Heiko Mell

Zeugnis: Setzen Sie keine falschen Prioritäten

Ich gehe seit vielen Jahren nahezu täglich mit Arbeitszeugnissen um, optimiere Mitarbeiter- und Arbeitgeberentwürfe, analysiere Aussagen und bewerte die Wirkung auf Leser. Dabei sehe ich immer wieder, dass die betroffenen Mitarbeiter ihre Energie und oft sogar ihre Leidenschaft auf ein falsches Ziel konzentrieren. Was natürlich auch bedeutet, dass die richtigen Ziele zu wenig davon abbekommen.

Ein Zeugnis enthält einige sehr bedeutende Informationen: Beschäftigungsdauer (von – bis), eine durchgehende oder eben verschiedene Tätigkeits-/Positionsbezeichnungen mit Angaben zu jeweiligen Ernennungs- bzw. Versetzungsangaben, möglichst die Darstellung von erzielten Erfolgen/Ergebnissen des Mitarbeiters in einem zentralen „Erfolgsabsatz“ – und die Bewertung im Detail und als „Gesamtschulnote“. Dann geht es noch um das Ausscheiden (wer hat wem gekündigt?), um das eventuelle Bedauern des Arbeitgebers und eventuell noch einmal um den Dank für die tollen Leistungen (hoffentlich).

Worauf konzentriert sich aber der Mitarbeiter in seinen Entwürfen oder in seiner Replik auf Vorschläge des Arbeitgebers? Auf die Aufzählung von Tätigkeitsdetails. Die, wie Ihnen vielleicht beim Lesen obiger Detailangaben aufgefallen ist, in der Auflistung der bedeutenden Informationen in einem Zeugnis gar nicht vorkommen.

Wofür es gute Gründe gibt:

  1. Im – anzustrebenden – Normalfall wird das Zeugnis erst etwa fünf oder mehr Jahre nach seiner Ausstellung irgendwo vorgelegt. Weil man sich aus ungekündigter Position hinter dem Rücken seines Arbeitgebers bewirbt, dabei noch gar kein Zeugnis vom derzeitigen Unternehmen hat, einen neuen Vertrag bekommt, das bestehende Arbeitsverhältnis kündigt – und ein Zeugnis in der Regel erst am letzten Arbeitstag ausgehändigt bekommt (es also in der aktuellen Bewerbungsphase noch gar nicht hatte).

Schön, oft muss man dem neuen Arbeitgeber das Dokument vom alten nachreichen, aber das ist meist bloß noch Formsache. Wenn den neuen Chef etwas interessiert in diesem Dokument, dann die Bewertung.

Da man von etwa fünf Jahren üblicher Beschäftigungsdauer beim neuen Arbeitgeber ausgeht, braucht man ein Zeugnis des alten erst dann wieder. Es ist zwar ein sehr wichtiges Dokument – aber gerade die Details zur Tätigkeit sind zu jenem Zeitpunkt veraltet, sie werden von der dann „heutigen“ Tätigkeit überstrahlt.

  1. Im normalen Beurteilungsprozess bei einer Bewerbungsaktion geht der Profi auf der Seite des potenziellen neuen Arbeitgebers so vor: Er liest zunächst den Lebenslauf einer Zuschrift. Danach entscheidet er, ob dieser Kandidat für ihn überhaupt interessant ist. Das „überleben“ etwa zehn, manchmal 15 % der Bewerbungen. Bei denen liest er dann das Anschreiben und blättert er in den Zeugnissen.

Das macht er bei z. B. 60 Bewerbungen schon deshalb, weil niemand ungestraft 60 Bewerbungsanschreiben nacheinander lesen kann – er nähme sonst Schaden an seiner Seele. Und warum sollte er sich durch all jene vollmundigen Versicherungen in den Anschreiben kämpfen, dieser Kandidat sei geradezu mit einzigartigen Vorzügen ausgestattet, wenn später aus dem Lebenslauf Fakten hervorgehen, die eine weitere Beschäftigung mit diesem Bewerber uninteressant machen (fehlende Fach- und Branchenkenntnisse, zu häufige Arbeitgeberwechsel, zu geringe oder fehlende Berufs- und Führungspraxis. Alter, lange Arbeitslosigkeit etc.)?

Fazit: Der Lebenslauf ist das Kernelement einer Bewerbung. Welche Positionen mit welchen zur angestrebten Position passenden (!) Tätigkeitsdetails wie lange und wo innegehabt wurden – diese Angaben in jenem Dokument entscheiden über die erste, wichtige Beurteilung einer Bewerbung. Wer sich dort zu wenig Mühe gibt und sich auf eine ausführliche Auflistung solcher Details im Zeugnis verlässt, vergibt eine wichtige Chance.

Nicht ohne Grund sieht man oft Zeugnisse sehr großer – also durchaus auch maßstabsbildender – Konzerne, in denen nach einer Positionsbezeichnung etwa nur fünf oder sieben relativ knappe Detailaufgabenbereiche geschildert werden. Wenn der Bewerber daraus in seiner pro Zielposition individuell formulierten Darstellung (!) im Lebenslauf zehn oder fünfzehn macht, andere Schwerpunkte setzt, die Reihenfolge ändert und weitere Funktionen anführt, die im Zeugnis gar nicht erwähnt werden, geht das erst einmal in Ordnung.

  1. Der Bewerbungsempfänger will wissen, was der Kandidat fachlich bisher gemacht hat. Dabei ist die Beschreibung der heutigen Position die wichtigste Information. Im Regelfall erfolgt die Bewerbung aus ungekündigter Position, aus der es noch gar kein Zeugnis gibt. Der Bewerbungsempfänger ist es also gewohnt, diese wichtigen aktuellen Tätigkeitsdetails dem Lebenslauf zu entnehmen. Bei der Gelegenheit entnimmt er auch gleich die früheren, durch Zeitablauf weniger wichtig gewordenen Tätigkeitsdetails dem Lebenslauf, obwohl es aus jenen Phasen Zeugnisse gibt.

Fazit: Kämpfen Sie in Zeugnistexten um korrekte Fakten, freundlich-positiv wirkende Darstellungen und Formulierungen sowie natürlich um möglichst positive Beurteilungen. Aber verschleißen Sie sich nicht in Diskussionen mit dem Chef und der HR-Mannschaft wegen einiger zusätzlicher Tätigkeitsdetails – die zwar korrekt wären, Sie aber in der nächsten Bewerbungsaktion in etwa fünf Jahren nicht weiterbringen.

Frage-Nr.: 488
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-10-26

Von Heiko Mell

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