Heiko Mell

Promotion mit Mitte Dreißig?

Ich habe mein Studium zum Dipl.-Ing. (FH) …technik zwar weit überdurchschnittlich abgeschlossen, aber sehr spät damit angefangen (Alter bei Abschluss: 31). Ich bin jetzt an einer FH als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt und habe Geräte entwickelt bzw. die Entwicklung leitend begleitet, Forschungsprojekte durchgeführt und umfassende Erfahrungen in der … gesammelt. Nun habe ich die Möglichkeit zur Promotion. Dabei stellt sich für mich die Frage: Ist eine Promotion in meinem Alter (nahezu 34) sinnvoll oder gehe ich besser direkt in die Industrie?

Positionen, die ich anstrebe (Ingenieur in F+E) werden meist nur für promovierte Ingenieure oder solche mit mehrjähriger Industrieerfahrung ausgeschrieben. Andererseits würde ich zum Zeitpunkt des Abschlusses einer Promotion bereits 36 bis 37 Jahre alt sein.

Antwort:

Das, was in meinen Augen Kern des Themas ist, haben Sie gar nicht angesprochen. Ich muss darauf eingehen – und fürchte, dass mir das einigen Ärger bringen wird. Offensichtlich berührt dieser Aspekt ein hochschulpolitisch heißes Thema. Dröseln wir die Dinge aber erst einmal der Reihe nach auf:

1. Alter. Pauschalaussage dazu: Alles was nach „Dienstantritt in der Industrie oberhalb von 30“ aussieht, ist gefährlich, davon ist grundsätzlich abzuraten („normale“ junge Dr.-Ing. mit 31 werden toleriert, weil die Promotion in der Regel leider so viel Zeit in Anspruch nimmt).

2. Ihr bisheriger Status als „wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Hochschule ohne Promotionsvorhaben“ bringt Sie vorsichtig gesagt, nicht recht weiter. Sie sollten also tatsächlich da etwas ändern, entweder promovieren oder in die Industrie gehen.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Sicher lösen Sie heute hochinteressante Aufgaben, aber eine „Karriereberatung“ hat zwangsläufig stets den beruflichen Fortschritt vor Augen. Dafür gibt es an Ihrem heutigen Arbeitsplatz keine konkrete Chance.

3. Promotion. Nun wird es schwierig und ich muss mich vorsichtig ausdrücken.Sie sagen, die von Ihnen in der Industrie angestrebten Positionen würden meist nur für den „promovierten Ingenieur“ ausgeschrieben. Was aber ist das? Im Regelfall stellt man sich unter „promoviertem Dipl.-Ing.“ automatisch, völlig selbstverständlich und ohne nachzudenken den Absolventen einer Universität oder Technischen Hochschule mit zusätzlicher Promotion an einer Uni / TH / TU vor. Letztere, anders geht wohl auch die Promotion für FH-Absolventen nicht, hätten Sie dann. Aber ersterer wären Sie nicht!

Da nach meiner Schätzung etwa 99,9 % aller promovierten Ingenieure Uni / TU / TH-Absolventen sind, kann man nicht automatisch voraussetzen, dass FH-Absolventen mit (zwangsläufig externer) Promotion in den Augen der Entscheidungsträger problemlos mit den „klassisch“ vorgebildeten Dr.-Ingenieuren gleichgesetzt werden. Ich gönne es ihnen von Herzen, kann das aber nicht garantieren. Hier nicht maßgebend, aber als Indiz heranzuziehen ist der Staatsdienst: Kann ein Dr.-Ing. (FH) eigentlich FH-Professor werden? Ich weiß es wirklich nicht.

Wiederum möchte ich nicht missverstanden werden: Natürlich wären Sie jederzeit berechtigt, sich als „promov. Dipl.-Ing.“ zu sehen und der Doktorgrad selbst wäre vollkommen ohne Einschränkung zu sehen, aber ob die Personalverantwortlichen Sie eher als „Edel-FH-Absolventen“, als „Dr.-Ing. mit kleinen Einschränkungen“ oder als „absolut und uneingeschränkt gleichberechtigten promovierten Dipl.-Ing.“ sehen, das weiß ich einfach nicht. Ich bin aber aus Erfahrung eher misstrauisch. Auch, was die eventuellen Kollegen dort und die späteren Aufstiegschancen angeht.

Nun habe ich Sie und sicher noch einige andere Leser zwangsläufig etwas verunsichert und muss unbedingt versuchen, Klarheit zu schaffen. Außerdem bin ich selbst schon aus fachlichen Aspekten an der Thematik interessiert.Also rufe ich insbesondere diejenigen Leser, die Einblick in interne Gegebenheiten industrieller F+E-Bereiche und vielleicht sogar Einfluss auf Personalentscheidungen haben, zu einer Meinungsäußerung auf. Ich bitte Sie, uns einen Diskussionsbeitrag zur Frage „Chancen für FH-Absolventen mit Promotion in industrieller F+E“ zu liefern. Wir drucken die Aussagen wie üblich ohne Nennung von Firmen- und Personennamen ab (haben aber in einem so speziellen Zusammenhang auch keine Probleme mit deren Veröffentlichung, sofern Sie das ausdrücklich wünschen). Da kritische Leserzuschriften stets leichter und schneller als bejahende geschrieben werden, müsste ich von stillschweigender Zustimmung zu meiner angedeuteten Skepsis ausgehen, wenn Post ausbleibt (mit dieser „Drohung“ will ich besonders die Andersdenkenden motivieren – jede Meinung hilft).

Bitte sagen Sie uns dabei aber unbedingt, welche Funktion Sie (in etwa) ausüben.

Kurzantwort:

Beim Einstieg in „Traum-„Tätigkeiten oder -Laufbahnen darf man nicht den Weg als Ziel sehen: Nicht nur hineinzukommen in das Metier ist wichtig. Sondern man muss auch sicher sein, dort absolut gleiche Chancen zu haben. Sonst folgen Frustrationen auf dem Fuße.

Frage-Nr.: 1519
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-01

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