Heiko Mell

Hat mein Fach gute Aussichten?

Ich möchte zum nächstmöglichen Termin ein …-Studium beginnen. Dazu würde ich mich gerne von Ihnen über die Berufsaussichten und Arbeitsbereiche beraten lassen. Auch bezüglich der Fachrichtung innerhalb des Studiums konnte ich mich noch nicht festlegen. Ich erhoffe von Ihnen nützliche Hilfe und Beratung.

Antwort:

Ich nehme diese konkrete Frage zum Anlaß, hier noch einmal mein Prinzip zu verdeutlichen und um Verständnis dafür zu werben: Ich will und kann keine Studienberatung leisten!

Einer der Gründe ist, daß mir die Fachkenntnisse dazu fehlen. Wichtiger aber ist mir die Aussage, daß zu einer sorgfältigen Studienberatung Daten, Fakten und Erkenntnisse gehören, die ich im Einzelfall überhaupt nicht haben kann! Ich meine damit vor allem Aspekte, die in der Persönlichkeit des jeweiligen Fragestellers liegen. Es gibt generell weder einen richtigen, noch einen falschen, weder einen aussichtsreichen, noch einen aussichtslosen Beruf. Es gibt aber sehr wohl Berufsentscheidungen, die sich für die jeweilige Person(!) später als höchst unglücklich oder sogar absolut falsch erweisen.

Noch viel mehr Bedeutung messe ich aber diesem Argument bei: Niemand weiß, wie sich Berufsaussichten, Konjunkturlagen, spezielle Trends in bestimmten Wirtschaftszweigen im Laufe der etwa vierzig Jahre entwickeln, für die eine Berufsausbildung in letzter Konsequenz gedacht ist.

Nehmen Sie nur ein kleines Beispiel: In der 93er Krise und kurz danach fanden zahlreiche Absolventen von Ingenieurstudiengängen auch dann keinen oder keinen befriedigenden Arbeitsplatz (oder sie hatten große Mühe damit), wenn sie ihr Studium mit durchaus vorzeigbaren Ergebnissen abgeschlossen hatten. Als Folge davon haben viele junge Leute Abstand vom Ingenieurstudium genommen – weil sich die schlechte Situation der Absolventen dieses Fachbereiches herumgesprochen hatte. Inzwischen, noch bevor sich diese Abneigung in den Absolventenzahlen hat niederschlagen können, werden Ingenieure schon wieder so stark gesucht, daß wir in allerkürzester Zeit von einem ausgesprochenen Mangel an Berufsanfängern ausgehen müssen. Dabei ist der Beginn dieser letzten Wirtschaftskrise im Augenblick gerade fünf Jahre her – ein Lidschlag in der Zeitgeschichte, selbst in der Geschichte einer einzigen Generation.

Mit fällt auch das Beispiel ein, wie in der Euphorie der Umweltdiskussion so furchtbar viele junge Abiturienten entschlossen waren, „etwas mit Umwelt und Menschen“ zu machen und sich ein umweltbezogenes Studienfach suchten. Relativ kurz nach dieser allgemeinen Euphorie brach die Nachfrage dann sehr schnell wieder zusammen – wer seinerzeit ein bestimmtes Studium allgemein und pauschal empfohlen hätte, müßte sich mit einer Fehlprognose herumschlagen.

Um aber dennoch eine Aussage zu machen, die wenigstens ein bißchen weiterhilft: Vollkommen unabhängig von Marktsituationen, von voraussichtlichen oder kaum zu greifenden Entwicklungen in den nächsten Jahren, von Einstellschwierigkeiten oder Boomsituationen empfehle ich jedem jungen Menschen, dann seinen Wahlberuf zu ergreifen, wenn er etwa folgende Voraussetzungen erfüllt:

  • Dieser Berufswunsch entstand nicht spontan aufgrund irgendeines Vorfalles, wurde nicht plötzlich nach irgendeinem aus der Versenkung auftauchenden Vorbild gewählt, sondern ist das Ergebnis jahrelanger, sich positiv weiterentwickelnder eigener Überlegungen und Wünsche;
  • soweit man dies feststellen kann, ist die Begabung für das entsprechende Studium auch aus den Schulleistungen überzeugend nachweisbar;
  • der junge Mensch hat während seiner Schulzeit bereits viel privat und nebenbei getan, um sich mit den Details seines Wunschberufes auseinanderzusetzen, um Erfahrungen zu sammeln. So hat er z. B. Ferienarbeiten im Umfeld dieses Berufs durchgeführt, wenn möglich Praktika in diesem Bereich absolviert, hat als Schüler geringfügige Nebenbeschäftigungen dort vorzuweisen und hat sich – vielleicht noch wichtiger – oft und engagiert mit allem beschäftigt, was mit diesem Beruf zusammenhängt, hat z. B. mit lebenserfahrenen Ausübern dieses Berufes gesprochen und ständig den Kontakt mit ihnen gesucht. Selbstverständlich hat er alle greifbare Literatur zu diesem Thema gelesen (und er hat das Prinzip akzeptiert, daß „Beruf“ und „Berufung“ zusammenhängen).

