FH = bessere Vorbereitung auf die „Praxis“?

Ihre Serie lese ich seit Jahren mit Interesse – größtenteils mit Vergnügen und zustimmend. Bei Diskussionen mit Studenten zum Thema Arbeitsmarkt empfehle ich Ihre Artikel weiter.Die Frage 1.293 „STUDIUM – optimal auf die Praxis vorbereitet?“ und Ihre Antwort darauf bedarf meiner Ansicht nach einer wichtigen Ergänzung: Der Hinweis auf das Studium an einer Fachhochschule!Die vom damaligen Fragesteller und Ihnen aufgeworfenen Defizite der Universitätsausbildung sind beim FH-Studium vermieden. Die Fachhochschulen z. B. in Baden-Württemberg bieten:- eine Studiendauer von 8 Semestern, welche von 50% der Studenten auch eingehalten wird;- darin enthalten sind zwei volle Praxissemester im 3. und 6 Semester;- überwiegend wird die Diplomarbeit ebenfalls „draußen“ in der Industrie angefertigt;- die Vorlesungen sind praxisorientiert, Labors und Studienarbeiten ebenfalls;- die FH-Professoren müssen mindestens 5 Jahre Berufserfahrung nachweisen;- ungefähr 15% des Lehrangebots wird von Lehrbeauftragten aus der Praxis gestaltet;- im Wahlpflichtbereich bei den Technikern ist eine bestimmte Stundenanzahl für Fächer aus dem Wirtschafts- und Sozialbereich reserviert;- es werden Zusatzqualifikationen (im Rahmen der Regelstudienzeit) wie z. B. Internationale Wirtschaft angeboten.Damit kann sich ein Studienwilliger das Studium aussuchen, was er für seine Person für richtig hält und die Industrie kann die Bewerber einstellen, welche sie für geeignet hält.Auf der Kehrseite dieser Medaille steht, daß vielen Studenten und der Industrie ein FH-Studium „nicht gut genug“ ist, was zum oben angesprochenen Universitätsstudium (zurück-)führt.Um dem unerquicklichen Jagen nach der eierlegenden Wollmilchsau zu entgehen, besteht gewissermaßen Informationspflicht für alle Seiten. Ein vielfältiges Angebot in Form von Berufsakademien, Fachhochschulen und Universitäten ist vorhanden. Sich vorher eingehend (!) zu informieren ist besser, als hinterher zu lamentieren.gez. Prof. Dr.-Ing. …., Fachhochschule ….

Antwort:

