Heiko Mell

Zusätzlicher US-Abschluss kontra Industriepraktikum

Als Maschinenbaustudent der RWTH Aachen überlege ich derzeit, in Kürze für etwa 1,5 Jahre in die USA zu gehen. Im Rahmen einer neu entstandenen Zusammenarbeit besteht die Möglichkeit, einen Teil der Studienleistungen an der Boston University zu erbringen und, in Verbindung mit einigen weiteren dort zu belegenden Kursen, dort den Abschluss als Master of Science und den Diplom-Ingenieur der RWTH Aachen zu erhalten.Zusätzlich zum dortigen Studium muss man während der Aufenthaltsdauer an einem dortigen Fraunhofer-Institut Projektarbeit in einem Rahmen von 35 Stunden pro Woche leisten. Die in Boston anfallenden Studiengebühren werden von diesem Institut übernommen. Im Rahmen dieser Projektarbeit verfasst man dann seine Masterarbeit, die in Deutschland als Diplomarbeit anerkannt wird. Mein Studium würde sich durch diesen Aufenthalt um ein Jahr verlängern.

1. Wie schätzen Sie den Vorteil dieses Doppelabschlusses hinsichtlich meiner späteren Karriere ein?
2. Würde ein drei- oder sechsmonatiges Praktikum bei einem namhaften US-Konzern eine Alternative darstellen?
3. Ich denke inzwischen intensiv über die Frage einer Promotion nach. Durch den Auslandsaufenthalt würde ich etwas über ein Jahr verlieren und dann eine Assistentenstelle erst mit 27 Jahren antreten können. Kann der zusätzliche amerikanische Abschluss die Promotion ersetzen oder macht er in diesem Zusammenhang eher keinen Sinn?

Antwort:

Viele Wege führen nach Rom – jeder kennt dieses Sprichwort. Damit soll gesagt sein, dass der Mensch sich oft an einem Scheideweg wähnt, wo er sich zwischen mehreren, ihm äußerst verschieden erscheinenden Möglichkeiten entscheiden muss. Es ist wie eine Wegkreuzung, an der verschiedene verschlungen wirkende Pfade abgehen, die zwischen Westen und Osten in alle Richtungen dazwischen zu laufen scheinen.

Viele dieser Wege führen, auch wenn sie zunächst in unterschiedliche Richtungen zeigen, schließlich alle zu einem gemeinsamen Punkt, den das Sprichwort „Rom“ nennt. Ähnlich ist es auch bei der Karriere. Gerade im Ausbildungsbereich scheinen sich vor dem noch jungen und nicht hinreichend lebenserfahrenen Menschen Möglichkeiten aufzutun, die alle „ganz unterschiedliche“ Aspekte beinhalten und ihn vor eine schier unüberwindliche Entscheidungshürde stellen.

Lassen Sie mich ein Extrembeispiel formulieren: Zwei befreundete Abiturienten beginnen mit dem Studium, der eine wählt Jura, der andere Medizin. Die beiden Fachrichtungen haben nichts, aber auch gar nichts gemein, die Freunde verlieren sich aus den Augen. Eines Tages treffen sie sich wieder: Sie sitzen in derselben Stadt, im selben Bürohaus und haben in unterschiedlichen Stockwerken vergleichbare Räume als Praxis bezogen. Der eine ist Rechtsanwalt und betreut Klienten, der andere ist Arzt und betreut Patienten. Beide beschäftigen drei oder vier Mitarbeiterinnen, beide haben Probleme mit dem Personal, mit den Patienten und Klienten, schlagen sich mit der zu hohen Miete herum – und betreuen auch noch größtenteils dieselben Personen. Frau Müller lässt sich erst oben beim Arzt behandeln und steigt dann eine Treppe tiefer zum Rechtsanwalt, um den Nachbarn zu verklagen. Letztlich treffen sich die beiden Akademiker beim wöchentlichen Stammtisch in derselben Kneipe, tauschen ihre Probleme aus – und stellen fest, dass sie auch im beruflichen Bereich viel mehr gemeinsam haben als es die damals so wahnsinnig „verschieden“ aussehende Berufswahl suggeriert hatte.

Sie können dieses Beispiel auch bilden für zwei Freunde, von denen der eine Ingenieurwissenschaften und der andere Betriebswirtschaft studiert. Auch das hat wenig miteinander gemein, auch diese Wege laufen auseinander. Eines Tages treffen sich die beiden als Geschäftsführerkollegen in einem Konzernunternehmen, in dem der eine die Technik, der andere das Kaufmännische verantwortet. Das, was sie gemeinsam an Tagesproblemen haben, ist wieder viel größer als die unterschiedlichen Fachaufgaben. Beide schlagen sich mit demselben schlechten Betriebsergebnis herum, klagen über dieselben Märkte, berichten an denselben „schwierigen“ Vorstand und unterliegen denselben Konzernquerelen oder Ängsten im Hinblick auf einen Verkauf „ihres“ Unternehmens.

