Heiko Mell

Ungereimtheiten im Bewerbungsprozess?

Die Antwort auf diese Frage lautet nicht nur „ja“, es ist sogar noch eine Verstärkung angebracht: Es strotzt nur so von solchen. Und gerade Ingenieure haben berufsbedingt ihre Probleme mit Gepflogenheiten, die in manchen Situationen etwa verlangen, dass man links blinkt, obwohl man doch rechts abbiegen will.

Dabei ist solch ein Verhalten in anderen Situationen des täglichen Lebens so ungewöhnlich auch wieder nicht. Denken Sie nur an die eingefahrenen Rituale bei der Erschließung eines neuen Partners z. B. des anderen Geschlechts: Was man eigentlich spontan möchte, darf man anfangs noch keinesfalls offen sagen – und auch später nur sehr bedingt. Ob in diesem Metier besonders erfolgreich wäre, wer immer nur nach rein logisch-sachlichen Gesichtspunkten handelte, muss zumindest als „weitgehend offen“ betrachtet werden. Oder für Kenner: Ist Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise je als großer Frauenversteher zu Ruhm und Ehre gelangt?

Sie sehen also: Der Vergleich „Bewerbung ist wie Partnersuche – mit kleinen Abweichungen“ hat etwas.

Zur Bewerbung, Stufe 1: Sie sehen eine interessante Anzeige. Sie würden gern deutlich mehr über das suchende Unternehmen, die dort handelnden Personen (Chefs, Kollegen), die Aufgaben und Ihre zukünftigen Chancen erfahren. Und dann entscheiden, ob der Job insgesamt für Sie interessant wäre. Sie suchen also vorerst weitere Informationen.

Sie wissen: An diese ist im Vorfeld nicht heranzukommen, auch die Wahrnehmung des angebotenen Telefonkontakts bringt Sie nicht recht weiter.

Die Lösung im ersten Schritt: Sie bewerben sich um eine Position, tun so als wollten Sie sie unbedingt haben – und sind doch zunächst einmal nur ein nach weiteren wichtigen Details Suchender. Ihre Formulierung „Ich bewerbe mich“ ist glatt gelogen. So weit sind Sie noch gar nicht. Aber hätten Sie mit der Wahrheit eine Chance? In der Regel nicht.

Stufe 2: Sie formulieren Ihren Lebenslauf. Ihr Ziel ist es, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Dafür müssen Sie viele andere Bewerber hinter sich lassen und Ihrerseits für den Bewerbungsempfänger interessant sein. Sonst kommen Sie nie an die gesuchten Informationen. Also polieren Sie die Daten und Fakten Ihres Werdeganges so auf, dass ein Höchstmaß an Vergleichbarkeit mit den Aufgaben und Anforderungen in der Anzeige entsteht (ohne die Fakten falsch darzustellen – wie ein seriöser Gebrauchtwagenprofi oder Häusermakler bei der Anfertigung eines Exposees über seine Objekte auch).

Stufe 3: Sie formulieren Ihr Anschreiben, das Ziel bleibt wie vor. Dafür brauchen Sie ein Motiv für den angestrebten Wechsel. Die Wahrheit könnte z. B. sein, dass Sie und Ihr Chef total zerstritten sind, dass bei der jüngsten Beförderung Ihr Kollege bevorzugt wurde oder dass Sie gerade ein äußerst wichtiges Projekt in den Sand gesetzt haben. Nichts davon eignet sich für einen solchen Brief – Sie lassen sich ein anderes, eher nicht mit Ihrer Person oder Leistung zusammenhängendes Motiv einfallen.

Stufe 4: Sie sollen, sagt das Stellenangebot, Angaben zum Gehalt machen Zwar könnten Sie einfach Ihr Ist-Einkommen nennen – aber von dem wissen Sie, dass es für die neue Position gefährlich hoch ist. Sie sind, vor allem auch um Ihr Ziel aus Stufe 1 nicht zu gefährden (eingeladen zu werden und dann mehr an relevanten Informationen zu erhalten), durchaus zu Abstrichen bereit und wählen die eleganteste Methode der Tiefstapelei: Sie lassen einfach einmal die letzten Tantiemen/Leistungszulagen und den Dienstwagen weg. Erst einmal die Hürde „Vorstellungsgespräch“ nehmen. Mit einer Absage, bei der Sie als Grund ein zu hohes Einkommen vermuten, wären Sie einfach nur gescheitert – und wüssten nicht einmal mit Sicherheit, warum.

Stufe 5, das Bewerbungsgespräch: Schön, man sagt, es hätte auch schon Kandidaten gegeben, die hätten auf jede denkbare Frage nichts als die reine Wahrheit geäußert. Aber Sie wollen ernsthafter Kandidat werden, dem man auch seine Fragen beantwortet. Und wenn Sie nun schon einmal so viel investiert haben, dann wollen Sie auch selbst entscheiden, ob Sie hier den Vertrag unterschreiben oder nicht. Eine arbeitgeberseitige Absage hilft Ihnen dabei nicht weiter. Also bleiben Sie natürlich bei allen Details in der Nähe der Wahrheit, achten aber auch darauf, dass sich „gut“ anhört, also regelgerecht formuliert ist, was Sie da sagen.

Fazit: Mancher mag das unbefriedigend finden. Aber die Regeln und Gepflogenheiten sind nun einmal so, wie sie sich herausgebildet haben. Auch die Gegenseite, die über Ihre Bemühungen entscheidet, weiß das und glaubt keineswegs alles, was ihr da präsentiert wird. Aber auch diese Menschen müssen sich für das verantworten, was sie entscheiden. Und sie freuen sich in der Regel, wenn ihnen vom Bewerber ein Gesamtbild geboten wird, dass sie guten Gewissens „kaufen“ können. Ob es in allen Details stimmt, können sie kaum überprüfen.

 

Bleibt die Frage, ob wir nicht alle sehr viel ehrlicher miteinander umgehen, ob wir nicht auf all diese „Verschönerungen“ der nun einmal gegebenen Fakten verzichten und nur die reine Wahrheit von uns geben sollten.

Antworten müsste man darauf mit „Radio Eriwan“: Im Prinzip ja, in der Praxis jedoch würden Sie zuerst die gesamte Werbebranche ruinieren, dann viele Jobsucher dauerhaft arbeitslos machen – und sich selbst massiv benachteiligen gegenüber jenen Mitbewerbern, die erst einmal nicht mitmachen würden bei Ihrem Weltverbesserungsprogramm. Oder anders: Fangen Sie mit der totalen Wahrheit einfach einmal bei dem eingangs genannten Partnererschließungsprozess an. Sie werden schon sehen, wohin das führt.

 

Frage-Nr.: 495
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28-29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-07-12

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Von Heiko Mell

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