Heiko Mell

Wir und unsere Muttersprache

Frage 1

(Ich engagiere mich hier immer wieder einmal für einen halbwegs regelgerechten Umgang mit unserer Muttersprache, so z. B. in dem von Lesern immer wieder gern zitierten Beitrag „Meine Frau schlägt Ihre Tochter“. Die zahlreichen und von großer Anteilnahme am Problem kündenden Zuschriften kann ich gar nicht alle abdrucken und hoffe, die Einsender verzeihen mir. Eine Ausnahme allerdings muss ich machen, ich habe die noch sehr junge Dame schon allzu lange warten lassen – und das hat gerade sie nicht verdient; H. Mell):

Zuerst darf ich vielleicht schreiben, dass ich schon seit vielen Jahren zu Ihren regelmäßigen Lesern gehöre. Ich glaube, ich war noch in der Grundschule als ich zum ersten Mal Ihre Seite der VDI nachrichten gelesen hatte – und so interessant fand, dass ich seitdem die meisten Ihrer Beiträge kenne. Natürlich kann ich nicht alles davon „einsortieren“, Sie schreiben letztlich von einer mir noch fremden Welt.

Aber manche Artikel kann ich sehr wohl einordnen, so zum Beispiel den Artikel „Meine Frau schlägt Ihre Tochter“ vom 31.03.2017. In Ihrem Text zeigen Sie sich überrascht von der beobachteten Fehlerquote und stellen die Frage nach deren Ursache.

Mich hat Ihre Feststellung, dass viele Einsendungen, die Sie erhalten, diesbezüglich fehlerhaft sind, kaum verwundert, denn ich besuche die elfte Klasse eines Gymnasiums. Ich bin mir sicher, dass 90% aller SchülerInnen in meiner Stufe nicht in der Lage sind, die formelle Anrede („Sie, Ihre“) korrekt zu verwenden.

Diese Unfähigkeit hat ihren Ursprung zu einem großen Teil im Lehrplan. Abgesehen von einer kurzen Einheit zum Thema „Bewerbung“ in der neunten Klasse wurden formelle Briefe nie thematisiert. Stattdessen haben wir Liebeslyrik, Dramenszenen und Romanausschnitte analysiert, interpretiert und erörtert. Mit dem Ergebnis, dass eine große Mehrheit der Schüler, die nach ihrer Schulentlassung im nächsten Jahr an den Hochschulen zu den Fachkräften von morgen ausgebildet werden sollen, nicht in der Lage ist, „Sie“ und „sie“ auseinanderzuhalten.

Antwort 1 

Und genau das mit genau dieser Begründung kann ich weder akzeptieren, noch überhaupt verstehen. Ein fast erwachsener Mensch (11. Klasse, also etwa 17 oder 18 Jahre alt) steht kurz vor der Volljährigkeit, vor Rechten wie Teilnahme an Wahlen, vom Führerschein ganz zu schweigen. Er beherrscht mit beeindruckender Virtuosität sein Smartphone und die Regeln hochkomplexer Computerspiele. Ich sehe an meinen Enkelkindern im Grundschulalter bereits heute, wie sich das mit steiler Lernkurve eindrucksvoll entwickelt.

Ich gehe ganz schlicht davon aus, dass z. B. die Schüler der elften Klasse nicht nur über solches Wissen und/oder jene Fähigkeiten verfügen, die in der Schule auf dem Lehrplan standen. Ich unterstelle weiterhin, dass ein neu in die Klasse kommender Schüler keine Gnade vor ihren Augen fände, wenn er eingestehen müsste, mit den vielen Möglichkeiten seines Smartphones nicht zurechtzukommen und sich in den sozialen Medien nicht auszukennen. Und zwar, so könnte er sich zu entlasten versuchen, weil „so etwas“ in seiner früheren Schule nicht auf dem Lehrplan gestanden hätte. Denn es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die muss man einfach wissen (Lebenstüchtigkeit) und die weiß man eben auch, ob sie nun auf Lehrplänen gestanden haben oder nicht. Die Differenz fällt unter „Eigeninitiative“, welche später von Arbeitgebern sehr gesucht wird.

