besuchen zu können. Aber wenn Sie merken, dass Sie im alten Studiengang todunglücklich werden würden oder wegen fehlenden Talents schlechte Noten riskieren würden, dann empfiehlt sich der Wechsel als „kleineres Übel“. In jedem Fall sollten Sie den Schritt schnell vollziehen, also besser nach dem zweiten als nach dem zehnten Semester.

Überhaupt ist vieles im Leben eine Frage der Persönlichkeitsstärke: Gravierende Rück- oder Nackenschläge schüttelt der eine Mensch ab und erreicht dennoch Spitzenerfolge, ein anderer zerbricht bereits an Kleinigkeiten. Ersterer kann sich vieles „leisten“, dem Letztgenannten wäre bei erkennbaren Risiken stets zur Vorsicht zu raten.

Kurzantwort:

Junge Menschen können für Regelverstöße mehr Nachsicht erwarten als gestandene Manager. Insofern müssen studentische Studiengangwechsel noch keine dramatischen Zweifel an der Zielstrebigkeit wecken. Aber solche „Umwege“ können sich häufen im Leben, leichtsinniges Handeln verbietet sich daher.

Frage-Nr.: 1924
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-14

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