Heiko Mell

MBA im Anschluss?

Ich bin gerade 24 Jahre alt geworden und werde in Kürze mein Studium der Elektrotechnik beenden. Ich habe mein Studium zügig absolviert, sehr gute Noten, diverse Praktika und bin gerade für neun Monate im Ausland zur Anfertigung meiner Diplomarbeit.

Bei der augenblicklichen Lage auf dem Arbeitsmarkt gäbe es viele Einstiegsmöglichkeiten. Trotzdem verfolge ich die Idee, jetzt, direkt nach Studienabschluss ein MBA-Studium zu beginnen.

Ich habe erfahren, dass die Universität München neuerdings ein solches zweijähriges Programm anbietet. Neben dem attraktiven Studienort würden mich hierbei speziell die vielen Möglichkeiten zur qualifizierten Arbeit als Ingenieur neben dem Studium interessieren. Auf diese Art und Weise könnte ich Berufserfahrung und Wirtschaftskenntnisse gleichzeitig erwerben und nebenbei mein Studium finanzieren.

Was halten Sie davon?

Antwort:

1. Jeden Ingenieur schmücken wirtschaftswissenschaftliche Zusatzkenntnisse ganz ungemein. Sie können niemals „falsch“ sein, nützen aber bei jeder Art von Karriereambition.

2. Im individuellen Fall kann allerdings der Aufwand zum Erwerb der Kenntnisse unangemessen groß sein und damit mehr Schaden als Nutzen bringen. Typisches Beispiel: Wenn man mit dem Hauptstudium erst mit 29 fertig ist und mit einem Zusatzstudium 31 wäre, bevor man auf den Arbeitsmarkt drängte. Dann könnten „nachher“ Türen verschlossen sein, die „vorher“ offen standen.

3. Unser – deutsches – Denken ist (noch) darauf ausgerichtet, Hochschule und Praxis als unabhängige „Blöcke“ zu sehen, die in einer bestimmten Folge im Lebenslauf auftauchen sollten. Also: Erst wird die komplette Studienphase (inklusive Zusatzstudien, Promotion etc.) abgewickelt, dann geht man in die Praxis – und nie wieder „hauptberuflich“ an die Hochschule zurück. Wer die Praxis wieder verlässt, um erneut einige Jahre zu studieren, muss mit Fragen und Vorbehalten rechnen. Also ist Ihr Zusatzstudium so optimal geplant.

4. In Deutschland selbst sehe ich derzeit keinen allgemein gültigen Vorteil eines MBA-Zusatzstudiums gegenüber dem bekannten wirtschaftswissenschaftlichen Aufbaustudium, aber auch keinen Nachteil. Aber im internationalen Einsatz oder auch in der Beurteilung durch ausländische Firmen/Führungs-kräfte kann der diesen Entscheidungsträgern vertraute MBA sehr wohl vorteilhaft sein. Da Sie noch fast 40 Jahre arbeiten müssen, ergibt sich eine lange Phase, für die es keinerlei Planungssicherheit gibt. Die USA sind für viele Europäer das große Vorbild – was die haben, bekommen wir früher oder später auch, damit wird der MBA sicher in der Verbreitung zunehmen.

5. Es nützt immer und kann rundum empfohlen werden, neben dem Studium so weit und so tief wie möglich in die Praxis hineinzuschauen. Jede Art von Praktikum, Nebenjob etc. hilft.

6. Ich sage es immer wieder: Ich kann nicht nebenbei noch Fachmann für alle Studiendetails sein. Hoffentlich also stimmt Ihre Information mit München, dafür übernehme ich keine Gewähr.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1490
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-05-19

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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