Es gibt tatsächlich sogar viele Erwachsene im Alter von 30 oder 40 Jahren, die trotz eines Abiturs spätere Lücken in der Allgemeinbildung damit entschuldigen, das diesbezügliche Schulfach wäre oft ausgefallen, die Lehrer hätten häufig gewechselt oder wären krank gewesen. Das jedoch, ich betone es gern, wird von einem halbwegs anspruchsvollen Umfeld als Ausrede nicht akzeptiert.

Und von einem in Liebeslyrik versierten Schüler recht kurz vor dem Abitur würde ich erwarten, dass er „Sie“ und „sie“ in einem Schriftstück weitgehend richtig gebraucht, ob das nun Schulstoff war oder nicht.

Die dahinter stehende Systematik ist einfach, logisch und in etwa drei Minuten erschöpfend zu vermitteln oder eben zu verstehen. Wenn es denn gewollt ist – und ich glaube, da haben wir „des Pudels Kern“ (frei nach Goethe).

Frage 2 

Dieses Phänomen ist allerdings erst die Spitze des Eisbergs: Viele Schüler haben eine miserable Rechtschreibung. Zum Beispiel ist es in meiner Stufe keine Seltenheit, dass in einer Klausur eines durchschnittlichen Schülers fünfzehn Rechtschreibfehler auf drei Seiten zu finden sind. Als ehrenamtliche Betreuerin einer Jugend-Freizeit wurde ich Zeugin seltsamer Schreibweisen. Da charakterisieren sich 13-Jährige als „caotisch“, sie hörten auch gerne „Musiek“.

Antwort 2 

Diese Art der allgemeinen Rechtschreibung im Gegensatz zu dem abgegrenzten Spezialproblem mit „Sie“ und „sie“ ist nur durch vielfaches Üben in der Schule von Anfang an, durch kompromissarm korrigierte und benotete Diktate und eben durch den Willen eines Systems in den Griff zu bekommen, das seinen Schülern zumindest ein Basiswissen im Bereich Rechtschreibung vermitteln will. Ich fürchte unseres will einfach nicht, warum auch immer.

Aber als Warnung: Ein Kind ohne halbwegs solide Rechtschreibkenntnisse muss später im Beruf oder bei den Bemühungen in dieser Hinsicht (z. B. bei Bewerbungen) mit Problemen rechnen. Es könnte weder als Konditor arbeiten, weil da Torten zu beschriften sind, noch etwa als Gastwirt, weil es da auf schwarzer Tafel die täglich wechselnden Gerichte vorzustellen gilt. Nun, fundierte Kenntnisse in Liebeslyrik könnten ja vielleicht als Ausgleich anerkannt werden (nur nicht von mir und ein paar Gleichgesinnten).

Und bevor mir hier die Pferde durchgehen, beruhige ich mich mit einem Beispiel, das die Vergeblichkeit solcher Aufregungen ebenso unterstreicht wie die Gewissheit, dass auch dieser Aspekt noch nicht den endgültigen Untergang der Menschheit einleitet: Man hat, so habe ich einmal gelesen, Tontäfelchen aus dem alten Ägypten gefunden, auf denen sich kluge Köpfe vor ein paar tausend Jahren über die hoffnungslos ungebildete, undisziplinierte, unerzogene „heutige“ Jugend ausgelassen hatten. Irgendwie ist es dennoch immer weitergegangen. Das soll uns nicht daran hindern, stets um einen möglichst hohen Grad von Vollkommenheit zu kämpfen. Aber es soll Enttäuschungen auf dem Weg dorthin relativieren. Schade, dass meine Generation nicht mehr lesen kann, was eines Tages die dann erwachsenen Kinder und Enkelkinder unserer Einsenderin über die Generation(en) nach ihnen so schreiben. Falls dann überhaupt noch jemand schreibt – wodurch sich dieses Problem elegant erledigt hätte.

