Heiko Mell

Berufseinstieg und fehlender Praxisbezug

Anmerkung des Autors: Am 23.05.2003 erschien als Frage 1.759 ein Beitrag zum (fehlenden) Praxisbezug junger Hochschulabsolventen. Er bewog zahlreiche Leser zu teilweise sehr engagierten, teilweise auch sehr ausführlichen Reaktionen. Hier ein durchaus repräsentativer Ausschnitt daraus:

Antwort:

Leser A: … schreibe ich vor allem deswegen, weil Sie mir mit Ihrer Antwort so richtig aus der Seele gesprochen haben!

Viele Studierende glauben bis zu höheren Semestern, dass es, um ein guter Ingenieur zu werden, ausreiche, die Semester auszusitzen. So bleibt uns Hochschullehrern nichts anderes übrig, als die „Hunde zum Jagen zu tragen“ – z. B. mit Ihren Beiträgen und, erstaunlicherweise, überwiegend mit Erfolg.

Da sich m. E. Ihre Anmerkungen zu Frage 1.759 alle Studierenden fast zwangsweise zu Gemüte führen sollten, habe ich mir erlaubt, den Beitrag aus dem Internet zu laden und allen(!) unseren Studierenden per E-Mail zuzuschicken.

Leser B: Ich bin Diplomand und fühle mich daher auch persönlich angesprochen. An – grob geschätzt – der Hälfte der angerissenen Probleme tragen meiner Ansicht auch die Berufseinsteiger selbst die Schuld, sie könnten diese Probleme im Vorfeld autodidaktisch leicht beseitigen. Z. B. durch regelmäßige Lektüre Ihrer Beiträge (die ich seit Studienbeginn nach Hinweis durch einen Professor sehr regelmäßig lese).

Auf zwei Punkte möchte ich direkt eingehen:

1. „Spaß haben“: Wer ausschließlich das will, soll gefälligst die Studienplätze räumen und z. B. als ABM-Kraft in einem Freizeit-Park arbeiten (das ist auch ein Argument für Studiengebühren – denn dann kämen nur die Studenten, die ihr Studium auch ernst nähmen).

2. Stottern: Mit der Art und Weise, wie Sie diesen Begriff benutzen, diskreditieren Sie einen nicht zu verachtenden Anteil der Bevölkerung. So auch mich. Sie sollten auch Stotterern zuhören, auch wenn dies manchmal etwas anstrengender sein mag. Aber Stottern oder Nicht-Stottern sagt gar nichts über die Qualifikation und Intelligenz eines Menschen aus.

Ansonsten kann ich Ihrem Beitrag mal wieder nur zustimmen. Ich möchte Ihnen für ihre vielen, oft auch unbequemen Beiträge danken, denn gerade diese waren (und sind es sicher auch in der Zukunft) eine gute Vorbereitung auf den Berufsanfang.

Antwort zu Leser B: Es hieß im Original bei mir zum Stottern: „Ja fragt man sie verzweifelt ob ihres Herumgestotteres, warum sie überhaupt anriefen, …“ Damit war unter keinen Umständen eine Diskreditierung von Menschen mit einem Sprachfehler beabsichtigt. Ich hatte einfach die vielen Zeitgenossen gemeint, die absolut keine Sprachstörung haben, aber sich etwa so artikulieren: „Ich meine, also ich sag mal, also eigentlich wollte ich, was wollte ich jetzt noch mal sagen, also meine Meinung ist …“, was endlos fortgesetzt werden kann. Einer solchen Nervensäge sagt man üblicherweise: „Stottern Sie nicht herum, sagen Sie in klaren Worten, was Sie wollen.“ Mehr ist damit nicht gemeint. Hier geht es gar nicht um Sprachstörungen, sondern um fehlende Konzentration, mangelhafte Vorbereitung und zu geringe Sprachdisziplin. Nach meiner Kenntnis nennt man so etwas „Herumgestottere“, eine Herabsetzung von Stotterern im medizinischen Sinne ist damit nicht beabsichtigt. Bleiben die Frage, wie man jenes Erscheinungsbild sonst nennen sollte – und die Empfehlung an Sie, auch nicht zu empfindlich zu sein. Sie nützen niemandem damit, auch nicht den „echten“ Stotterern. Da fällt mir ein: Selbst Automotoren „stottern“ – jeder weiß, was damit gemeint ist. Und auch damit soll niemand diskreditiert werden. Manchmal „hustet“ so eine Maschine, auch das geht nicht gegen Menschen mit Dauerhusten.

