Heiko Mell

Lehre oder Praktikum

Ich möchte erst einmal schreiben, dass mir Ihre Artikel in den VDI nachrichten sehr gut gefallen und mir weiterhelfen. Ich stand kürzlich vor dem gleichen Problem wie der Fragesteller von Nr. 1761 (FH oder TU) und habe mich für das Elektrotechnikstudium an einer FH entschieden.
Mein Vater hat ebenfalls an einer FH studiert und riet mir auch dazu. Er nannte Gründe, wie Sie sie in Ihrem Artikel beschrieben haben.

Ich habe mein Abitur in den Leistungskursen Mathe und Physik abgelegt. Ich werde wahrscheinlich ein Abitur von 3,2 machen, es steht aber noch nicht fest.
Für das FH-Studium wird ein Praktikum vorausgesetzt, das nach Möglichkeit vor dem Studium absolviert werden soll. Arbeitskollegen meines Vaters sind der Meinung, dass eine Lehre viel besser sei als ein Praktikum, da man mehr und die Dinge ausführlicher lernt.

Was ist nun besser? Eine Lehre oder ein Studium? Die Lehre dauert länger (allerdings muss ich keinen Zivildienst ableisten, da ich mit Tauglichkeitsgrad 3 gemustert bin, also ein Jahr spare). Außerdem fällt einem das Studium nach der Lehre leichter, da man vieles in der Lehre gelernt hat.

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen und bedanke mich schon jetzt für Ihre Mühe.

Antwort:

Ich sollte jetzt vielleicht besonders nett und einfühlsam schreiben, weil Sie noch so jung sind und weil ich doch Ihre Initiative anerkennen und belohnen müsste.

Aber ich habe mich dagegen entschieden. Erstens weiß ich gar nicht, ob ich anders kann als so zu sein wie man mich kennt – und zweitens kann erfahrungsgemäß ein bisschen kaltes Wasser gar nicht schaden: Sie haben hier Ihren Kopf aus der Schüler- in die Erwachsenenwelt gesteckt und müssen einfach lernen, dass da der Wind ein bisschen härter bläst und kälter weht.

Die zentrale Frage, die Sie mir stellen, lautet (siehe oben): „Was ist nun besser, eine Lehre oder ein Studium?“ Das ist die Säule Ihres Briefes, der Kern Ihres Anliegens. Und das ist Unsinn – und Sie haben es nicht gemerkt! Gemeint haben Sie: „… besser, eine Lehre oder ein Praktikum?“ So etwas darf einfach nicht passieren. Zwar hätte ich Ihre Original-Frage beantworten können, aber Sie hätten nichts davon gehabt. Jetzt musste ich erst einmal herausfinden, was Sie eigentlich von mir wollten.Verlange ich zu viel? Aber wurde nicht festgelegt, dass man in diesem Alter gleichberechtigt seine Stimme bei der Bundestagswahl abgeben darf? Vielleicht hatten, darf ich vermuten, viele junge Leute Stoiber gemeint und Schröder angekreuzt, und nun haben wir, was wir haben? (Das ist ein bisschen gemein – aber verwechselt ist verwechselt.)

Mache ich etwa nie Fehler? Und ob, seien Sie versichert. Aber ich habe gelernt, dass man dafür bezahlt – immer und gnadenlos. Und, vergessen Sie das nicht, dies hier ist ja noch harmlos, Ihr Name wird nicht abgedruckt.

Dann wäre da noch die offene Frage mit dem Abitur: Haben Sie es nun „abgelegt“ – dann wäre alles vorbei, Sie hätten Ihr fertiges Zeugnis in den Händen – oder werden Sie erst ein Abitur von … machen? Eines geht nur.

Den Hinweis, dass ein eingespartes Jahr (Bundeswehr/Zivildienst) bei jeder Variante dazu führt, dass Sie entsprechend früher fertig werden (was immer Sie tun), erspare ich mir.

Zur Sache:

1. Versuchen Sie stets herauszufinden, was ein Mensch, der Ihnen einen Rat gibt, in der Angelegenheit selbst getan, wie er sich in dieser Frage früher entschieden hat. Menschen neigen stets dazu, ihren eigenen Weg anderen zu empfehlen (Vater + Arbeitskollegen z. B.).

Konsequenz: Wer empfiehlt, was er selbst gemacht hat, meint es gut – aber sein Rat ist nur bedingt von großer Durchschlagskraft. Da Menschen ungern Fehler zugeben, neigen sie dazu, ihre früheren Entscheidungen noch nach Jahren vehement zu verteidigen. Wenn Sie auf jemanden stoßen, der da sagt, er würde seine Entscheidung heute anders treffen oder er sei bei seinem Weg auf gravierende Nachteile gestoßen, dann hat das Gewicht.

2. Mit Ihrem Abitur (3,2) müssten Sie an der TH/Uni mit massiven(!) Problemen rechnen, haben aber an der FH noch eine Chance auf ein „gutes“ Ergebnis. Ihre Entscheidung war schon aus diesem Grund vernünftig. Dieser Aussage liegen statistische Durchschnittswerte zugrunde, natürlich gibt es auch Ausnahmen.

3. Zum FH-Studium passt nach meiner Erfahrung eine Lehre ganz ausgezeichnet. Sie unterstreicht den „Praxisbezug“ der FH. Auch viele spätere Führungsaufgaben des FH-Ingenieurs werden durch eine erfolgreiche Lehre erleichtert – man spricht die Sprache der geführten Mitarbeiter, kann sich gut in ihre Welt hineindenken (z. B. in der Produktion).

4. Am Rande: Wer später Ingenieur werden will, absolviert bitte mindestens den theoretischen Teil der Lehrprüfung mit sehr guten Noten, das ist Ehrensache.

5. Ich habe noch nie einen Dipl.-Ing. (FH) mit Lehre kennen gelernt, der diese damalige Entscheidung für die umfassendere Ausbildung (statt eines Praktikums) bereut hätte (siehe aber auch zu 1.).

6. Beim Studium hilft die Lehre nur bedingt. Oder sagen wir es so: Es sind keineswegs immer die Studenten mit Lehre, die es zu den besten Examensnoten bringen. Die Ansprüche im Studium liegen deutlich(!) oberhalb des Niveaus einer Lehrausbildung. Letztere kann nur das Verständnis für manche Details ganz wesentlich erleichtern.

7. Das oft gehörte Argument, mit Lehre bliebe auch dann etwas, wenn man im Studium scheitere, taugt nichts. Man macht nicht bei jedem Projekt Pläne für den Fall des Scheiterns. Wer nicht an sich glaubt, wird kaum andere dazu bringen, an ihn zu glauben.

8. Nicht einmal theoretisch kann ich mir vorstellen, dass eine Lehre dem späteren Ingenieur schadet; den späteren Bewerber „schmückt sie ganz ungemein“ (wie es einmal jemand formuliert hat). Einzige denkbare Ausnahme ist der etwas höhere Zeitaufwand, unter bestimmten Umständen könnte man zu alt werden, bis man Ingenieur ist. Man sollte mit dem FH-Studium unbedingt vor 28 fertig werden (als Ziel und Planungshilfe), wobei das eigentlich auch schon ein sehr hohes Startalter bedeutet (im internationalen Vergleich).

Kurzantwort:

Die Lehre vor dem Studium ist für den FH-Dipl.-Ing. eine sehr empfehlenswerte Basis, unterstreicht sie doch seinen so gern betonten Praxisbezug.

Frage-Nr.: 1771
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-07-17

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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