Frage 3

Zunächst sehe ich das Problem im NRW-Kultusministerium.

Antwort 3

Das klingt gut, ist in der Praxis aber nicht ganz so einfach. Es gibt in NRW nämlich keine so benannte Institution. Wir haben ein „Ministerium für Schule und Bildung“, das ohne das Wort „Kultur“ auskommen muss, das Sie aber vermutlich meinen. Dann gibt es noch ein „Ministerium für Kultur und Wissenschaft“, das aber vorwiegend für Kulturförderung zuständig zu sein scheint, nicht für Schulen. Der Fremdwörter-Duden meint (noch), ein Kultusministerium sei für kulturelle Angelegenheiten, Bildung und Erziehung zuständig. Aber darüber ist die Praxis wohl inzwischen hinaus.

Frage 4

Denn dort vertritt man die Meinung, dass Diktate den Lernzuwachs nicht fördern. Mittlerweile wird in der Grundschule sogar Falschschreibung toleriert. Alles unter dem Motto: „Das lernt das Kind später.“ Das ist nicht nur pädagogisch falsch, sondern auch sachlich: Der Lehrplan der gymnasialen Unterstufe sieht, genau wie in der übrigen Schulzeit, kein Rechtschreibtraining vor.

Es gibt neben dem Lehrplan noch weitere Gründe für die kollektive Rechtschreibschwäche. Zum Beispiel die Lesefaulheit, die Sie in Ihren Kommentaren schon angesprochen haben, die oft geringe Begeisterung der Deutschlehrer für ihr Fach und noch mehr.

Dass meine Beschränkung auf NRW-Lehrpläne etwas naiv ist, erlebe ich seit Jahren „live“: Ein erwachsener Bekannter hat den Arbeitgeber gewechselt, sein etwa 50-jähriger Chef ist an einem bayerischen (!) Gymnasium irgendwie zu einer Hochschulzugangsberechtigung gekommen und wurde danach von einer ebenfalls bayerischen, durchaus renommierten Fachhochschule nicht daran gehindert, ein Diplom zu erwerben. Gelegentlich sehe ich Ausdrucke von E-Mails dieses Chefs: Nur vier Rechtschreibfehler bei einem zweizeiligen Schreiben geben da schon Anlass zur Hoffnung!!!

Antwort 4

Trennen wir einmal nach Themen: Kinder mit unzureichender Bildung und mangelhaften wesentlichen Fertigkeiten (das gilt ganz besonders für Rechtschreibung und Grundrechenarten wie Dreisatz und Prozentrechnung) ins Leben zu entlassen ist unverantwortlich. Da kenne ich keine Gnade!

Lehrer berichten mir, sie hätten die klare Anweisung, ihre Schüler zu fördern, nicht etwa zu fordern. Das halte ich für falsch. Fordern ist eine ausgezeichnete Vorbereitung für das (Berufs-)Leben. Nebenbei und zusätzlich kann man immer noch fördern, wenn das aussichtsreich zu sein scheint. Und, vergessen wir das nicht, ein wenig ist die Förderung der Kinder auch immer noch Elternpflicht. Wenn die das selbst nicht können, so kann doch erwartet werden, dass sie sich um die Anwendung der zahlreichen Förderungsmöglichkeiten für ihre Kinder kümmern.

