Heiko Mell

Vorstellungsgespräch: Als würden Dämme brechen

Nehmen wir einmal an, Sie hätten Ihren Arbeitsplatz verloren oder Sie stünden kurz davor. Natürlich trifft Sie das, niemand mit auch nur etwas Anspruch in Sachen Werdeganggestaltung steckt so etwas ungerührt weg.

Es kann höchst unterschiedliche Gründe für die Maßnahme Ihres bisherigen Arbeitgebers geben, Sie können Fehler gemacht haben oder völlig unschuldig sein. In jedem Fall fühlen Sie sich in der Defensive, suchen nach Erklärungen und Argumenten dafür, dass keineswegs etwa Sie, sondern bestimmte Umstände und Menschen in Chef-Etagen dafür verantwortlich sind. Das ist absolut verständlich, aber letztlich nicht hilfreich. Irgendwann haben Sie sich eine Erklärung zurechtgelegt, mit der Sie einigermaßen leben können – und mit der Sie glauben, halbwegs gut dazustehen.

Nun suchen Sie Bestätigung, wollen mit Ihrer Geschichte überzeugen. Leider sind, das zeigt sich schon bald, Ehepartner, Freunde und Bekannte zwar auf Ihrer Seite, aber nicht wirklich kompetent. Etwa um ein Urteil abzugeben, das Sie tatsächlich in den meisten Punkten entlasten würde.

Irgendwann aber führen dann Ihre Bewerbungen zum Vorstellungsgespräch. Und dort sitzen Fachleute aus der Ihnen vertrauten beruflichen Welt, die Ihre Darstellung zu Umständen und Hintergründen Ihrer Zwangssituation verstehen könnten, wenn sie bloß alles wüssten, was relevant war für die unglückliche Entscheidung Ihres Arbeitgebers, sich gerade von Ihnen zu trennen.

Leider aber geht es in diesem Gespräch nicht nur um Wahrheitsfindung, wie Sie sie sehen – Sie wissen, dass Sie auch noch unbedingt einen guten Eindruck machen müssen, Sonst wird es nichts mit der neuen Position. Beides zusammen führt dann leicht zu einem Verhalten, das beide Ziele – den „Freispruch“ ebenso wie den guten Eindruck – massiv gefährdet: Ihre Darstellung der Hintergründe und vermeintlichen Zusammenhänge, der Ursachen für Zerwürfnisse mit Vorgesetzten und falschen Beurteilungen Ihrer Leistungen und Person gerät uferlos. Es ist, als würden Dämme brechen und sich ganze Informationsfluten auf die amen Zuhörer ergießen. Da tauchen dann oft auch noch Namen völlig unbekannter Personen auf, werden verwirrende Details genannt, Schriftstücke zitiert oder – schlimmer noch – präsentiert.

Der potenzielle neue Arbeitgeber mag sogar irgendwo Verständnis für Sie entwickeln oder Mitleid empfinden. Aber gleichzeitig wird er beschließen, diesen Bewerber nicht einzustellen. Denn selbst wenn Sie sich sorgfältig auf diesen speziellen Vortrag rund um Ihre Gesamtsituation am alten Arbeitsplatz vorbereitet hätten – für Außenstehende, die noch dazu hohe Erwartungen an Sie als eine überzeugende Persönlichkeit von Format stellen müssen, hört sich das alles furchtbar an.

Wie so oft im Leben gilt auch hier: Versuchen Sie nicht, mit Ihrer „subjektiven Wahrheit“, die Sie ohnehin nicht beweisen können, gegen kritisch zu sehende Fakten (man hat Sie gefeuert, aber andere Kollegen weiter beschäftigt) zu argumentieren.

Ihre Gesprächspartner dort erwarten eine knappe, ruhig und überlegt vorgetragene Darstellung, nach der Ihre Chefs rein sachliche, aber letztlich zwingende Gründe hatten, so zu verfahren. Es ging um rein faktenbasierte Hintergründe, um strategische Neuausrichtung, organisatorische Umbauten, eingestellte Produktprogramme oder etwas in der Art. Und: Ihre Person, Ihre Leistungen, Ihr Verhalten, Ihr Verhältnis zum Chef waren überhaupt nicht ursächlich. Ob die Gegenseite das glaubt? Keineswegs immer – aber sie freut sich über eine gute Erklärung, die sie zumindest glauben kann.

Also machen Sie zuhause einen knappen Vortrag von höchstens drei Minuten daraus und üben Sie die Darstellung. Lassen Sie ein Tonaufzeichnungsgerät mitlaufen und hören Sie sich die Geschichte ein paar Stunden später wieder an: Ist das das hilflose Gestammel eines Schuldigen, der verzweifelt nach Ausreden sucht oder die überzeugende Präsentation einer überzeugenden Persönlichkeit, die zu der angestrebten Stelle passt?

Ach ja, Sie müssen die Geschichte auch noch „staatstragend“ rüberbringen: voller Verständnis für die Vorgesetzten, die gehandelt haben, wie sie handeln mussten. Und wie Sie an deren Stelle auch gehandelt hätten.

Frage-Nr.: 501
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-13-03

Von Heiko Mell

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