Heiko Mell

Note zwei = „einigermaßen verstanden“

Immer wieder lese ich gerne (und mit großer Zustimmung) Ihre Karriereberatung in den VDI nachrichten. Jedoch im Zusammenhang mit der Frage 1.797 „Praxisbezug“ (eine gute Prüfungsnote eines Absolventen und seine falschen Ergebnisse in der praktischen Arbeit im Betrieb) möchte ich als Hochschullehrer eine Erklärung des Sachverhalts beisteuern:
Vor einiger Zeit wurde gegen den ausdrücklichen Willen der überwältigenden Mehrheit der Professoren bundesweit eine Hochschulreform durchgesetzt, die u. a. „mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Hochschulen“ und „leistungsorientierte Besoldung der Professoren“ zum erklärten Ziel hat.

Die „Leistungen in der Lehre“ werden dabei durch eine von den Studenten durchgeführte Evaluation („Beurteilung von Lehrplänen und Unterrichtsprogrammen“, d. Autor) ermittelt; der „Wettbewerb zwischen den Hochschulen“ wird anhand der Zahl der erfolgreichen Absolventen gemessen.Wir (damit spreche ich für viele meiner Kollegen und mich) verstehen uns also jetzt als modernes, kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen – und etliche von unseren „Kunden“ wollen halt weder im Unterricht gestresst werden noch in den Prüfungen durchfallen.

Darum mein Tipp an die Industrie: Note zwei heißt heute zum Beispiel „die Ansätze einigermaßen verstanden“, Note vier heißt jedoch „keine Kenntnisse feststellbar“. Das Zeugnis des damals beschriebenen Kandidaten liegt also voll im Trend. Ohne Zweifel wird in einigen Jahren irgendeine internationale Vergleichsstudie ein vollständiges Versagen der deutschen Hochschulen bei der Studentenausbildung feststellen (die Schuld daran liegt aber nicht bei uns Professoren, denn wir haben diese Hochschulreform weder gewollt noch gemacht).

Ach ja, und dann noch das mit den „Benimmkursen“ oder „Präzisionskursen“ an deutschen Hochschulen!? Also, Herr Mell, vergessen Sie das …

Antwort:

Zur Klarstellung vorab. Im oben genannten Bezugsbeitrag hatte ich optimistisch die jüngsten Meldungen über „Benimmkurse an Schulen(!)“ erwähnt und gemeint, diese müssten dann wohl um „Präzisionskurse“ ergänzt werden. Ob an Schulen oder Hochschulen, hatte ich offen gelassen, die letztgenannten Kurse waren ohnehin mehr Glosse als ernsthafte Forderung.

Zum Hauptthema: Ich kenne die Details jener Hochschulreform nicht, bin kein Spezialist für Ausbildungsvorschriften und möchte hier auch keine Diskussionsrunde über politische Absichten oder ideologische Ausrichtungen von Kultusministern sowie die Texte einschlägiger Gesetze eröffnen. Dies ist nun einmal eine Rubrik mit dem Kern „betriebliche Praxis“, ihr Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach dem Ausbildungsabschluss.

Aber doch so viel dazu: Das aus den von Ihnen angerissenen „Reform“-Regelungen resultierende Chaos im Lehralltag und insbesondere in der Zensurengebung kann ich mir sehr gut vorstellen. Ganz sicher gibt es einen „weichen Kern“ von Studenten, der für leicht errungene und schnell vergebene gute Noten plädiert und Hochschulen sowie Professoren mit hohen Anforderungen bei Bewertungen nur allzu gern abstraft.

Ich will und kann aber nicht glauben, dass jetzt das Leistungsprinzip an Hochschulen endgültig zu Grabe getragen wird. Wenn Studenten, denen schlechte Noten drohen, ihren Professoren mit negativen Bewertungen drohen (dürfen), dann könnten sich die Durchschnittsnoten allerdings tatsächlich denen im Religionsunterricht an Schulen annähern (mit vergleichbaren Konsequenzen).