Man, gemeint bin ich, muß sehr, sehr vorsichtig sein, wenn man sich vor dem Leserkreis dieser Zeitung auf etwas einläßt, das auch nur so aussieht als käme es einem Vergleich FH:TH mit Wertung bzw. Urteil nahe. Sehr vorsichtig sogar.Nun sehen Sie ja, daß ich gewarnt bin und also zumindest nicht blind in diese Falle tappe. Auf alle Fälle gilt es festzuhalten, daß bei diesem Thema eine Vielzahl von Emotionen im Spiel ist. Seien wir uns dessen also bewußt ….Zunächst zwei wichtige Aussagen:1. Ich fühle mich absolut nicht berufen, vor so kundigem und fast ausnahmslos betroffenem(!) Publikum einen kompetenten Detailvergleich beider Studiensysteme durchzuführen. Auch zweifle ich keine Ihrer aufzählenden Aussagen über FH-Pluspunkte an, glaube aber fest, daß ein engagierter TH-Professor, ließe er sich darauf ein, ebenso viele positive Aspekte „seiner“ Richtung aufzählen könnte. Vielleicht könnte er zu einigen Ihrer Punkte sogar ausführen, dieses Kriterium sei bei ihm ebenfalls gegeben.2. Es ist schön, daß Sie die Berufsakademien mit erwähnt haben. Viele ihrer Vertreter sind besonders empfindlich, wenn sie Mißachtung vermuten. Nun sind sie bei den Alternativen dabei (wenn ich auch zugebe, daß ihre ganz sicher vorhandenen spezifischen Gegebenheiten noch nicht aufgelistet wurden). Aber die Gesamthochschulen, die sich rühmen könnten, sie böten beides, nämlich FH- oder TH-Ausrichtung nach Wahl, fehlten bei Ihnen noch. Jetzt sind auch sie mit im Boot.Zum „harten Kern“ Ihres Briefes: Als Sie (im vorletzten Punkt Ihrer Auflistung) den Begriff „Techniker“ erwähnten, fiel mir die Lösung für eine angemessene Antwort ein. Sie hat mit der in unserer Sprache oft vorkommenden Mehrfachbedeutung eines Begriffs zu tun.So sind „Techniker“ einmal pauschal alle Menschen, die sich beruflich mit Technik beschäftigen, also z. B. alle Studenten und Absolventen technischer Disziplinen im Gegensatz etwa zu den „Kaufleuten“, die also etwa Dipl.-Kaufleute, Dipl.-Ökonomen, Dipl.-Betriebswirte etc. werden wollen oder geworden sind. Danach gehört der Dr.-Ing. ebenso zu den „Technikern“ wie der Absolvent einer Berufsakademie, übertragen auf das betriebliche Umfeld könnten auch noch die Meister einbezogen werden.Wird aber betriebsintern eine offene Stelle besetzt und ein Anforderungsprofil formuliert oder plant man, einen konkreten Ausbildungsabschluß zu erreichen, dann ist ein „Techniker“ plötzlich nur noch der Absolvent einer speziellen Technikerschule, der in der betriebsintern üblichen Ausbildungshierarchie ganz klar eine Stufe unterhalb des Dipl.-Ing. (FH) angesiedelt ist. Man könnte auch sagen – und vermutlich widerspricht kein Absolvent dieser Art von Ausbildung – ein Techniker sei noch praxisorientierter ausgebildet als ein Ingenieur.Und genau darauf wollte ich hinaus (nicht auf den Techniker, sondern auf die Praxisorientierung). Es gibt nämlich auch zwei Bedeutungen von „Praxis“ und beide werden „in der Praxis“ ständig gebraucht:a) Die Praxis im rein fachlich-ingenieurmäßigen Sinne, bezogen auf die Situation in den Betrieben „draußen“: Hier ist der FH-Absolvent (und die anderen ähnlich zu sehenden Nicht-Uni-Absolventen) nach meiner Meinung durchaus besonders praxisnah ausgebildet. Voraussetzung ist, er ergreift die Chance, die ihm geboten wird und nutzt den diesbezüglichen Praxisbezug eines FH-Studiums voll aus. Ich darf in dem Zusammenhang auch noch einmal an die gute alte Tradition der Lehre (es ist mir egal, daß sie heute nicht mehr so heißen soll, jeder nennt sie so) erinnern: Der TH-Absolvent hat (leider) fast nie eine, das längere Studium steht zumeist dagegen; mit Lehre vorher und Promotion danach zuzüglich Wehrdienst wäre er erschreckend alt.Insbesondere die mittelständische Wirtschaft sucht oft für Anfänger- und Managerpositionen gezielt den FH-Ingenieur wegen vermuteter größerer Nähe zu dieser Art von „Praxis“. Und wenn diese Unternehmen wählen können, nehmen sie den mit Lehre!b) Die andere Art von Praxis, die nichts mit „ingenieurmäßigem Arbeiten“ (ein scheußliches Wort, für das es z. B. kein entsprechendes bei Kaufleuten gibt!) zu tun hat, aber mit der Kenntnis von „Spielregeln für Beruf und Karriere“ – von der Bewerbung angefangen über das Auftreten im Vorstellungsgespräch, das Planen einer Laufbahn, das sinnvolle Gestalten eines beruflichen Werdeganges einschließlich Tätigkeits-, Branchen- und Arbeitgeberwechsel, das Verhalten gegenüber den Vorgesetzten, das Einordnen im Betrieb bis zum Erzielen guter Zeugnisse etc. Sagen wir, es geht um die „nichttechnische“ Praxis – wer Beispiele sucht, liest einfach nach in den bereits erschienenen Beiträgen meiner 14 Jahre Karriereberatung in den VDI nachrichten.Und nun ein großes Wort, gelassen ausgesprochen: Die Beherrschung dieses Teils der Praxis macht insgesamt mindestens 50% des Berufserfolges auch eines Ingenieurs aus, bei solchen in