Optimal auf die Praxis vorbereitet?

Ich ärgere mich über die Naivität (man muß es wirklich so nennen), mit der heutzutage Hochschulen – ich schließe von „meiner“ (Examen 1997, seitdem glücklich im Beruf) einfach einmal auf andere – ihre Absolventen in die freie Marktwirtschaft entlassen. Viele Absolventen sind trotz ihrer eigenen „Schuld“ an der beruflichen Misere (ungünstige Bewerbungen, Fehler bei Vorstellungsgesprächen) nicht immer auch unbedingt selbst dafür verantwortlich.An meiner Universität hat uns unser Dekan erzählt, „die Unternehmen warten auf euch“. Und: „Sie verfügen über das neueste Fachwissen und haben auf allen übrigen Gebieten des Engineerings zumindest Grundwissen – beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsstart!“Meiner Meinung nach ist das eine glatte Lüge. Es ist einfach nicht so, daß „da draußen“ jemand auf uns wartet. Wir warten – nämlich darauf, daß uns jemand erlaubt, für ihn zu arbeiten und nicht umgekehrt.Ich habe damals mein Diplom erhalten, weil ich in den Klausuren etwas über Technische Mechanik und Sicherheitstheorie, etwas über Materialkunde und BWL und etwas über Regelungstechnik und Technischen Umweltschutz wußte. Niemand hat mich gefragt, ob ich denn weiß, was mich nach meinem Studium „da draußen“ wirklich erwartet. Niemand wollte wissen, ob ich es fertigbringe, mich bei Vorstellungsgesprächen richtig zu verkaufen. Keiner hat den Versuch unternommen, auch nur anzudeuten, wie schwierig der Berufsstart wirklich ist.Nur wie toll es wird, das hat man uns gesagt.Sie nun werden sagen: „Wenn man sich da nicht selbst drum kümmert, ist man selbst schuld.“Vielleicht ist es auch so. Vielleicht könnte aber von deutschen Hochschulen dieser „Selbsterfahrungsprozeß“ auch ein bißchen(!) unterstützt und vorbereitet werden. An „meiner“ Hochschule was das jedenfalls nicht so – und darüber ärgere ich mich. Obwohl ich es geschafft habe.

Antwort:

Sie treffen einen Nerv. Einen des deutschen Ausbildungssystems, einen vieler Betroffenen und einen bei mir.Ich werde in meiner Antwort erläutern, daß es noch viel schlimmer ist als Sie bisher wissen (können), daß es Hochschullehrer gibt, die dieses Problem mit aller verfügbaren Arroganz von sich weisen – aber daß es gerade in diesem Bereich auch sehr positive Ansätze gibt.Schließlich waren es exakt die von Ihnen beschriebenen Wissenslücken der jungen Absolventen – auf denen diese dann im weiteren Berufsleben konsequent „aufbauten“ – die mich so um 1975 herum zu meinem Engagement in Sachen „Information über die Anforderungen in der Praxis“ angeregt haben. Vielleicht habe ich ja doch dazu beigetragen, daß sich manches bewegt hat inzwischen. Und wenn es das Forum ist, das Sie hier für das Artikulieren Ihres Ärgers vorfinden.Zunächst zum Problem als solchem: Es geht keineswegs nur um die Bewerbung einschließlich der Vorstellungsgespräche beim ersten Job nach dem Studium. Das kommt dem davon Betroffenen nur wie der Kern aller Schwierigkeiten vor.Es geht zusätzlich um Probleme wie

