Heiko Mell

Überlebensstrategie für Angestellte: Als wären Sie Chef Ihrer eigenen Firma

Ich neige zu dem Versuch, komplex erscheinende Zusammenhänge in möglichst einfache Regeln zu packen. Was mir dabei hilft, ist die sich im Laufe eines Berufslebens so langsam erschließende Tatsache, dass die meisten hier interessierenden Konstellationen tatsächlich auf eine recht einfache Basis reduziert werden können.

Gerade hat mich ein Gesprächspartner gefragt, auf welche dieser Empfehlungen ich eventuell besonders stolz wäre. Antwort: Besonders am Herzen liegt mir die Sache mit der fiktiven eigenen Firma:

Braucht der Angestellte – hier sind alle Hierarchieebenen angesprochen, vom Sachbearbeiter bis zum Geschäftsleitungsmitglied – überhaupt eine Überlebensstrategie? Ja, er braucht. Nicht täglich, nicht einmal jährlich ist seine Existenz bedroht, aber irgendwann in den vierzig Jahren zwischen Berufseintritt und Rente muss er durchaus mit akuten Bedrohungen rechnen. Die dann um ihn herum drohenden und ausbrechenden Katastrophen kann der einzelne Angestellte gar nicht verhindern. Aber er kann so geschickt operieren, dass er nicht betroffen ist – vielleicht hat er sich z. B. rechtzeitig absetzen können.

Kern dieser Überlebensregel ist: Der Angestellte, der juristisch, steuerlich und wie auch sonst genau das bleibt, gründet „im Kopf“ eine eigene kleine Firma mit sich als Chef und auch mit sich als einzigem Mitarbeiter. Uns interessiert hier seine Rolle als Firmenchef.

Was würde ein solcher Manager zur Maxime seines Handelns machen, worauf würde er sich konzentrieren, was wäre ihm wichtig und was nicht? Betrachten wir einfach diese Fragen aus der Sicht des realen Leiters eines solchen überschaubaren Unternehmens, der z.B. auch Freiberufler oder anderweitig selbstständig sein könnte:

  1. Oberstes Ziel ist das langfristige Überleben der eigenen „Firma“. Dem ordnet sich alles (!) unter. Lassen Sie dieses Leitprinzip ruhig einmal auf der Zunge zergehen.
  2. Als wichtigste Voraussetzung zur Erreichung des Ziels gilt: Die „Firma“ braucht Aufträge – als Mittel zum Zweck, um auskömmliche Einnahmen zu erzielen. Und wieder gilt (nach dem Prinzip der „Mell‘schen Prioritätenliste“), dass sich alles, was danach auf den unteren Plätzen einer Aufstellung von Wünschen und Forderungen kommt, dem unterzuordnen hat.
  3. Dem entspricht in der tatsächlichen Welt des Angestellten, eine feste Anstellung mit einem Gehalt. Unter 1. stand etwas über „langfristiges“ Überleben, also sollte auch eine Anstellung langfristig so solide wie möglich sein – jede Gefährdung dieses Anspruchs löst alle denkbaren Alarmglocken aus: Als Chef Ihrer Firma würde die Nachricht, Ihre Kunden (in der Praxis haben Sie als Angestellter nur einen!) drohten mit dem Abspringen, äußerst hektische Aktivitäten aus. Sie würden alles (!) unternehmen müssen, um diese Bedrohung abzuwenden bzw. eine halbwegs sichere Ersatzlösung auszuarbeiten. Konkret: Wenn Sie wegen Insolvenz entlassen werden, haben Sie zu lange gewartet und – unverantwortlich – die Existenz Ihrer „Firma“ leichtsinnig aufs Spiel gesetzt.
  4. Springen wir einmal auf die andere Seite möglicher Argumente und arbeiten wir heraus, was dieser Firmenchef absolut nicht machen oder nie in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellen würde:

4.1 Er konzentriert sich keinesfalls darauf, nach seinen eigenen Maßstäben schlicht „gute Arbeit“ zu leisten und wütend oder enttäuscht zu reagieren, wenn sein Kunde das nicht hinreichend würdigt oder gar nicht will. Er arbeitet hingegen so, dass sein „zahlender Auftraggeber“ sehr zufrieden ist und gern seinen Verpflichtungen finanzieller Art nachkommt. Auf dass dieser Kunde weitere Aufträge gibt und damit entscheidend zum langfristigen Überleben der eigenen kleinen Firma beiträgt.

4.2 Überhaupt steht die Zufriedenheit seines zahlenden Kunden für ihn im Mittelpunkt. Wenn der zu Anrufen oder Terminen früh am Morgen oder gelegentlich sonntags am Spätabend neigt, geht er – äußerlich gern – darauf ein. Schlägt der Kunde irgendetwas vor, von der Preisgestaltung eines Auftrags bis hin zu einer fachlich zweitklassigen Lösung, dann hört er aufmerksam zu und bemüht sich auch hier um die Zufriedenheit des Kunden.

