Heiko Mell 01.01.2016, 12:06 Uhr

Worauf soll ich mich spezialisieren?

Ich studiere momentan …-Ingenieurwesen an der FH im vierten Semester und langsam stellt sich mir die Frage, welchen Bereich ich vertiefen soll. Nicht nur an der FH wird viel über die Verlagerung der Schwerpunktaufgaben in diesem Bereich diskutiert. In letzter Zeit höre ich viel darüber, dass die Berufe X und Y eine vielversprechende Entwicklung nehmen werden. In einem großen Nachrichtenmagazin wurde vor kurzem sogar das Potenzial des Berufs X mit dem des Informatikers vor zehn Jahren verglichen!

Mich würde nun interessieren, wie Sie diese Entwicklung sehen, da mich beide Berufsbilder sehr interessieren. Wo kann ich eventuell nähere Informationen einholen und für wie bedeutend sehen Sie überhaupt die Entwicklung dieses Tätigkeitsbereichs in der Zukunft?

Antwort:

Aus Antworten auf Fragen dieser Art halte ich mich heraus. Ich glaube nicht, dass jemand dazu eine wirklich vernünftige langfristige Prognose abgeben kann. Schließlich stellen Sie mit Ihrer Vertiefungsrichtung heute Weichen für die nächsten vierzig Berufsjahre. Das ist eine entsetzlich lange Zeit, in der so unendlich viel geschieht, dass „kein Mensch“ einen Rat an junge Menschen in diesem Zusammenhang verantworten kann. Hier müssen Sie in letzter Konsequenz allein entscheiden – auf welcher Basis auch immer. Ich fürchte, dass sich das Werfen einer Münze dafür ebenso eignet wie langjährige Studien. Heute wird vielfach von Menschen verlangt, dass sie in Tätigkeitsbereichen arbeiten, die es während ihres Studiums noch nicht einmal gab, damit hätte sich eine solche Frage zum früheren Zeitpunkt ohnehin schon von selbst erledigt.

Ich habe einfach zu viel gesehen, um an solche Prognosen für einen so langen Zeitraum noch zu glauben. Und da die Jugend natürlich Beispiele haben will, liefere ich eines: Im dritten Quartal des Jahres 1975 schrieb man im industrierelevanten Bereich überregional (FAZ) 271 offene Stellen im Org.-/EDV-Bereich aus. Im ersten Quartal 1979 waren es bereits 1.466. Zwischendurch (im vierten Quartal 1982) ging die Nachfrage auf 252 zurück, im ersten Quartal 1986 wurde der Rekord von 1.577 offenen Stellen erreicht. Im vierten Quartal 1993 war man wieder bei 248 angelangt, schoss aber im ersten Quartal 1996 auf 1.359 und im ersten Quartal 1998 auf 1.981 hinauf. Derzeit, im zweiten Quartal 2002, ist man wieder bei 257 angelangt. Was hätte man 1975 (damals war ich bereits ein erfahrener Personalberater, der mit seinen ersten Zeitungsserien begonnen hatte) einem Studenten raten sollen? Hatte unter den obwaltenden Umständen die Spezialisierung auf „Informationstechnologie“ (die damals vermutlich noch nicht einmal so hieß) nun Zukunft oder nicht? Oder einfacher: Hätte es Sinn gemacht, damals seinen Karriereweg in der EDV-Abteilung eines Unternehmens zu suchen oder war das ein „totgeborenes Kind“?

Die ganze Geschichte hat ja noch einen besonderen Haken: Je mehr man eine bestimmte Fachrichtung empfiehlt, desto mehr Leute laufen Gefahr, dieser Empfehlung zu folgen. Niemand weiß vorher, ob das vier oder dreiundzwanzig Prozent der Studenten einer Fachrichtung sind, die sich entsprechend beeinflussen lassen. Es ist jederzeit denkbar, dass daraus ein Überangebot an Spezialisten entsteht, so dass diese sich auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig auf die Füße treten.

Als Trost: Je älter Sie werden, desto problemloser leben Sie mit der Erkenntnis, dass es auf manche Fragen schlicht keine Antworten gibt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1689
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-10

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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