Heiko Mell

BA oder Uni?

Ich habe dieses Jahr mein Abitur mit einem Schnitt von 1,6 und den Leistungskursen Mathematik und Chemie absolviert. Im Anschluss an meinen Grundwehrdienst werde ich 2004 mein Studium als Dipl.-Ing. für … an der Berufsakademie in … beginnen.

Obwohl ich mich schon sehr auf das Studium freue, bekomme ich manchmal noch Zweifel, ob es für meinen weiteren Berufsweg nicht besser wäre, ein Studium an einer Uni/TH/TU anzustreben.

Meine Entscheidung für eine BA habe ich getroffen, weil ich das System als sehr gut erachte. Der hohe Praxisbezug, kombiniert mit der kurzen Studiendauer und einem dennoch hochwertigen theoretischen Studienteil erscheint mir ideal, auch wenn durch diese Kombination der Arbeitsaufwand enorm ist.

Gegen ein Studium an einer Universität entschied ich mich aus genau gegenteiligen Gründen. Die hohe Studiendauer und die starke Theorielastigkeit in den Vorlesungen schreckten mich ab, auch wenn ich mir die eventuell nochmals höheren Anforderungen einer Uni/TH/TU durchaus zugetraut hätte.

Meine Fragen dazu sind nun folgende:
1. Wie bewerten Sie (soweit überhaupt möglich) meine Situation/Entscheidung? Denken Sie, dass ich meine Entscheidung an einem späteren Zeitpunkt meiner Karriere höchstwahrscheinlich bereuen werde (denn ich beabsichtige, durchaus später in einer höheren Position tätig zu sein)?
2. Was halten Sie im Allgemeinen von dem System der Berufsakademien und wo sehen Sie Nachteile in Konkurrenz zu Mitbewerbern mit FH-/Uni-Abschluss?

Antwort:

Ich habe zu diesem Thema (nicht speziell BA, aber FH/Uni) einen sehr langen, sehr ins Detail gehenden und offenbar gekonnt ausgewogenen Beitrag geschrieben. Diesen Beitrag können Sie übrigens im Internet-Dienst dieser Zeitung nachlesen (tasten Sie sich über www.ingenieurkarriere.de bis zu Heiko Mell vor, geben Sie dann als Schlag-/Suchwort „Studium“ ein und suchen Sie Beitrag Nr. 1.761).Und nun mag ich heute dazu nicht mehr ausgewogen schreiben, das strengt nämlich ungeheuer an. Also bekommen Sie hier Meinung pur:

a) Ich weiß etwas, das Sie noch nicht wissen können (aber wissen würden, hätten Sie die bisherigen 1.800 Antworten dieser Serie formuliert): Man kann Menschen, die Zweifel an der Richtigkeit ihrer eigenen Entschlüsse haben, grundsätzlich in diesen Zweifeln bestätigen. Und Sie verteidigen Ihren Entschluss noch tapfer, zweifeln aber schon. Recht haben Sie damit, finde ich.

b) Ein anderes Wort für „Theorielastigkeit“ des Uni-/TH-Studiums ist schlicht „schwerer“. Es fordert Sie mehr, es erfordert mehr an speziellen Fähigkeiten, Wissensdrang und anderen Voraussetzungen. Und es bringt einen 3,x-Abiturienten leicht an seine Grenzen (nicht jeden davon, aber sehr viele). Woraufhin der dann meist an die FH wechselt und häufig durchaus gut damit fährt. Womit ich nicht gesagt haben will, die FH sei nur …, vor allem nicht, weil ich selbst aus dieser Ecke komme. Man kann mir schon deshalb keine Bildungsarroganz vorwerfen, weil ich kaum welche habe (höhere Bildung; bei der Arroganz bin ich mir manchmal nicht so sicher).

c) Ich muss nicht alles wissen und es muss auch nicht immer alles politisch korrekt sein, was ich sage (aber ich garantiere jeweils, dass viele Entscheidungsträger in der Praxis so denken). Auf dieser Basis:Ich sehe gar keine „richtige“ Vergleichbarkeit zwischen Uni/TH auf der einen und BA auf der anderen Seite. Dafür sind mir die Denkansätze, die vermutlich dahinterstehen, zu verschieden. Ich sehe in der BA eine der FH sehr viel ähnlichere Institution, auch dürfte der Studienabschluss dieser Kategorie viel näher kommen.