Ich wiederhole meine hier schon oft geäußerte Abneigung gegen Studienberatungen an dieser Stelle. Diese setzen ein sehr intensives Detailwissen über die einzelnen Gegebenheiten an den Universitäten, über Studienordnungen etc. voraus – und sind aus der Sicht des Praktikers in letzter Konsequenz nicht halb so bedeutsam, wie sie den Betroffenen erscheinen. Siehe oben.Zu Ihnen, soweit ich das vermag:

Zu 1: Der Doppelabschluss hat nur Vorteile. Die Globalisierung schreitet fort, noch auf viele Jahre oder Jahrzehnte werden die Vereinigten Staaten für Westeuropa das leuchtende Vorbild sein, damit ist ein US-Studium (durch den Doppelabschluss belegt) in jedem Falle ein positives Element. Es vermittelt Ihnen die Kenntnis von Land und Leuten, es zeigt Ihre Fähigkeit, sich auf eine andere Kultur eingestellt zu haben, es beantwortet die Frage nach perfekten englischen (amerikanischen) Sprachkenntnissen – und ist das eine Jahr wert, das es Sie kosten wird.

Zu 2: Grundsätzlich ja. Sechs Monate bei einem namhaften US-Konzern als Praktikum wären in vielen Bereichen eine echte Alternative. Allerdings eröffnet Ihnen der Studien-Doppelabschluss sicherlich dann bessere Chancen, wenn Sie eines Tages weltweit irgendwo im angelsächsisch geprägten Bereich Ihre Karriere fortsetzen möchten. Wenn Sie aber beispielsweise allein an eine Laufbahn mit zentralem Mittelpunkt Deutschland denken, dann ist ein sechsmonatiges US-Praktikum auch schon eine sehr brauchbare internationale Beigabe, die mit Sicherheit von späteren Bewerbungslesern positiv gewürdigt werden wird.

Zu 3: Wenn ich Psychologe wäre, würde ich aus der Formulierung Ihrer Frage Nr. 3 ersehen können, dass Sie sich zwischen den Möglichkeiten Nr. 1 und Nr. 2 längst entschieden haben. Ein Jahr nämlich verlieren Sie nur bei Nr. 1. Unterstellen wir einmal, in diese Richtung ginge es. Dann gilt etwa:Wenn Sie einen Doppelabschluss nach deutschem und US-Standard haben und dabei ein Jahr älter geworden sind, dann würde ich die Frage einer darauf aufbauenden Promotion sehr sorgfältig prüfen. Sie würden damit schon drei verschiedene „Titel“ erreichen, wo doch bei den meisten Anforderungen (Stellenanzeigen) einer genügt. Die Promotion gilt als Zeichen vertiefter wissenschaftlicher Betätigung und wird sehr gern gesehen bis gefordert bei Tätigkeiten im F + E-Bereich. Wenn Sie diese Zielrichtung haben, würde ich das Projekt Promotion auch trotz eines Doppelabschlusses ernsthaft erwägen. Sofern Sie aber einfach an einer positiven Berufslaufbahn im industriellen Bereich interessiert sind und eines Tages eine Führungsposition im gehobenen Management eines solchen Unternehmens anstreben, „rechnet“ sich die Promotion nicht mehr, da Sie mit 32 Jahren in den Augen vieler Betrachter dann doch schon bedenklich alt wären. In die Überlegung würde ich auch die Frage einfließen lassen, welche Konjunktursituation beim Studienabschluss herrscht. Wenn es dann gerade gut läuft und Ingenieure weiterhin gesucht sind (womit zu rechnen ist), dann könnten Sie mit dem Start zu diesem Zeitpunkt einen Vorsprung erarbeiten, der nur noch sehr schwer von einem Kommilitonen aufzuholen ist, der mit Ihnen gemeinsam abschließt, sich dann aber für die Promotion entscheidet.

Als Faustregel: Der deutsche Dr.-Ing. ist unbestritten hochqualifiziert, aber ebenso unbestritten doch schon recht „alt“ bei Abschluss seiner Gesamtausbildung. Alles, was sein Alter über die heute tolerierten 31 Jahre bei Promotionsende hinaus nach oben treibt, sollte mit sehr großer Skepsis betrachtet werden.

Kaufleute kennen so etwas: Man kann vorhandenes Geld nur einmal ausgeben. Man kauft entweder X oder Y für eine bestimmte Summe, aber nicht beides zusammen. Und so können auch Sie mit dem „Pfund“ Ihrer Jugend nur einmal wuchern – entweder Sie investieren es in eine zusätzliche US-Qualifikation oder in eine klassische Promotion, beides zusammen wird vielleicht ein bisschen viel.Generell aber gilt eben: Talent bricht sich Bahn, viele Wege führen nach Rom und in zwanzig Jahren werden Sie in einer Rückschau selbst sagen, die Frage sei zwar interessant, letztlich aber nicht wirklich ausschlaggebend gewesen. Ihre Persönlichkeit schlägt zehnmal stärker durch!

Kurzantwort:

Jeder „Auslandstouch“, den man während des Studiums in seinen Lebenslauf hineinbringen kann, hilft später bei der Karriere. Im Detail aber führen viele Wege nach Rom.

Frage-Nr.: 1604
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-17

Top Stellenangebote

Staatliches Hochbauamt Schwäbisch Hall-Firmenlogo
Staatliches Hochbauamt Schwäbisch Hall Stellvertretende Leitung (m/w/d) für die Abteilung "Technische Gebäudeausrüstung" der Fachrichtung Versorgungs- oder Elektrotechnik Schwäbisch Hall
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart Laboringenieur*in (m/w/d) im Studiengang Elektrotechnik Stuttgart
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2-Professur "Effiziente Kunststofffertigung" Aalen
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar)-Firmenlogo
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) Professur (W2) für Werkstoffkunde Saarbrücken
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten Professur (W2) Geriatrische Robotik Kempten
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten Professur (W2) Mechatronische Entwicklung von Robotersystemen Kempten
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Konstruktion und Fertigungsmesstechnik Nürnberg
BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.