Heiko Mell

Wo promovieren?

Ich stehe vor Abschluss meines Uni-Studiums (Diplom voraussichtlich „gut“). Obwohl ich gerade an meiner Diplomarbeit schreibe, habe ich mir ab und zu die Zeit genommen, Kongresse und Tagungen zu besuchen. So lernte ich ein paar Fachkollegen kennen, die meinem Wunsch, promovieren zu wollen, sehr positiv gegenüberstanden.

In der Zwischenzeit hatte ich nun ein paar sehr positive Vorstellungsgespräche und stehe vor der Qual der Wahl, wo ich denn nun promovieren soll.Universität A mit weltweit exzellentem Ruf, bietet mir ein Forschungsprojekt mit gleichzeitiger Verpflichtung, den Lehrbetrieb aktiv mitgestalten zu müssen. Dauer der Promotion daher nicht unter fünf Jahren.

Universität B offeriert ebenfalls ein sehr interessantes Projekt – ohne begleitende Lehrverpflichtung. Die Promotion soll daher nach spätestens drei Jahren abgeschlossen sein.

Die Möglichkeit, Kontakte in die Wirtschaft zu knüpfen, wird von beiden Universitäten ausdrücklich betont. Eine Hochschulkarriere strebe ich nämlich nicht an.

Frage: Ist es der Ruf der Uni A wert, so viel länger zu promovieren? Wird mir das bei späteren Bewerbungen gelohnt?

Antwort:

Ein klassisches Beispiel für Fragen, auf die es nur Antworten, aber keine Antwort gibt. Ich will versuchen, das zu beweisen:

– Die Hochschulen, an denen man studiert und promoviert, spielen in Deutschland grundsätzlich nicht die herausragende Rolle im Lebenslauf. Jedenfalls längst nicht die, die man aus manchen anderen Ländern kennt.

– Aber dennoch kann die entscheidende Bewerbung Ihres Lebens maßgeblich durch die Wahl der Hochschule beeinflusst werden – weil der entscheidende Arbeitgebervertreter auch dort promoviert hat oder gerade mit dieser Uni zusammenarbeitet usw.- Die Hochschule mit dem besseren Ruf kann die interessanteren Wirtschaftskontakte haben.

– Kurzes Studium, kurze Promotionsdauer sind stets positive Empfehlungen, die einen Bewerber interessant machen.

– Je nach späterer Tätigkeit haben Sie nie wieder mit Lehrbetrieb zu tun – dann können zwei zusätzliche Jahre verschenkt sein.

– Die längere Promotionsdauer kann Ihnen das „Leben retten“ – weil zwei Jahre vor Ihrem anschließenden Berufseintritt eine Wirtschaftskrise herrscht, durch die Sie – als frischpromovierter Dr.-Ing. von B – arbeitslos geworden wären. Das wiederum hätte vielleicht (so etwas gibt es) schon am Start Ihre ganze Karriere ruiniert. Als Absolvent von A sind Sie zwei Jahre später am Markt, finden in der anlaufenden Konjunktur problemlos den optimalen Berufseinstieg – und sind fein raus. Das Beispiel ist ebenso umgekehrt denkbar.

– An der Elitehochschule reicht es vielleicht nur für eine Promotion mit schwächerer Note, bei B erzielen Sie vielleicht die bessere.Wir könnten das endlos weiterführen. Das Ergebnis wäre stets: Es gibt keinen brauchbaren Rat eines Außenstehenden dazu. Sie müssen entscheiden, niemand kann in die Zukunft sehen – und Sie tragen die Folgen.

Lernen Sie: Zu jeder Entscheidung gehört ein gehöriges Maß von „Augen zu und durch“. Jedes Mal muss man sich festlegen, ohne die Dinge vollständig überblicken zu können. Wenn Sie so wollen, kann man sogar sagen: Zu jeder Entscheidung gehört ein Rest von Dummheit, weil man die Festlegung bei diesem unvollkommenen Wissensstand eigentlich gar nicht verantworten kann. Aber die Entscheidungen müssen getroffen werden – und manche können es, manche hingegen hadern so lange mit sich, ihrer großen Bürde und dem Schicksal, bis der Zeitpunkt verpasst ist. Deshalb ist „Entscheidungsstärke“ im Management so wichtig und deshalb können viele hochintelligente Menschen so schwer Entscheidungen treffen – wobei kein Umkehrschluss gilt (nicht alle Entscheidungsschwachen sind intelligent).

Als ganz vertraulicher Rat von mir: Ich würde die Frage nach meinem eigenen persönlichen Anspruch entscheiden: Bin ich so gut, dass ich zur Elite tendiere? Dann ohne großes Nachdenken zu A. Reicht es aber dazu weder bei meinen Leistungen noch bei meinem persönlichen Anspruch, dann bevorzuge ich die „pragmatischere“ Lösung mit der kürzeren Zeit bei B.

In zwanzig Jahren wissen Sie, ob Ihre Entscheidung einigermaßen richtig war. Aber Sie erfahren zum Glück nie, ob die andere besser gewesen wäre. Denn selbst, wenn Ihre Festlegung sich als schlecht erweist – die andere hätte noch schlechter sein können.

 

Fazit: Nur nicht ängstlich, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn.

Kurzantwort:

Entscheidung ist die Festlegung auf eine von mehreren Varianten, ohne alle Fakten zu kennen bzw. ohne die jeweiligen Chancen und Gefahren endgültig bewerten zu können. Sie ist ohne die Bereitschaft zum Risiko, zum „Augen zu und durch“ nicht möglich. Entscheidungsfähigkeit ist eine gesuchte Managerqualifikation.

Frage-Nr.: 1522
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-15

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