Heiko Mell

Studiendauer contra Examensnote

Sehr geehrte Damen und Herren, in Ihrer Kolumne „Karriereberatung“ (1.715. Frage, Ausgabe vom 29.11.02) geht Ihr Berater Heiko Mell auf die Frage „Studiendauer/Examensnote“ ein. Die Antwort präferiert eindeutig die Examensnote als langfristige Qualitätskomponente bei Bewerbung und Beurteilungen entlang des Berufsweges.

Diese Präferenz mag durchaus zutreffend sein. Sie suggeriert aber fälschlicherweise keinen Kausalzusammenhang zwischen Studiendauer und Examensnote. Faktisch ist ein zügiger Studienverlauf meist mit einem guten Studienerfolg verbunden. Er steht für gute Studienorganisation, hohes Engagement für das entsprechende Fachgebiet und i. d. R. für eine entsprechende fachliche und intellektuelle Eignung für das jeweilige Studienfach sowie überdurchschnittliches Interesse an den entsprechenden Inhalten.

Entsprechend ist die Kombination von Einhaltung der Regelstudienzeit und unterdurchschnittlichen Noten eher selten.Eine lange Studiendauer mag in wechselnden Studienschwerpunkten (durchaus zulässig), in sonstigen Aktivitäten oder begleitender Berufstätigkeit außerhalb des Studiums oder in fachlichen Problemen begründet sein. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Kombination „langes Studium/überdurchschnittlicher Abschluss“ eher die Ausnahme ist. Um so kritischer ist es, wenn nach vielen Semestern nur ein durchschnittlicher Abschluss oder gar weniger steht.

In diesem Sinne sollten in der Beratung von Studenten keine falschen Alternativen aufgezeigt werden.

Antwort:

Und dann haben Sie Ihr Schreiben „vorsichtshalber“ nicht an die unter jedem Beitrag genannte, für Korrespondenz in dieser Angelegenheit vorgesehene Adresse gesandt. Sondern Sie schreiben an eine Institution bei dieser Zeitung, die Sie für eine Art Beschwerdeinstanz hielten, die den Autor dieser Serie irgendwie zur Ordnung rufen könnte. Weil der ja wohl zu „falschen Alternativen in der Beratung“ neigt. Nun ist die Zeitung wenigstens gewarnt.

Leider gibt Ihr Brief keinen Hinweis auf Ihre berufliche Funktion, Sie geben nur Ihren akademischen Grad (Dr.-Ing.), Namen und Adresse an (völlig korrekt), so dass ich rein auf Spekulationen angewiesen bin. Dabei wäre es bei einer solchen Erwiderung schon wichtig zu wissen, auf welchen Erfahrungswerten die Aussage beruht. Denn wenn die Leser – oder die vermeintlich höheren Instanzen dieser Zeitung – im Zweifelsfalle abwägen sollen, wer denn nun den besseren Rat gibt, dann müssen sie auch wissen, auf welcher Erfahrungsbasis eine eventuelle Gegenmeinung beruht.

Andererseits veröffentliche ich hier sehr gern kritische Briefe – weil die das Salz in der Suppe sind und ich die Leser mit ständig abgedrucktem Lob (es gibt sehr viel davon) zu leicht ermüde.

Also setze ich mich mit diesem Brief auseinander. Zunächst riskiere ich einmal etwas und betätige mich auf der Suche nach Informationen über den Hintergrund dieser Einsendung rein spekulativ: Ist sie (Vorgehen, Formulierung, Aussage) typisch für einen Manager, der sich im „offenen System“ der freien Wirtschaft durchsetzen muss und sich nur behaupten kann, wenn er taktisch geschickt, mit klarem Ziel und sachlich überzeugend vorgeht? Ich glaube, dass dies eher nicht der Fall ist und nehme an, dass Sie, geehrter Einsender, eher in einem wesentlich „geschlosseneren“ System tätig sind, das mehr von Richtlinien, Vorschriften und Dienstwegen geprägt ist und auch Sie geprägt haben könnte. Sollte ich weitere Informationen dazu bekommen und daraus ersehen, dass ich mich geirrt habe, werde ich das hier öffentlich bekennen. Hätte ich hingegen Recht, wäre diese Textanalyse keine schlechte Leistung gewesen …

Nun zum sachlichen Teil: Zunächst müssen wir – nicht alle Leser führen ein Archiv – die Ausgangslage betrachten. Ein Student hatte gefragt, ob ich im Zweifelsfall ein längeres Studium mit guten Noten einem kürzeren mit schlechten vorziehe. Es war davon auszugehen, dass er – wie so viele – aus seinem bisherigen Studienverlauf bereits ersehen konnte, dass „kurz und gut“ nicht mehr zu schaffen war. Denn er schrieb ausdrücklich: „Ich weiß: Kurz und mit guten Noten wäre optimal, aber so leicht werden Sie es sich nicht machen.“

Damit ist klar: Der frühere Einsender, ich (in vielen Beiträgen nachweisbar) und Sie wissen, dass „kurz und gut“ die empfehlenswerteste Lösung darstellt. Jetzt ging es nur noch um die von Studenten sicher heißdiskutierte Frage: Wenn schon vom Ideal abgewichen werden muss – wo ist es weniger schlimm?

Auch Sie schreiben ja: „Diese Präferenz mag durchaus zutreffend sein.“ Immerhin. Und ich glaube, ich habe keineswegs „fälschlicherweise keinen Kausalzusammenhang“ irgendwelcher Art suggeriert. Ich habe doch nie bestritten, dass so häufig die Leute mit den besten Examen auch am schnellsten fertig werden oder umgelehrt. Ja warum meinen Sie denn, wäre „kurz und gut“ so toll? Weil das so oft so leistungsstarke Menschen sind, die das erreichen. Aber das war jenem Einsender verständlicherweise zu banal, über dieses bekannte Ideal wollte er nichts mehr lesen.

Und nachdem Sie nun diese Zeitung gewarnt haben, dass deren Berater vielleicht „falsche Alternativen“ aufzeigt: Was hätten Sie denn einem Studenten geraten, der „kurz und gut“ nicht mehr schaffen kann und auch eine solche für ihn nutzlose Empfehlung nicht mehr hören will (weil er das selbstverständlich auch weiß)?

Nein, noch können die „zuständigen“ Stellen in dieser Zeitung ruhig schlafen – ich sehe in diesem Falle keinen vernünftigen Anhaltspunkt für „fälschlicherweise“ und „falsche Alternativen“. Aber: Ich habe in dieser Zeitung an dieser Stelle bisher knapp tausend halbe Seiten beschrieben, da wird sich schon etwas finden lassen.

Frage-Nr.: 1735
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-02-27

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