  • Gestaltung des Studiums nach den Anforderungen der Praxis (inkl. Industriepraktika und Auslandstouch),
  • die Auswahl (sofern möglich) des „richtigen“ Einstiegsunternehmens, das zur eigenen Langfristkarriereplanung paßt,
  • die Definition realistischer beruflicher Zielsetzungen und die Kenntnis der Regeln, die in diesem „Spiel“ gelten,
  • das erfolgreiche „Überleben“ gerade im ersten Job und dann auch in den danach folgenden,
  • das Auskommen mit Chefs, Kollegen und Mitarbeitern,
  • das Erzielen guter Beurteilungen intern und später in Zeugnissen,
  • das Erreichen beruflicher Fortschritte (Beförderungen) in angemessenen Schritten und Zeiträumen,
  • das Wechseln von Arbeitgebern in angemessener Häufigkeit (nicht zu oft und nicht zu selten),
  • das Erkennen von Sackgassen und Einbahnstraßen, wenn es gilt, in- oder externe Angebote (Versetzungen, Beförderungen, Auslandseinsätze) zu bewerten,
  • die Unterscheidung zwischen den Erfordernissen bzw. Merkmalen einer hausinternen Karriere und einer auf Akzeptanz im Markt aufbauenden Berufsweggestaltung.
  • Ich sehe den Kern der ganzen Thematik ganz schlicht in einem Definitionsproblem:Es beginnt mit scheinbar grenzenloser Harmonie. Die Hochschule bildet Diplom-Ingenieure aus, die Wirtschaft sucht Diplom-Ingenieure – eigentlich könnten beide glücklich werden. Schließlich liefert einer, was der andere braucht.Wenn da nicht der Teufel im Detail der Begriffsbestimmung steckte. Ihr Dekan ist ein gutes Beispiel. Was er sagt, ist typisch für die Meinung vieler Universitäten und der Wissensvermittler dort. Aber Vorsicht: Die Uni ist in einer modernen Marktwirtschaft „nur“ der Produzent einer Leistung – es gilt hingegen: Der „Käufer“ hat recht, an seinen Erfordernissen hat sich der „Hersteller“ sich zu orientieren. Als Käufer treten die Unternehmen auf – und sie meinen etwas ganz anderes als die Unis, wenn sie den Begriff „Ingenieure“ verwenden:Für die Hochschule ist ein „Diplom-Ingenieur“ ein Mensch mit einer bestimmten fachlichen Qualifikation (Fachwissen und -können). Aus.Die Unternehmen jedoch verstehen unter einem Diplom-Ingenieur“, den sie einstellen wollen,a) ebenfalls einen Menschen mit einer bestimmten fachlichen Qualifikation (Fachwissen und -können).b) Sie erwarten jedoch sozusagen „automatisch“ (also in der „Produktdefinition“ selbstverständlich enthalten) diverse weitere Qualifikationskriterien; der gesuchte Mensch muß z. B. sein
    • anpassungsfähig, beharrlich, belastbar, bescheiden, durchsetzungsfähig, dynamisch, eigenmotiviert, engagiert, flexibel, frustrationstolerant, hart arbeitend, kämpferisch, kollegial, konsensfähig, korrekt, kritikfähig, kritisch, loyal, markt- und kundenorientiert, motivierend, offen für neue Gedanken, teamfähig, überzeugend, zielstrebig, zuverlässig. Diese Aufzählung ist nicht vollständig, sie gilt auch nicht bei jeder Position und die Kriterien werden auch nicht stets gleich gewichtet – aber das Prinzip wird deutlich. An jedem dieser Einzelkriterien kann ein Ingenieur schon bei der Einstellung oder später scheitern, man sieht in ihm dann einen „schlechten Ingenieur“ (nach Industriestandard).

    c) Zusätzlich und wiederum „automatisch“ erwarten die Unternehmen, daß der als „Diplom-Ingenieur“ gesuchte Mensch

    • sein Studium in kurzer Zeit mit gutem Ergebnis abgeschlossen hat,
    • die Studienzeit genutzt hat, um Industriepraxis und Auslandserfahrung zu erwerben, sich in Teamarbeit und ersten außeruniversitären Führungsfunktionen (letzteres bei Trainees und anderen Führungsnachwuchskräften) zu bewähren,
    • sich im gesamten Bewerbungs-/Vorstellungsprozeß optimal „verkauft“,
    • die Grundzüge der Marktwirtschaft kennt und respektiert,
    • nicht schon längere Zeit arbeitslos, gesund, möglichst nicht vorbestraft, der deutschen Sprache mächtig ist, den offerierten Job nicht nur akzeptiert, sondern begeistert liebt etc., etc.

