Heiko Mell

Wenn der Wohnort an Nr. 1 steht, rangiert der Job leicht unter „ferner liefen“

Dieses Thema ist ein ganz heißes Eisen. Deshalb fange ich auch erst einmal mit einer Sachaussage an, die sich nur schwer vom Tisch wischen lässt. Sie ist das Ergebnis eines interessanten Experiments:

Wir haben auf einer großen Deutschlandkarte mit dem guten alten Zirkel Kreise gezogen. Der Radius entsprach dem durchschnittlichen Weg, den ein Pendler gern täglich auf sich nimmt. Und die Einstichstelle der Zirkelspitze entsprach dem jeweils angenommenen Wohnort. Natürlich ist das ein sehr grobes Verfahren, aber beim Abdecken Deutschlands mit solchen Kreisen gleichen sich Fehler, die schon in unserer Annahme steckten, weitgehend aus. Und uns ging es auch nur um ein eher symbolisches, dafür aber einprägsames Resultat. Und das lautet:

Wer an einem Ort wohnt und dort bleiben will, also nicht zum Umzug bereit ist, reduziert bei einem Arbeitgeberwechsel seine Chancen pauschal etwa auf ein Fünfzigstel gegenüber denen eines regional flexiblen Mitbewerbers.

Das gilt auch für einen Bewerber, der unbedingt an einen ganz bestimmten anderen Ort hinziehen will. Und es ist völlig gleichgültig, ob bei einem veränderten statistischen Ansatz etwa ein Achtunddreißigstel oder ein Dreiundsechzigstel herauskommt. Das Fünfzigstel ist nur eine Faustformel, die man sich gut merken kann.

Irgendwie, wenn man so vor der Deutschlandkarte steht, leuchtet das ja auch durchaus ein: So ein Kreis für tägliches Pendeln kann mit der Gesamtfläche unseres Landes nicht konkurrieren. Natürlich gibt es Ausnahmen: Für manche speziellen Fachbereiche existiert nur eine Handvoll Arbeitgeber, da nützen Flächenvergleiche wenig.

Die zentrale Frage lautet also: Ist Ihre nachweisbare, in Ihren Unterlagen sowie im persönlichen Auftritt im Vorstellungsgespräch sichtbar werdende Qualifikation so gut, dass Sie sich eine Reduzierung Ihrer Chancen auf jenes Fünfzigstel leisten können?

Es kommt darauf an, was Sie im beruflichen Bereich anstreben. Natürlich dürfen Sie den Wohnort auf Nr. 1 Ihrer Prioritätenliste setzen, müssen dann aber Ihre Karriereambitionen auf das reduzieren, was dabei möglich bleibt. Wenn Sie das akzeptieren, ist alles in Ordnung, aber eine Serie unter der Überschrift „Karriereberatung“ muss zumindest auf die Folgen hinweisen. Natürlich gibt es individuell viele sehr gute Gründe, die gegen einen Umzug sprechen können. Ich kenne sie alle, wir brauchen sie nicht im Detail zu diskutieren. Die meisten davon sind durchaus schwerwiegend – aber trifft das auf die berufliche Zufriedenheit, auf das Ausnutzen vorhandener Karrierechancen nicht auch zu? Es ist Ihre Entscheidung.

Bedenken Sie: Absolventen eines Hochschulstudiums nutzen das ihnen dadurch vermittelte Entwicklungspotenzial nur dann voll aus, wenn sie den jeweiligen Wohnort an den gegebenen beruflichen Chancen ausrichten – und nicht umgekehrt verfahren. Unterstellen Sie mir bloß nicht, ich hätte gesagt, jeder müsse jederzeit umzugsbereit sein. Ich weise nur darauf hin, dass Sie sonst Ihre Chancen beim Arbeitgeberwechsel etwa (!) auf ein Fünfzigstel reduzieren. Und ich frage, ob Sie sich das leisten können. Wenn Sie das bejahen, ist ja alles gut.

510: Achtung: Risiko!
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32/33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-08-07

Von Heiko Mell

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