Heiko Mell

Dauert es in D zu lange?

Seit einigen Jahren lese ich Ihre Karriereberatung gerne und mit großem Interesse. Durch Ihre Antworten habe ich eine andere Sichtweise für Situationen und Regeln erhalten, die ich vorher ganz anders beurteilt habe (Bewertung von Noten, Stellung zu Vorgesetzten, Bedeutung eines Lebenslaufs). Über viele Antworten von Ihnen habe ich auch heftig mit einigen meiner Studienkollegen diskutiert.

Mehrfach haben wir auch das Thema Studiendauer angeschnitten, dabei haben sich zwei Lager gebildet. Zum einen gibt es die Einstellung, daß man durch eine lange, intensive Ausbildung gut auf den Beruf und das Leben vorbereitet wird und es nichts ausmacht, wenn man zwei Jahre länger zur Schule/Universität geht. Zum anderen heißt es, daß die Ausbildung viel zu langwierig ist (zu diesem Lager gehöre ich).

Als Sechzehnjähriger hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit dem Schulleiter der amerikanischen Highschool, die ich damals als Austauschschüler besucht habe. Als ich erzählte, wie lange ich in Deutschland noch für Schulabschluß, Wehr /Zivildienst und Studium brauchen würde, sagte er nur noch:
Why, do you have all the time of the world in Germany?

Eine Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden. Hätte ich damals nach amerikanischem System weitergemacht, hätte ich einen Bachelor Degree mit fünf und einen Master Degree mit mindestens drei Jahren „Vorsprung“ vor entsprechenden deutschen Studienzielen erreicht. Ich hoffe, Sie können mir eine Antwort auf die Frage geben, warum eine Ausbildung im deutschen (Hoch )Schulsystem so lange dauern muß.

Antwort:

Das kann ich leider nicht, jedenfalls nicht in einer für die Veröffentlichung geeigneten Form. Ein sehr gut informierter Bildungshistoriker, dem die gesamte deutsche und angelsächsische Ausbildungsentwicklung geläufig ist, könnte es vermutlich. Aber was hätten wir davon? Hier interessiert weniger, warum es so ist, sondern eigentlich nur: Ist unsere Ausbildung zu lang?

Und da ist meine Meinung eindeutig: Ja, sie ist zu lang. Absolut zu lang und im internatio-nalen Vergleich zu lang. Eigensinnig wie ich bin, werte ich ersteres übrigens als das stär-kere Argument (gebe natürlich aber auch dem letzteren Raum).

Die „richtige“ Ausbildungsdauer kann nur ein Kompromiß sein, mit Rechenformeln kommt man nicht weiter. Wir haben es schlicht mit völlig verschiedenen Forderungen und Gegebenheiten zu tun:

– Das Wissen in einem Fachgebiet wird ständig größer, die sozialen Probleme im fachlichen Umfeld nehmen ständig zu, insgesamt steigen die Anforderungen an die Berufstätigen laufend an. Das spricht für „viel“ und damit lange Ausbildung. Die zunehmende Notwendigkeit zum interdisziplinären Denken spricht ebenfalls für eine besondere Gründlichkeit und damit Länge.

– Uferlos ausdehnen darf man die schulische und universitäre Wissensvermittlung nicht. Sonst geht der Student von der Uni in die Rente – und volkswirtschaftlich wäre der Aufwand für die Ausbildung ohne jeden Nutzen gewesen. Es müssen also noch hinreichend viele Jahre für eine Berufsausübung verbleiben. Das spricht für eine kurze Ausbildung (zwanzig Jahre Studium als Vorbereitung für nur noch fünf Jahre Berufsausübung wären schlicht unwirtschaftlich).

– Viel zu oft übersehen wird die Tatsache, daß die Ausbildung ohnehin nur sehr, sehr begrenzt auf das Berufsleben vorbereitet. Wenn der junge Mensch das Gymnasium verläßt, ist er 19, viele sind älter. Bis dahin hatte er nur Lehrer als Ausbilder, die nie et-was anderes waren als Lehrer, die von der Berufswelt „da draußen“ nur begrenzt etwas wissen (können). Im Alter zwischen etwa 16 bis 20 Jahren finden aber entscheidende Vorprägungen bei jungen Menschen statt. Jedes Jahr, um das diese praxisfremd prägende Phase verkürzt werden kann, wäre ein Gewinn.

– Wenn der junge Mensch die Hochschule verläßt, ist er 28. Er sollte in jenem Alter eine erwachsene, weitgehend „fertige“, zu wichtigen Entscheidungen befähigte, rundum gefestigte Persönlichkeit sein. Tritt er jetzt erst in die völlig unvertraute, nach gänzlich unbekannten Regeln funktionierende (Berufs ) Welt ein, sperrt er sich unnötig gegen den Ein und Umgewöhnungsprozeß, ist sein Hineinfinden erschwert. Er macht vermeidbare Fehler (während ein Jüngerer eher akzeptiert, daß er „Welpe unter Wölfen“ ist – und zuerst fragt, sich informiert, bevor er nach eigenen, ohnehin noch eher verschwommenen Maßstäben handelt).

– Das Wissen verändert sich so schnell, daß längeres Lernen auch nichts nützt. Was wir brauchen, ist Methodenkompetenz statt allzuviel angelernten Wissens. Der Studienabgänger muß geübt sein darin, sich Neues selbst zu erarbeiten. Und er muß geschult sein, dies selbstverständlich und freudig jederzeit und aus eigenem Antrieb zu tun. Das aber wäre in kürzerer Zeit vermittelbar.

– Man darf eine „Elite“ nicht zu groß machen (unsere ist es längst). Sonst sinkt ihr Leistungsdurchschnitt und ihre Ausbildung dauert zu lange. Beispiel: Bei uns besucht fast die Hälfte der Kinder ein Gymnasium mit dem Ziel, den allerhöchsten Schulabschluß zu er-reichen, so geht es dann im Studium weiter. Das kann auf Dauer nicht zu Top-Resultaten führen; Bevölkerungs-„Hälften“ sind schon vom Ansatz her niemals Eliten.

Natürlich können und sollen das nur Anregungen sein. Aber meine Meinung steht: Die Ausbildung muß kürzer, der Absolvent früher fertig werden. Wenn der durchschnittliche Studienabsolvent 24 bis 25 ist, haben wir schon viel erreicht.

Kurzantwort:

Unsere Gesamtausbildungszeit ist zu lang. Mit mehr Vermittlung von Metho-denkompetenz statt Anlernwissens ließe sie sich deutlich verkürzen.

Frage-Nr.: 1346
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-12-11

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