    Auch diese Liste ist nicht endgültig, sie soll nur problembewußt machen.Praktisch bildet die Hochschule aus der Sicht der Industrie keinen einsatzfähigen Ingenieur aus, sondern eine Art Anwärter, der „so viel an Fachlichem vermittelt bekam, daß – persönliche Begabung einmal unterstellt – eine gewisse Chance besteht, er könne nach intensiver Einarbeitung, nach weiterer Schulung und am Ende eines Selektionsprozesses eventuell den Anforderungen an einen Diplom-Ingenieur gerecht werden“. Der Absolvent ist aus dieser Sicht eine Art „Dipl.-Ing.-Anwärter in Hoffnung“.Umgekehrt kann natürlich die Hochschule auf ihrer Definition beharren, „ihren“ Dipl.-Ing. weiter als den „Diplom-Ingenieur schlechthin“ definieren und den von der Industrie gesuchten Menschen schulterzuckend als eine Art „Dipl.-Ing. Super Plus“ bezeichnen, für dessen Zusatzqualifikation sie nicht mehr zuständig sei. Wäre da nicht die Marktwirtschaft mit ihrer Käuferdominanz. Auch der Automobilverkäufer will ein fahrbereites Auto – und kein Fragment, dem er erst noch Räder anmontieren und das er selbst lackieren muß.Und selbstverständlich können die einzelnen Hochschullehrer auf ihre Lehrpläne, auf ihren Beamtenstatus, auf die Vorgaben der Kultusminister usw. verweisen und sich damit „heraushalten“, was manche mir gegenüber mit aller Schärfe auch schon getan haben. Was sie aber keineswegs alle tun. Es gibt zahlreiche Ansätze für positive Überlegungen einzelner Hochschulen bzw. einzelner Professoren. Diese wollen ihre Absolventen besser gerüstet wissen für ihre überwiegende Zweckbestimmung: die erfolgreiche Bewährung in jener Welt „da draußen“. Es liegt auch an den Studenten, diese Bemühungen zu honorieren. Und damit jene Ansätze zu stärken.Ich habe absolut keinen Überblick über die gesamte deutsche Hochschullandschaft. Aber ich berichte gern über ein mir persönlich bekanntes Einzelbeispiel: So bietet die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg im Sommersemester 1998 einen „Angebotskatalog nichttechnischer Wahlpflichtfächer“ für die Studiengänge Elektrotechnik, Maschinenbau, Verfahrenstechnik/Thermischer Maschinenbau im Hauptstudium an.Darunter sind z. B. Lehrveranstaltungen der Fakultät für Maschinenbau wie „Projektgruppen effizient führen“, „Konfliktsteuerung“ und „Spielregeln für Beruf und Karriere“ (letzteres im Angebot als „absolutes Muß für jeden Ingenieurstudenten“ bezeichnet und von mir durchgeführt, daher meine Kenntnisse).Ich fordere entsprechende Aktivitäten der Hochschulen seit vielen Jahren – sehe ich doch darin eine sehr wichtige und nützliche Hilfestellung der ausbildungsbeauftragten Institutionen für die ihnen anvertrauten Studenten. Natürlich sind entsprechende Forderungen nicht nur an die Hochschulen selbst zu richten; gerade auch die für Zielsetzung und Mittelbereitstellung zuständigen politischen Gremien sind gefordert, hier zusätzliche Freiräume für Eigeninitiativen zu schaffen. Aber das Beispiel zeigt: Wenn jemand das energisch will und betreibt, geht es schon heute.

Kurzantwort:

In diesem Beitrag erfahren Sie (fast) alles über Zeugnisse und sei es durch direkte und indirekte Literaturhinweise.
Frage-Nr.: 1293
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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