Heiko Mell

Wer lobt, der will auch tadeln dürfen

Kürzlich bekam ich den Anruf eines Studienabsolventen, der vor einem recht schwierigen fachlich-sachlichen Hintergrund (er sprach von „Geisteswissenschaften“ und „deutlich überschrittener Altersgrenze“) meinen Rat suchte. Auf meine Frage hin, wie er denn überhaupt auf mich gekommen wäre, erzählte er von einem Besuch auf meiner Homepage: „Und das, was ich da gesehen habe, war absolut vernünftig.“

Schön, ich hätte mich über das positive Urteil freuen und es gut sein lassen können. Aber ich konnte nicht anders und gab einen – ebenso unverbindlichen wie kostenlosen – Rat: „Wenn Sie, ob jetzt im anstehenden Bewerbungsprozess oder später im Beruf, einem deutlich erfahreneren, irgendwie ranghöheren Menschen gegenüberstehen, maßen Sie sich lieber kein Urteil über ihn an. Das steht Ihnen vorerst noch nicht zu. Das gilt auch für ein Lob in absoluter Verpackung. Denn Lob bedeutet: „Ich habe geurteilt. Zufällig war meine Bewertung positiv, ich hätte aber auch zu einem negativen Urteil kommen können, Sie hatten Glück.“

Das hat mein Gesprächspartner ganz offensichtlich nicht verstanden. Und das verstehe ich nun wieder nicht.

Sie könnten beispielsweise als Berufseinsteiger in einem Konzern im Fahrstuhl des Verwaltungshochhauses zufällig (auch Vorstandsaufzüge müssen gewartet werden) dem Vorstandsvorsitzenden begegnen. Und zu dem Schluss kommen, die Chance dürften Sie nicht ungenutzt lassen, wenigstens einmal mit ihm direkt gesprochen zu haben. Manchen ist das in jungen Jahren vergönnt gewesen und sie haben noch Jahre später davon erzählt.

Der Autor Patrick O’Brian hat etwa zwanzig Bücher über seinen Romanhelden Jack Aubrey geschrieben, der zur Zeit Napoleons Karriere in der englischen Kriegsmarine machte und – von Buch zu Buch – vom Kadetten bis zum Admiral aufstieg. Dieser Mann zehrte zeit seines Lebens davon, nicht nur dem Superhelden Admiral Nelson persönlich begegnet zu sein – nein, dieser hatte anlässlich eines Essens in größerem Kreis sogar das Wort an ihn, den damals „kleinen“ Offizier gerichtet. Und wenn man nun fragte, was der große Held denn zu ihm gesagt hatte, zitierte er leuchtenden Auges: „Kann ich bitte das Salz haben?“

Zurück zum Fahrstuhl unserer Tage: Als Berufseinsteiger könnten Sie sich beim CEO durchaus in bleibende Erinnerung bringen etwa mit: „Ich habe Ihre Rede auf der Hauptversammlung verfolgt. Das haben Sie sehr überzeugend gemacht.“ Wenn Sie einmal einen CEO mit offen zur Schau gestellten Verachtung oder mit verhaltener Wut erleben wollen, wäre das Ihre große Chance.

Falls auch einem unserer Leser das Prinzip nicht einleuchten sollte: Natürlich darf jedem jede Darbietung oder Leistung eines anderen gefallen. Etwa in Form klatschenden Beifalls in der Gruppe oder auch als individuelle Erklärung höchstpersönlicher Empfindungen: „Das hat mir sehr gut gefallen“ oder „Der Beitrag hat mich überzeugt“, ist immer erlaubt. Aber: „Der Vortrag war sehr gut“, das erhebt den Anspruch eines absoluten Urteils.

Hätte unser Beispielkandidat seinen CEO entsprechend subjektiv „gelobt“, dann wäre der noch immer nicht besonders beeindruckt gewesen. Aber ob so oder viel jugendlichen Überschwangs würde er zumindest huldvoll lächeln – und sich wünschen, der Aufzug würde seine Zieletage bald erreichen.

Mein eingangs erwähnter Anrufer übrigens hat nach meinem „unmöglichen“ Ratschlag das Gespräch schnell abgebrochen, die angekündigten Unterlagen haben mich nie erreicht. Hoffentlich trifft nicht gerade er jenen Beispiel-CEO im Fahrstuhl.

 

Frage-Nr.: 489
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-02-15

 

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Von Heiko Mell

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