Heiko Mell

Mit 32 zu alt zum Studieren?

Ist man chancenlos „zu alt“, wenn man beispielsweise mit 32 Jahren den „Ing. für Druck- und Medientechnik“ beginnen und mit 36 den Ing.-Titel erwerben würde – selbst wenn man zuvor zehn Jahre in diesem Fach eine nahezu beispiellose Karriere vorzuweisen hat?

Ich habe mich von der Realschule über zwei Lehrausbildungen zum Technischen Betriebsleiter, Leiter Satzabteilung, Produktioner, Qualitätscontroller emporgearbeitet bzw. verändert. Der Nachteil bei allen Jobs: Ich verlor sie durch Firmenschließungen!

Ich habe mich immer wieder durch Vorbildwirkung und Ehrgeiz „hocharbeiten“ können. Besonderes Interesse habe ich am Aufbau von Unternehmenseinheiten, an Planung, Strategie und Führung von Mitarbeiter-Teams.

Nun sehe ich kaum Chancen, ohne TITEL eine Anstellung zu erhalten, da mein Realschulabschluss anscheinend jeden Weg in neue Firmen versperrt.

Antwort:

Es geht hier nicht um Ihre spezielle Branche, meine Antwort gilt ebenso für ähnliche Fälle in anderen Bereichen. Spezielle Prognosen für einzelne Felder wären äußerst schwierig – in den Jahren bis zum Abschluss eines Studiums können sich Welten verändern. Und unsere Fälle sollen ja bewusst für möglichst viele Leser interessant sein. Also hier ganz allgemein:

1. Ein „Ingenieur“ ist ebenso wie ein „Betriebswirt“ oder ein „Physiker“ kein Titel. Er ist ein akademischer Grad, der eine bestimmte, durch Ausbildung erworbene Qualifikation umreißt.Ein Titel hingegen ist – um auch einmal ein Beispiel aus einem anderen Land mit deutscher Sprache zu nehmen – ein „Hofrat“, oder bei uns ein „Freiherr“ oder – eingeschränkt – ein „Direktor“ (ich ahne, liebe Leser, dass da diffizile Gegenargumente möglich sind).Jeder Ingenieur (und jeder Professor, der Ingenieure werden lässt) wird „zucken“, wenn Sie in dem Zusammenhang vom „Titel“ sprechen, dies als Warnung.

 

2. Für jede Art von Ausbildung, auch für ein Studium, gibt es einen „Standard“. Man steigt „normalerweise“ in diesem und jenem Stadium des Lebens, also auch in einem bestimmten Alter, dort ein – und wird „normalerweise“ dann auch in einem dazu in Beziehung stehenden Alter damit fertig. Dann ist man in der dazu passenden Laufbahn in einer bestimmten Phase Berufsanfänger und hat üblicherweise noch kaum praktische Erfahrungen im Fach.

Auf diesen „Standard“ sind die Firmen mit ihren Anforderungen, ist das Denken der Bewerbungsempfänger ausgerichtet.Es ist für jeden Studienabsolventen sehr empfehlenswert, innerhalb dieses Standards zu liegen. Abweichungen davon sind stets irgendwie nachteilig; zumindest solche in Richtung „höheres Alter“, „schlechtere Noten“, „längere Dauer“.

 

3. Ein schönes Standardalter für frischgebackene FH-Ingenieure ist fünfundzwanzig, es geht auch eher. Aber Sie wären elf Jahre älter. Die Abweichung wäre enorm, mit erheblichen Nachteilen muss grundsätzlich gerechnet werden.Bitte beachten Sie auch: der übliche Student kommt frisch von der Schule, weiß wenig vom späteren Ingenieurberuf, ist „offen“ für alles und hört sich einfach an, was ihm da geboten wird: Grundlagenfächer, fachliche Vertiefungen, wissenschaftliche Theorien, Randthemen, Allgemeines. Man sagt, dass man etwa 5 – 10 % davon in der Praxis direkt „braucht“ und anwendet – zum Glück wissen das die Studenten vorher nicht. Vor allem aber weiß niemand, welche 5 – 10 % das im Einzelfall einmal sein werden. Also nimmt der Standard-Student den Gesamtlehrstoff hin – man kann ja nie wissen, was später kommen wird.