Nun zum Chef Ihres Bekannten: Sie sind noch sehr jung, ich war es auch einmal – und fühle heute noch mit jungen Menschen wie Ihnen. Aber mit – hoffentlich – etwas Altersweisheit im Rücken und auf der Basis unbestreitbarer extremer Erfahrungen im Metier muss ich Sie hier ganz vorsichtig ein wenig bremsen. Einmal wegen der Gefahr, dass Sie und Ihr Bekannter aufgrund Ihrer Angaben zu diesen Details und den vorstehenden Informationen zu Ihrer Person erkannt werden könnten. Das kann auf den üblichen Umwegen sogar zum Jobverlust des Betroffenen führen. Keine Angst, ich habe hier alles so weitgehend verändert, dass dies nicht mehr droht. Ich darf Sie ja nicht ins offene Messer laufen lassen.

Dann aber auch wegen Ihrer Formulierungen. Sie schreiben toll für eine Schülerin der elften Klasse. Aber man greift fremde Menschen nicht so subtil an: „… an einem … Gymnasium irgendwie zu einer Hochschulzulassungsberechtigung gekommen … und wurde von einer … Fachhochschule nicht daran gehindert, ein Diplom zu erwerben“ – das ist jugendlicher Überschwang (zu dem Sie berechtigt sind), der aber hier in unserer Serie über das Ziel hinausschießt. Ich will Sie nicht kritisieren, sondern Ihnen helfen, Ihr Talent zu formen. Man würde Ihre Darstellung etwa so fassen:

„Der Chef eines Bekannten hat seine Hochschulzulassungsberechtigung und sein FH-Diplom sogar im als streng geltenden Bayern erworben. Dennoch sind in seinen Mails vier Rechtschreibfehler in zwei Zeilen keine Seltenheit.“ Das ist sachlich schlimm genug, aber es vernichtet den Mann nicht. Und es legt nicht offen, dass Ihr Bekannter interne Dokumente oder auch nur Informationen „nach draußen trägt“.

Akzeptieren Sie diese Hinweise. Sie haben Talent, sind intelligent – Sie müssen so etwas wegstecken. Als Trost: Obwohl ich Ihr Großvater sein könnte, werde ich noch heute lieber gelobt als getadelt. Was damit zusammenhängt, dass Menschen in „schreibenden“ Berufen (fast, natürlich nur fast) immer auch ein wenig eitel sind. Wären sie es nicht, warum schrieben sie dann?

Zum sachlichen Teil der Schwäche jenes Chefs: Das ist schlimm – und Vorstandsmitglied oder Pressesprecher oder Vertriebsleiter kann er damit wohl nicht werden. Auch mangelt es ihm vermutlich sowohl an Selbstdisziplin als auch an Problembewusstsein. Aber er kann andere Talente haben, die in den Augen seiner Chefs jenen Mangel ausgleichen.

Frage 5

Nach der ganzen Schimpferei möchte ich noch Lob und Dank loswerden: Ihre Bewerbungsanleitung im Internet ist hervorragend und hat mir schon sehr geholfen: In der achten Klasse hatte ich mich danach gerichtet, als ich mich um einen Praktikumsplatz bei der Stadt XY bewarb – und wurde sofort genommen. Später erfuhr ich, dass die Stadt gar keine Praktikanten von außen nimmt. Offensichtlich kann aber schon eine professionell gestaltete, fehlerarm verfasste Bewerbung dazu führen, dass eine Stadt wie XY mit ungeschriebenen Regeln bricht. Vielen Dank für Ihre Hilfe, ich hoffe auf viele weitere nützliche Ratschläge.

Antwort 5

Ein, wie ich finde, durchaus einmal erlaubter und interessanter Ausflug in die Welt einer (Ausnahme-)Vertreterin der Phase vor dem Studium. Ich finde, sie hat die Anerkennung verdient, die in diesem Fall in dem Abdruck in dieser Zeitung liegt. Damit meine Kritiker nicht so intensiv nachdenken müssen, hier ein fertiges Gegenargument für sie: „Na gut, für die Belange einer achten Klasse mögen die Mell’schen Bewerbungs-Ratschläge ja ausreichen.“ Ich helfe ja gern.

Frage-Nr.: 2.960
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29/30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-07-20

Von Heiko Mell

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