Dieser Aussage liegt das Prinzip zugrunde, daß sich die Kombination von „heiß brennender Flamme“ in Verbindung mit einer berufsbezogenen Begabung immer durchsetzen wird – gleichgültig, was auf einem Markt zu einem bestimmten Zeitpunkt los sein wird. Wer entsprechend obiger Aufzählung Arzt werden will, soll es nach meiner Vorstellung genauso tun wie jemand, der trotz leerer öffentlicher Kassen dem Lehrerberuf anhängt. Selbstverständlich hätte danach auch 1993 ein entsprechend engagierter und begabter junger Mensch das Ingenieurstudium aufnehmen sollen. Schließlich geht es hier in dieser Frage um den einzelnen Menschen. Und für den gilt: Der wirklich Begabte und Engagierte wird sich immer und jederzeit durchsetzen, wenn er dann auch noch bereit ist, hart zu arbeiten und auf der Basis seines Talentes überzeugende Spitzenleistungen vorzulegen. Eine Gesellschaft wie die unsere ist nicht vorstellbar ohne einen einzigen neuen Arzt oder einen einzigen neueingestellten Ingenieur (das sind nur Beispiele). Man muß halt in seinem Wunschberuf so gut sein, daß man keinerlei Problem damit hat, eventuell auch zu den zehn Prozent zu gehören, die sich in diesem Metier durchsetzen werden.

Ich verstehe immerhin so viel von Statistik, daß mir die Kehrseite dieser Aussage sehr wohl bewußt ist. Schließlich bleiben da in dieser Rechnung schlimmstenfalls bis zu neunzig Prozent der Absolventen einer Fachrichtung „übrig“. Das ist volkswirtschaftlich, gesellschaftspolitisch etc. ein ungeheures Problem. Dieses aber spreche ich mit der obigen Empfehlung für den einzelnen jungen Menschen überhaupt nicht an. Diese neunzig Prozent haben einen Beruf ergriffen aus anderen als den oben von mir zwingend vorausgesetzten Gründen. Manchmal herrscht eine so entspannte Situation auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt, daß auch diese neunzig Prozent völlig problemlos ihren Weg machen können – manchmal ist es andersherum.

Aber die kleine Gruppe der sowohl begabten als auch überdurchschnittlich engagierten Menschen findet in jedem Beruf ihr Auskommen, sei dieser auch noch so stark von Rückgängen etc. erschüttert.

Dazu gehört natürlich auch die Feststellung, daß Glück und Pech zusätzlich ihre Einflüsse ausüben. Alle positiven Aspekte schützen noch nicht davor, später ausgerechnet bei dem Unternehmen beschäftigt zu sein, das in Konkurs geht, wenn man 52 ist. Und die Erfahrung hat uns allen schon gezeigt, daß auch im Prinzip unbegabte und weniger engagierte Menschen ihren Weg bis in die Nähe von Spitzenfunktionen machen können.

So, geehrter Einsender, Sie verstehen jetzt auf dieser Basis auch folgende abschließende Antwort besser: Ich kann nicht gutheißen, daß jemand „in Kürze“ (nach Ihrem Brief mit präziseren Angaben, den Sie mir geschrieben haben, sind das etwa zum jetzigen Zeitpunkt noch drei Monate) ein Studium aufnehmen möchte und sich jetzt erst über die „Arbeitsbereiche“ beraten lassen will. Das kann man tun – das geht aber schon sehr stark in die Richtung jener neunzig Prozent (die ich hier boshafterweise so hoch angesetzt haben und die natürlich eine von mir frei erfundene statistische Größenordnung sind. Es können auch letztlich siebzig oder vielleicht sogar nur sechzig Prozent sein, vermutlich schwankt das im Laufe der Jahre).

Kurzantwort:

Diese Karriereberatung kann nicht gleichzeitig eine Berufs- und Studienberatung sein. Dennoch gilt: Die Studienrichtung sollte nach Begabung und Engagement gewählt werden – bei Vorliegen dieser Voraussetzungen auch dann, wenn derzeit die Aussichten für den Wunschberuf nicht günstig sein sollten. Niemand(!) kann vorhersagen, was in zwanzig oder gar vierzig Jahren sein wird.

Frage-Nr.: 1310
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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