Es tut mir Leid, aber ich glaube, Sie und die anderen Hochschullehrer sind aufgerufen, dem Druck tapfer zu widerstehen und – vor allem – Ihre Pflicht zu tun. Die darin bestehen dürfte, den jungen Menschen ein Höchstmaß an Wissen zu vermitteln und unbeugsam die Noten zu vergeben, die nach üblichen Maßstäben angemessen sind. Bitte verstehen Sie mich richtig: Selbstverständlich brauchen Sie von mir keine derartige Ermahnung, Sie werden schon aus eigenem Antrieb vernünftig handeln – ich stelle hier nur einmal eine Tatsache fest.

Schließlich ist es wie bei jeder Art von (möglicher) Erpressung: Gibt man einmal nach, ist man „tot“. Hier ist die Standfestigkeit ganzer Kollegien gefragt. Denn auch wenn dies kurzfristig Nachteile haben sollte, mittel- und langfristig zahlt es sich aus: Ihre größte Unterstützung werden Sie aus der Praxis, von den einstellenden Betrieben bekommen. Dort merkt man bald, dass gute Noten von bestimmten Hochschulen keinen Wert mehr haben – und man wird die Absolventen von als korrekt/anspruchsvoll geltenden Institutionen bevorzugen. So etwas geht sehr schnell – ein guter Ruf ist in Jahren aufgebaut, aber in Monaten ruiniert.

Schließlich vertraue ich auf die Vernunft der Studenten: Zumindest eine Mehrheit von ihnen sollte einsehen, dass eine solide, anspruchsvolle „Schule“ sie besser auf das Leben vorbereitet als eine konturlose, als weich und in der Notengebung „großzügig“ verrufene Anstalt. Die beste Ausbildung ist eine, die das wirkliche Leben abbildet – und das ist hart!

Auch wird eine Institution mit Anspruch und Niveau eine gewisse Sogwirkung auf die besten Professoren-Kandidaten, die besten Studenten – und auf die interessanteren Drittmittel-Projekt ausüben. Dennoch behaupte ich nicht, dass es leicht ist, einem Druck zu widerstehen, wie Sie ihn schildern. Wenn Ihr Dienstherr „Masse statt Klasse“ will, haben Sie einen schweren Stand. Wir aber stärken unsere Position in der globalen Welt nicht mit besonders vielen, sondern mit besonders guten Ingenieuren (es dürfen dann auch etwas weniger sein).

Einen Aspekt aus Ihrer Darstellung jedoch kennt die Praxis schon: Vor vielen Jahren habe ich bereits an dieser Stelle geschrieben, dass eine „ausreichende“ Note zu übersetzen ist mit „in diesem Fach keine Ahnung“. Das war also schon immer so.

In einem anderen zentralen Punkt bin ich etwas anderer Meinung als Sie: Schön, Sie sehen Ihre Hochschule als „modernes, kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen“. Aber wer sind Ihre Kunden? In keinem Fall die dort „entstehenden“ künftigen Ingenieure & Co.! Schließlich sind die Kunden von BMW auch nicht die dort entstehenden Autos (natürlich hinkt das Beispiel – aber nur ein bisschen). In der Marktwirtschaft sind „Kunden“ immer irgendwie mit dem Begriff „zahlen“ verbunden. Noch zahlt praktisch allein die Volkswirtschaft, die das Geld dafür aufbringt. Selbst bei Einführung von Studiengebühren bezahlen die Studenten nur einen kleinen Teil der wirklichen Kosten – sie kommen dem Kundenprinzip damit etwas näher, aber mehr auch nicht.

In einem anderen Punkt stimme ich Ihnen allerdings zu: Ein Prinzip, nach dem die Zahl der „erfolgreichen“ (also bestanden habenden) Absolventen irgend etwas beweist, ist in dieser Form absurd. Dann müsste es bundeseinheitliche Zentralprüfungen o. ä. geben (die ich aber keinesfalls fordere oder auch nur wünschenswert finde).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1812
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-13

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