Leser C: Gern greife ich Ihre Anregung auf, Ideen zum Thema zu benennen. Nach über zehn Jahren Führungspraxis ist das sicher nicht anmaßend.

Leider gehört in Deutschland ein fertiger Diplomingenieur, der in der Lage ist, einen fehlerfreien, verständlichen und auf die Anliegen des Adressaten eingehenden Brief zu verfassen, in der Tat bereits zu den Ausnahmen (weniger als 10 %). Alle übrigen von Ihnen aufgezählten Punkte zählen ebenfalls zur Liste der wünschenswerten, in der Praxis aber selten anzutreffenden Eigenschaften bei Bewerbern aus dem unteren und mittleren Management. Aber 90 % der Führungskräfte aus der ersten und zweiten Ebene der deutschen Wirtschaft haben aber die meisten dieser Eigenschaften (und noch andere). Daher ist dies ein essentielles Thema einer Karriereberatung.

Sicher liegen Versäumnisse bereits in der Schule, aber Gymnasiallehrer zählen eher nicht zum Einflussbereich der VDI nachrichten. Deshalb hier nur Hinweise für den Hochschulbereich:

– In jeder Vorlesung hält ein Student in freier Rede eine dreiminütige Zusammenfassung der vorhergehenden (für diese Arbeitsweise bin ich meinem Doktorvater noch heute dankbar).- Gastvorträge von Praktikern (Absolventen kommen immer gern) am frühen Abend mit anschließendem gemütlichen Beisammensein.

– Die Antwort auf eine Klausurfrage erfolgt in Form eines Geschäftsbriefes.

– Abschaffung der „Kreuzchentests“.Ich würde mich freuen, Ihnen bei Ihrer wertvollen Arbeit ein wenig geholfen zu haben.

Antwort zu Leser C: Hoffentlich fällt allen auf, dass Sie die oberen Führungsebenen ausnehmen. Das bedeutet: Mit Erscheinungsbildern wie von mir beschrieben kommt man nicht nach oben!

Leser D: Zitat Mell: „… können in einem hohen Prozentsatz eigentlich überhaupt nicht schreiben. Rechtschreibung, Satzbau …“ Zwei Sätze weiter heißt es: „Die Argumentation ist hahnebüchen, …“Sicherheitshalber sah ich im neuen Duden mit den vielfach hanebüchenen neuen Schreibregeln nach. Dem, der sich als Kritiker hervortut – wenn auch in bester Absicht -, sehen die anderen keinen Fehler nach, falls sie sie entdecken.

Antwort zu Leser D: Wenn schon, denn schon. Also entweder muss es in Ihrem letzten Satz heißen: „…keine Fehler nach, falls sie sie …“ oder: „… keinen Fehler nach, falls sie ihn entdecken.“

„Hanebüchen“ war mein Fehler. Aber das sehe ich gelassen. Erstens freue ich mich, wenn kritisches Lesen gedruckter Texte zum Volkssport wird. Und zweitens bin ich nicht das große Vorbild. Ich sage nicht: Macht es wie ich. Sondern ich sage: Macht es richtig. Und darum bemühen wir uns dann gemeinsam.Sehen Sie es einmal so: Hätte ich Angst davor, selbst erwischt zu werden, dürfte ich andere nicht mehr kritisieren. Und das wäre doch schade. Oder?