Also lautet in meinen Augen die Frage: Uni/TH oder FH? Antwort siehe auch im oben genannten Beitrag 1.761. Ist man dann bei „FH“ gelandet, sehe ich dazu in der BA mit ihrem dualen System und ihrer Bindung an ein Unternehmen eine Alternative. Zu den Unterschieden gehört, dass nach meiner Kenntnis der BA-Student beispielsweise eine Art Vergütung von „seinem“ Unternehmen bekommt, der FH-Student jedoch nicht. Und wenn ich richtig informiert bin, ist die BA ursprünglich gegründet worden, damit die beteiligten Firmen für sie geeigneten, schon rechtzeitig etwas auf sie fixierten Nachwuchs bekommen.

Also rate ich jedem, der grundsätzlich an einem FH(!)-Studium interessiert ist, die Alternative BA zu prüfen und sie dann zu akzeptieren, wenn ihm in seinem individuellen Fall die spezifischen Besonderheiten als Vorteile erscheinen. Sonst eben nicht. Und es gilt auch: Jeder(!) Entscheidungsträger in Deutschland weiß mit einem FH-Abschluss etwas anzufangen. Ob das auch für den BA-Abschluss gilt (in Gegenden, in denen es keine BA gibt), weiß ich nicht (vorsichtig gesagt). Und auch nicht, wie das Ausland auf BA-Abschlüsse reagiert. Vermutlich neutral, weil man dort nur den „Dipl.-Ing.“ liest und das „BA“ dahinter schulterzuckend ignoriert (oder für eine Art „Bachelor“ hält).

d) Und ich meine tatsächlich, Sie könnten Ihre Festlegung bereuen (z. B. wegen 1,6).

e) Es ist „die unwichtigste Sache der Welt“, wie Ihnen dieses Studium gefällt oder jenes weniger. Sie wollen doch nicht von Beruf „Student“ werden, sondern Ingenieur. Und durch das Studium müssen Sie durch. Eine kleine, eigentlich recht nette, amüsante Episode im Leben, mehr nicht. Wenn Ihnen diese Betrachtung nicht gefällt, dann nennen Sie das Studium eben eine schwere, weniger amüsante Prüfung im Leben. Macht auch nichts. Es bleibt: Sie müssen da bloß durch, es ist nicht Ziel Ihres Lebens. Es dauert vielleicht vier, vielleicht sechs Jahre gegenüber den vierzig, die dann im Beruf noch anstehen.

Ein Studium soll nicht vorrangig Spaß machen. Es vermittelt Ihnen die Qualifikation, die es Ihnen erlaubt, später in Ihren Beruf hineinzufinden. Spaß kann sein (Studenten haben ihn noch überall gehabt), muss aber nicht. Die Fahrschule soll ja auch nicht vorrangig Spaß machen – es geht um den Führerschein (Professoren aller Länder, verzeiht den Vergleich – aber aus der Sicht der Praxis ist das wirklich nicht ganz falsch).

Sie merken schon, hier schreibt kein Vertreter der „Spaß durch Freude“-Fraktion, sondern ein Preuße alter Schule. Stirbt aus, dieser Schlag, fürchte ich.

f) Und so ungeheuer anstrengend ist ein BA-Studium sicher auch nicht, lassen Sie sich da bloß nichts erzählen. So etwas glaubt ohnehin kein Praktiker, ein Uni-Student sicher auch nicht. Meist überleben Studenten diese Phase – und erkennen zehn Jahre später, dass „Praxis“ stets noch viel mehr anstrengt.

Kurzantwort:

Man prüfe ein zur Wahl stehendes Studium vor allem im Hinblick auf die Qualifikation, die es in den Augen des Arbeitsmarktes vermittelt und auf die Anforderungen, die es stellt. Darüber hinaus ist das Studium nicht Selbstzweck, sondern nur eine Hürde, die zu nehmen ist. Es muss nicht zwangsläufig „Spaß“ machen.

Frage-Nr.: 1810
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-04

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