Heiko Mell

TH-Aufbaustudium für FH-Absolventen

(Anmerkung des Autors: Die Zuschrift kommt von einem Institut der RWTH Aachen und ist gezeichnet mit Prof. Dr.-Ing. …; es gibt eigentlich keinen Grund, auch hier den Namen des Absenders wegzulassen – wir folgen nur aus Prinzip unserer Regel, um anderen Einsendern, denen eine Namensnennung Probleme bringen könnte, die Sicherheit zu geben, daß alle Anliegen hier „öffentlich-vertraulich“ behandelt werden.)

Sehr geehrter Herr Mell, mit großem Interesse lese ich seit vielen Jahren Ihre Antworten unter der Überschrift Karriereberatung. Ich schätze Ihre offene, klare und meist treffsichere Antwort. Ihre Antwort zu der 1.373. Frage muß ich jedoch ergänzen, zumal die darin enthaltene Information teilweise nicht stimmt.Sowohl in der Frage als auch in der Antwort wird von einer TH gesprochen. Da es in Deutschland nur noch eine Technische Hochschule gibt, muß es sich dabei um die RWTH Aachen handeln. Ich bin Mitglied der Fakultät für Maschinenwesen und muß Ihnen mitteilen, daß es in unserer Fakultät seit vielen Jahren einen „Ergänzungsstudiengang“ für FH-Absolventen gibt. Dieser Studiengang ist insbesondere für FH-Absolventen gedacht, die an der Fachhochschule Maschinenbau studiert haben. Der Student „muß nicht noch einmal von vorne anfangen“. Der FH-Absolvent wird für das Hauptstudium eingestuft. In Mathematik, Mechanik und Thermodynamik aus dem Vordiplom müssen noch zusätzliche Prüfungen abgelegt werden. Die an der Fachhochschule erbrachten Studienleistungen werden überprüft. Die Diplomarbeit der Fachhochschule wird zum Beispiel als Studienarbeit anerkannt. Somit müssen an der RWTH Aachen noch zusätzlich eine Studienarbeit und eine Diplomarbeit angefertigt werden. Die Studienzeit beträgt etwa 2 bis 3 Jahre einschließlich Diplomarbeit. Mit dem RWTH-Diplomzeugnis besteht natürlich die Möglichkeit der Promotion.Ihrem Antwortsatz, „daß der angedachte Weg jedoch nicht derjenige ist, der sich als sinnvoll anbietet und irgendwie logisch bzw. folgerichtig genannt werden darf“, kann ich nicht zustimmen. Einmal ist der Unterzeichner selbst diesen Berufsweg gegangen. Allerdings wurde mir von den Leistungen der Ingenieurschule nicht sehr viel anerkannt. Zum anderen sind mehrere unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter diesen Berufsweg gegangen. Dabei handelt es sich um hervorragende wissenschaftliche Mitarbeiter und zukünftige Dr.-Ingenieure. Sie führen insbesondere das Altersproblem an. Dieses Argument ist sehr bekannt und wird häufig benutzt. Wir hören häufig aus der Industrie, daß unsere Absolventen, und dabei insbesondere promovierte Absolventen, zu alt werden. In diesem Punkt vertrete ich eine andere Ansicht, die ich begründen möchte.

Zunächst möchte ich auf den Ergänzungsstudiengang eingehen. Das FH-Studium dauert etwa 7 Semester. Für den Ergänzungsstudiengang sind 5 – 6 Semester anzusetzen. Somit dauert das Gesamtstudium 12 – 13 Semester und entspricht somit der durchschnittlichen Studiendauer eines RWTH-Studiums in Maschinenbau.

Die Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Instituten unserer Fakultät ist sehr praxisorientiert. Die Mitarbeiter müssen sehr selbständig arbeiten und in der Regel mehrere Forschungsvorhaben durchführen. Dabei kann das Organisationstalent sehr gut entwickelt werden. Der Arbeitsstil ist vergleichbar mit der Arbeit in einer Forschungs und Entwicklungsabteilung der Industrie, so daß der Beginn der Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Berufseinstieg gleichgesetzt werden kann.