Leser E: Herzlichen Dank für Ihre Karriereberatung. Sie haben mir damit sehr geholfen, Zusammenhänge des Berufslebens zu verstehen und Fehler zu vermeiden. Nach meiner bisherigen Berufstätigkeit kann ich inzwischen einige Ihrer Aussagen, die ich früher mitunter recht skeptisch zur Kenntnis nahm, durch eigene Erfahrungen bestätigt sehen.

Zu Frage 1.759: Beim Lesen habe ich (32) mehrfach heftig gezuckt. Ich musste zunächst eine Weile nachgrübeln, was genau mich dazu verleitet hat:

Ich kann nicht einen einzigen Satz Ihres Beitrags widerlegen. Trotzdem habe ich mich beim Lesen zunehmend über Ihre Darstellungen geärgert. Warum und worüber?

Ihre Aussagen darüber, was Berufsanfänger alles nicht können, finde ich sehr pauschal und teilweise frech formuliert. Ich weiß, dass Sie es wörtlich nicht so ausdrücken, aber es fühlt sich so an.

Von Ihnen habe ich gelernt, dass Leute selten Dinge aus Böswilligkeit tun, also müssen Sie wohl ein konkretes, wohlmeinendes Ziel im Auge gehabt haben.

Auch ich merke schon, dass meine Ansprüche an die Fähigkeiten von Studenten mit meinem eigenen zunehmenden Erfahrungsschatz ansteigen. Ein mir bekannter sehr erfahrener Inhaber eines Ingenieurbüros hat in fast 40 Jahren weltweiter beruflicher Aktivitäten wahrscheinlich mehr erlebt als drei Durchschnittsingenieure zusammen. Jetzt vergleicht er nach meiner Wahrnehmung die Bewerber zu sehr mit seinen eigenen, jetzigen Fähigkeiten und Kenntnissen. Er wundert sich, dass die alle „nichts können“.

Mit Verlaub, haben Sie über so etwas mal nachgedacht?

Sie haben den fehlenden Praxisbezug bei Anfängern dargestellt, er lässt sich nicht leugnen. Ich halte das für ein Naturgesetz. Daher halte ich ein allzu deutliches Plakatieren dieser Defizite nicht für besonders hilfreich.

Aber Ihre Vorschläge „Deutsch für deutsche Akademiker“, Rhetorik und das ßben von Argumentationen wären nach meiner Meinung schon ganz gut.

Ich habe in sechs Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter etwa 20 Studien- und Diplomarbeiten betreut. Bis auf drei davon habe ich bei allen anderen sehr intensive Korrekturarbeiten im sprachlichen Bereich durchgeführt, in der Hoffnung, somit einen Beitrag zur Verbesserung der schriftlichen Ausdrucksweise zu liefern.

Studentische Hilfskräfte waren mitunter tatsächlich ziemlich von der Rolle, wenn es darum ging, Firmen anzuschreiben oder anzurufen. Aber es nützt nichts, man muss sie machen lassen. Das ist manchmal anstrengend, aber es bringt was.

Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, meinen Grübeleien bis hierher zu folgen. Ich bedanke mich nochmals für Ihre bisherige Karriereberatung.

Kurzantwort:

Antwort generell: Dies ist ein Auszug aus der auf diese Frage bezogenen Leserpost. Zum besseren Verständnis: Alle abgedruckten Beiträge mussten, z. T. deutlich, gekürzt werden. Ich danke allen Einsendern – von denen mir in der Sache selbst niemand widersprochen hat. Auseinander gehen die Meinungen nur darüber, ob man das hinnehmen soll und was man dagegen tun könnte.

Vielleicht denkt ja sogar einmal ein betroffener Anfänger darüber nach. Problembewusstsein ist stets der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung …

Frage-Nr.: 1774
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-07-24

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