Sie aber wissen! Sie sind zu alt für das unbefangene Standard-Studentendasein. Sie haben Erfahrung, kennen die Praxis, vergleichen professorale Darlegungen mit Ihrem Bild vom betrieblichen Alltag. Da sind Abweichungen unvermeidlich – Auflehnungen dagegen und Frust inbegriffen. Und: Menschen wie Sie können(!) der Schrecken der Professoren werden. Auch können Sie sich im Umfeld der viel jüngeren, noch durch ein ganz anderes Lebensbild geprägten Standard-Studenten isoliert und als Außenseiter fühlen.

Rechnen Sie also mit Frustrationen und halten Sie sich stets vor Augen: Sie wären dort der „weiße Rabe“, die anderen wären die „Norm“.

 

4. Es hätte also in jedem Fall Nachteile, fingen Sie jetzt (erst) mit dem Studium an. Es kann sein, dass sich die Quälerei (mit 19 lernt man leichter und problemloser) für Sie nie ganz „rechnet“, wenn Sie den mehrjährigen Einkommensausfall, eventuelle Kreditschulden etc. einbeziehen. Auch ist es denkbar, dass Sie nach dem Studium die anderen, viel jüngeren Mitstudenten nie mehr „einholen“ würden (die hätten dann mit 36 etwa zehn Jahre Praxis als Dipl.-Ing. – bei Ihnen wüsste zunächst niemand, ob Sie ein „alter Anfänger“ oder ein „frischgebackener Ingenieur mit wertvoller Altpraxis“ wären).

Und Ihre Erwartungshaltung gegenüber diesem akademischen Grad könnte so hoch sein, dass Sie den Boden unter den Füßen verlieren (hat man alles schon erlebt). Gemeint sind „Spätentwickler“, die dann jeden Satz einleiten mit „Wenn ich als Dipl.-Ing. etwas dazu sagen darf“ – und die erwarten, dass die anderen sich dabei von den Plätzen erheben. Sie könnten sich – bezogen auf Ihre „Vorgeschichte“ – als einen Mann sehen, der etwas Besonderes erreicht hat, während Ihr Umfeld einen Ingenieur sieht, der für sein extrem hohes Alter verblüffend wenig Ingenieurpraxis hat.Und es gibt auch Dipl.-Ingenieure, die keinen Job finden. Auch und gerade solche mit zehn Jahren Praxis. Also ist das Studium keine Garantie für Traumjobs.

 

5. Dennoch können die Nachteile, wenn Sie es nicht tun, diejenigen Nachteile, die mit einem späten Studium verbunden sind, überwiegen. Kürzer: Mit 32 anzufangen, ist problematisch – ohne Studium anspruchsvolle Positionen erringen zu wollen, dürfte heute und in Zukunft noch problematischer sein.Hinzu kommt, dass Sie die Gründe für Absagen auf Ihre Bewerbungen, die Sie jetzt schreiben, gar nicht mehr objektiv sehen können. Da entwickelt sich schnell die fixe Idee „bloß weil ich kein Studium habe“. Sie könnten also, wenn Sie nicht studieren, den Rest Ihres Lebens der scheinbar verpassten Chance nachtrauern.

 

6. Daher lautet mein Rat: Tun Sie es, studieren Sie, sofern die Voraussetzungen gegeben sind. Aber sehen Sie im Studium nicht die Lösung all Ihrer Probleme, sondern einen hohen Berg, den Sie unter Anstrengungen erklimmen müssen. Und bei dem Sie vorher nicht wissen, ob danach nicht ein noch höherer kommt. Vielleicht lässt sich – neben einer weniger anspruchsvollen Tätigkeit – ein nebenberufliches Studium realisieren.

Und wenn Sie fertig sind (ein gutes Examen und eine kurze Studiendauer sind anzustreben), geht der Kampf um einen Arbeitsplatz von vorne los. Vielleicht müssen Sie auch da wieder mehr kämpfen als andere. Das ist der Preis für Abweichungen vom „Standard“. Vielleicht haben Sie aber auch Glück – ich wünsche es Ihnen, aber vertrauen Sie nicht darauf.

Kurzantwort:

Es ist ein erheblicher Nachteil, bei Studienabschluss 36 Jahre alt zu sein. Aber der Nachteil, in einer immer anspruchsvoller werdenden beruflichen Welt gar nicht studiert zu haben, kann noch größer sein.

Frage-Nr.: 1660
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-19

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