4.3. Das gilt auch bei unfähigen, jähzornigen oder erkennbar fachlich inkompetenten Kunden. Wenn der Chef der kleinen Firma seinen Geschäftspartner nicht mehr ertragen kann, sucht er sich heimlich einen neuen und geht, ohne dass es mit dem Altkunden überhaupt zu erkennbaren Differenzen gekommen wäre. Und die schriftliche Referenz dieses Auftraggebers, die eine Gewinnung neuer Partner sehr erleichtert, ist selbstverständlich positiv!

4.4 Denken Sie an die Punkte 1 bis 3: Wenn es zur Existenzsicherung der „Firma“ nötig ist, dass sie umzieht, dann zieht sie um.

  1. Immer unter dem Aspekt „langfristiges Überleben“ betrachtet der Firmenchef auch folgende Aspekte:

5.1 Wie entwickelt sich mein „Kunde“ mittel- bis langfristig? Zeichnen sich dort Entwicklungen ab, die demnächst die Existenz meiner „Firma“ bedrohen könnten – dann orientiere ich mich rechtzeitig neu.

5.2 Welche Entwicklungs-/Wachstumspläne habe ich für meine „Firma“, lässt mein derzeitiger „Kunde“ deren Realisierung zu? Er ist schließlich eher mein „Lebens‧abschnittspartner“ als dass ich etwa mit ihm verheiratet wäre.

5.3 Er hütet sich davor, von irgendwelchen internen Entwicklungen oder strukturellen Veränderungen beim Kunden unnötig persönlich betroffen zu sein: Wenn man ihm von seinen fünf Aufgabenfeldern eines wegnimmt (und eventuell von seinen zwölf Mitarbeitern vier), dann würde ein Angestellter das als eine Art Beleidigung oder Degradierung ansehen und entsprechend reagieren. Der Firmenchef jedoch erlaubt sich solche negativen Reaktionen erst, wenn er die Auswirkungen auf Maxime Nummer eins geprüft hat: Bedroht das die Existenz und Entwicklung meiner Firma, sind Umsätze/Einnahmen gefährdet, kann ich das im „Lebenslauf“ bei späteren Kundenakquisitionen verbergen? Und erst dann gestattet er sich persönliche Betroffenheit und sucht ggf. nach neuen Kunden.

5.4 Er denkt nahezu pausenlos darüber nach, wie er seine Qualifikation, sein Leistungsspektrum für diesen und mögliche neue Kunden ausbauen und optimieren kann. In dieses Detailziel investiert er eigenes Geld und viel von seiner persönlichen Zeit. Es geht immer darum, die Zufriedenheit seines/seiner Kunden auf hohem Niveau zu halten und weiter zu steigern.

So, liebe Leser, jetzt ist noch eine eigentlich selbstverständliche Aussage fällig: Sie müssen das nicht nachvollziehen, Sie müssen so weder denken noch handeln. Aber wenn Sie akzeptieren, dass man als Angestellter eine Überlebensstrategie braucht und mich danach fragen, dann gebe ich obige Antwort. Und an einem dürfen Sie nicht zweifeln: So wie beschrieben, denken und handeln sehr viele Freiberufler und kleine Selbstständige (auch solche mit mehr als einem Mitarbeiter) tatsächlich jeden Tag.

Eine Einschränkung muss ich noch machen: Wenn ich dazu rate, so zu denken und zu handeln, so rate ich doch entschieden davon ab, etwas in der Art offen nach oben oder auch nur im Kollegenkreis zu publizieren. Sie sind und bleiben Angestellter, der offiziell seine ganze Kraft den Interessen seines Arbeitgebers widmet und sich dessen Wohl und dessen Zielen unterordnet. Aber seien Sie versichert, sie funktioniert durchaus, diese Zweiteilung der eigenen berufsphilosophischen Ausrichtung in eine „offizielle“ und eine tatsächliche.

Und wenn Sie meine abgeleiteten Empfehlungen zum Denken und Handeln aufmerksam lesen: Über welche davon könnte sich ein kritischer Arbeitgeber eigentlich aufregen? Alles in diesem Beitrag Vorgeschlagene funktioniert schließlich nur bei sehr intensiver Ausrichtung auf die Belange des „Kunden“, auf seine höchstmögliche Zufriedenheit und auf die Vermeidung von Differenzen und Konflikten mit demselben. Was könnte er noch mehr in eine Stellenbeschreibung einer beliebigen Angestelltenposition hineinformulieren?

Frage-Nr.: 485
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-07

Von Heiko Mell

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