Zu dieser Aussage stehe ich, weil ich vor meiner Berufung an die RWTH Aachen selbst Forschungs und Entwicklungsabteilungen in der Industrie geleitet habe. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter haben in ihrer 4 bis 5jährigen Tätigkeit Gelegenheit, Industriekontakte aufzubauen und nach der Promotion die Tätigkeit in der Industrie fortzusetzen. In der Regel gehen unsere Mitarbeiter über diesen Weg in die Industrie. Einige Absolventen haben sich selbständig gemacht. Vielleicht sind Ausbildung und wissenschaftliche Tätigkeit, wie ich sie geschildert habe, nicht in allen wissenschaftlichen Disziplinen an den Universitäten üblich. Meine Aussage gilt für die RWTH Aachen.

Als Anlage sende ich Ihnen eine Information über den Ergänzungsstudiengang aus dem Internet. Ihre Aussagen und Empfehlungen haben eine große Bedeutung für den Berufsweg junger Menschen. Aus diesem Grund bitte ich Sie, die in meinem Brief enthaltenem Informationen weiterzugeben.

Zu der Frage, ob eine Promotion zu empfehlen ist, gibt es nur eine einzige Antwort. Es sollte nur der promovieren, der an der vertieften ingenieurwissenschaftlichen Arbeit Freude hat.

Antwort:

Ich bin Ihnen sehr dankbar für die Sachinformation (sowie für die nette Einleitung Ihres Briefes) und korrigiere meine Aussage zur 1.373. Frage hiermit gern. Dort habe ich mir ganz offensichtlich einen Doppelfehler geleistet, was ich besonders bedaure. Denn nicht nur habe ich dieses Detail zum Studium an Ihrer Hochschule falsch dargestellt – ich weiß auch sehr gut, daß ich als Praktiker (für Professoren mitunter ohnehin ein kritisch zu betrachtender Mensch) unmöglich über alle Studiengänge an allen Hochschulen informiert sein kann. Daher schreibe ich auch hier recht oft: Bitte keine Fragen zum Studium, sondern zur Zeit danach. Aber dann kommt ein Einsender mit einem Anliegen – und dem Berater gehen „die Pferde durch“. Ich gelobe, mich wieder mehr an meinen eigenen Grundsatz zu halten und diesbezüglich Selbstdisziplin zu üben.

Zur Sache: Die Formulierung „TH“ sieht die Praxis nicht so eng. Es hat sich einmal die Bezeichnung „FH“ für alles eingebürgert, was (ich bin jetzt vorsichtig) tatsächlich so heißt und für das, was dem zumindest entspricht. „Gnadenlos“ nennt die Praxis einen entsprechenden Dipl.-Ing. auch dann „FH“, wenn seine Ausbildungsinstitution diesen Begriff konsequent vermeidet (z. B. viele Gesamthochschulen bei den jeweiligen Abschlüssen oder einige „Hochschulen“, die Fachhochschulen sind, aber sich traditionell nicht so nennen).

Die „anderen“ Dipl.-Ingenieure von der TH, von Universitäten, technischen Universitäten oder dem adäquaten Studiengang der Gesamthochschulen (hoffentlich habe ich keine Institution vergessen – falls ja, geschah es ohne Absicht) nennt die Praxis gern „Dipl.-Ing. TH“ – ob nun aus Aachen oder nicht. Sie können das in den Stellenangeboten der Zeitungen nachlesen, wenn Firmen „Dipl.-Ing. TH/FH“ suchen, beispielsweise.

Andere Hochschulen/Universitäten haben mir bisher nicht geschrieben zu diesem Thema, vielleicht ist der „TH-Ergänzungsstudiengang für FH-Absolventen“ letztlich doch nicht allgemein verbreitet.

Bitte noch ein Wort zum Problem „Startalter“ beim Eintritt in das Berufsleben: Die Industrie folgt Ihrer Argumentation nicht so ganz, „daß der Beginn der Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Berufseinstieg gleichgesetzt werden kann“. Für diese Unternehmen ist der promovierte Ingenieur generell eine Art „gehobener Edeleinsteiger“- aber eben doch in dieser für ihn neuen, anderen Welt ein Einsteiger. Der nicht zu alt sein sollte – schon, um noch formbar und flexibel und noch nicht so persönlich „endgeformt“ zu sein, daß er sich nicht mehr problemlos anpaßt an den doch anderen Stil.

Frage-Nr.: 1389
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-05-21

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