verantwortlichen Positionen deutlich mehr! Daran scheitern mehr Ingenieure, dafür stehe ich, als an der Nichtbeherrschung noch einer technischen Formel oder eines weiteren DV-Programms. Letzteres kann man jederzeit schnell lernen, ersteres nie schnell – und vor allem nur, wenn man überhaupt das Problembewußtsein dafür vermittelt bekam!Da sind wir nun bei des Pudels Kern: Ich behaupte (auf der Basis von wirklich sehr intensiver Erfahrung), daß nach dieser Definition von Praxis die Fachhochschule generell keinen wirklichen Vorsprung vor der Technischen Hochschule/Universität hat.Nehmen wir ein Beispiel, ein wiederum gewagtes in dieser Zeitung: In der Marktwirtschaft ist das Ziel aller technischen Bemühungen letztlich das verkaufbare Produkt und dessen Vertrieb gegen Geld. Zumindest die Arbeitgeber der Ingenieure, die Industriebetriebe, sehen das so. Und? Wo gibt es eine Standard-Vorlesung für Ingenieure über dieses eine Ziel ihres späteren Tuns, über den Vertrieb? Nach meinen Erfahrungen, von zahlreichen Ex-Studenten bestätigt, nehmen die meisten Professoren das Wort „Verkauf“ nur dann in den Mund, wenn sie Gelegenheit haben, sich danach die Zähne zu putzen. Das aber ist nicht praxisgerecht, ja das ist praxisfremd! (Ein Studienschwerpunkt „Vertriebsingenieur“ hingegen würde den Absolventen ungeahnte Chancen öffnen.)Und ich kann, wenn ich Ingenieure als Absender von Bewerbungen oder in Vorstellungsgesprächen kennenlerne, keinen Vorsprung der FH- vor den TH-Absolventen ausmachen!Diese „nichttechnische“, auf die „Spielregeln“ bezogene Praxisnähe war es, die der von Ihnen zitierte Einsender in seinem (Universitäts-) Studium vermißte. Ich habe ihn nicht auf die FH verwiesen, weil das für ihn keine Lösung gewesen wäre – und weil ich an den Ergebnissen des FH-Studiums, an den FH Absolventen, auf diesem Gebiet keine nennenswerte Überlegenheit gegenüber den TH-Resultaten erkennen kann.Aber in einem zentralen Punkt stimme ich Ihnen absolut zu: Jeder, der ein Studium aufnehmen will, sollte sich vorher sehr sorgfältig über die Besonderheiten und über die unterschiedlichen Anforderungen eines FH- bzw. eines TH-Studiums informieren. Keines ist generell das „bessere“ oder das „allein richtige“ Studium. Nur bezogen auf die vorhandene Qualifikation des einzelnen Schulabgängers und(!) auf seine beruflichen Zielsetzungen kann eine Variante klar besser oder richtiger sein!Wenn ich den Fachhochschulen etwas raten darf in dem Zusammenhang: mehr Mut, mehr Selbstbewußtsein, mehr Gelassenheit, weniger – teilweise mimosenhafte – Empfindlichkeit. Die Institution FH ist bewährt, baut sie doch auf Institutionen mit langer Tradition auf. Ihre Absolventen sind gesucht und in der Wirtschaft anerkannt. Fragt man jedoch einen späteren FH-Ingenieur, warum er sich damals für diese Richtung entschied, geht er oft in Verteidigungsstellung und rechtfertigt, teils aggressiv-sendungsbewußt, teils mit Unterstützung von allzu vielen Argumenten, seine Wahl. Der TH-Ingenieur reagiert auf die gleiche Frage viel unverkrampfter. Ein gutes Beispiel, geehrter Einsender, ist der vorletzte Absatz Ihres Briefes.Aus meiner Sicht stellt sich die Situation am Markt heute so dar: Es gibt ein durchaus breites Feld von Ingenieurpositionen, für die gleichermaßen sowohl TH- wie FH-Absolventen (mit oder ohne Berufspraxis) gesucht und akzeptiert werden. Erkennbar sind entsprechende Stellenanzeigen beispielsweise an der Formulierung „TH/FH“ oder an dem Fehlen jeglichen Zusatzes zum „Dipl.-Ing.“ im Anforderungsprofil bzw. schon in der Schlagzeile.Dann gibt es Positionen, für die auf der einen Seite eindeutig TH-, auf der anderen Seite eindeutig FH-Qualifikationen gesucht werden. Selbst dabei ist es dem jeweils „falschen“ Ingenieur durchaus noch erlaubt, sich dennoch zu bewerben, wenn er z. B. im fachlichen Bereich (Erfahrungen) besonders gut paßt und das „falsche“ Studium sein einziges Problem wäre (gilt weniger für Anfänger, sondern für berufserfahrene Bewerber).Werden die Anforderungen jedoch noch „härter“ auf einem Extrem der Skala festgeklopft, wäre für manchen der Sprung zu groß. Beispiel: Wird ein FH-Ingenieur mit Lehre gesucht, ist der TH-Ingenieur „ohne“ fast chancenlos. Wird ein TH-Studium mit Promotion gefordert, hat eine Bewerbung des FH-Ingenieurs keinen Sinn.Als Ausblick: Ich wüßte durchaus auch, welchem Schulabgänger (Noten, Ziele, Bereitschaft zur Zahlung angemessener „Preise“) ich generell welches Studium (FH/TH) empfehlen würde. Da die Frage hier aber nicht gestellt ist (und wegen meiner Eingangsbemerkung), lassen wir es erst einmal dabei. Warten wir einfach ab, ob es Leserreaktionen dazu gibt.

Kurzantwort:

Der vermeintliche Vorsprung der FH in Sachen Praxisorientierung ist differenziert zu sehen.
Frage-Nr.: 1304
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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