Heiko Mell Achtung: Risiko!

Lebenslauf: Neben das Problem gehört die Lösung!

Sie kennen die zentrale Grundregel für den erfolgreichen Arbeitsalltag: Du sollst deinem Chef keine Probleme zur Bearbeitung auf den Tisch legen, sondern sofort eine Lösung dazu anbieten, die er gegebenenfalls „abnicken“ kann. Das gilt auch für den Umgang mit den Entscheidungsträgern im Bewerbungsprozess.

Diese orientieren sich bei einer neuen Zuschrift zuerst am Lebenslauf – und legen danach bis zu 80 oder mehr Prozent der Bewerbungen als uninteressant zur Seite. Maßgeblich für diese Entscheidung sind entweder unveränderbare Fakten (falsche Herkunftsbranche, fehlende Berufspraxis, nicht vorhandene Fachkenntnisse, als nicht passend empfundenes Alter etc.) oder „Probleme“ unterschiedlicher Art, die aus dem Werdegang hervorgehen.

Typisches Beispiel: Die Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber beträgt erst einige Monate und ist damit in jedem Fall auffallend und regelwidrig kurz. Wenn der Bewerbungsempfänger das im Lebenslauf sieht, erkennt er das Problem „zu kurze Beschäftigungszeit: warum wird schon wieder ein Wechsel angestrebt?“ – an der Stelle droht sein Urteil über den Kandidaten geprägt zu werden, genau in dem Moment muss er eine Erklärung dafür lesen können; noch bevor sich seine Bewertung festigt, muss ihm eine „Lösung“ angeboten werden.

Irgendeine Erklärung für die Auffälligkeit gibt es immer – der Kandidat muss sich ja etwas bei seinen Wechselabsichten gedacht haben. Aber mit der Wahrheit allein ist es oft nicht getan. Gefragt ist eine Erklärung, die der Bewerbungsempfänger akzeptieren kann (ob er sie tief in seinem Innern immer glaubt, ist eine andere Sache, aber er muss sie glauben dürfen). Also nicht: „Weder die Kollegen, noch der Vorgesetzte sagen mir zu, auch die private Umgebung in der Region gefällt mir nicht“, sondern z. B.: „Das Aufgabengebiet ist eine interessante Herausforderung, aber eine plötzlich anstehende Umstrukturierung wird meine Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erheblich beeinträchtigen.“

Und das schreiben Sie in Klammern (um es als zusätzliche Erklärung zu kennzeichnen) unter den letzten Aufgabendetailpunkt der entsprechenden Position.

Oder Sie waren beim heutigen Arbeitgeber Führungskraft mit disziplinarischer Verantwortung und sind seit einigen Monaten zum Experten, Spezialisten oder Referenten „degradiert“ worden. Womit der Verdacht im Raum steht, dass Sie als Leiter nicht überzeugen konnten. Hier könnte eine Erklärung an entsprechender Stelle lauten: „Im Rahmen einer Reorganisation wurde meine Führungsebene gestrichen. Meine Vorgesetzten wollten mich sehr gern im Unternehmen halten, konnten mir aber im Augenblick nur eine Position ohne Führungsverantwortung anbieten. Die in Aussicht gestellten späteren Wiederaufstiegschancen sind mir zu ungewiss.“

Zwei Anmerkungen noch dazu: 1. Natürlich kann man entsprechende „Lösungen“ auch ausschließlich im Anschreiben geben: Aber dazu muss der Bewerbungsleser erst in einem anderen Dokument suchen – und er weiß vorher nicht, ob er dort fündig wird. Denn viele Bewerber erklären auch dort nicht einmal das, was besonders dringend nach Erläuterung ruft.

  1. Die Sache mit der Wahrheit: Natürlich soll man – ob als Angestellter im Tagesgeschäft oder als Bewerber – eigentlich stets nur die Wahrheit sagen. Andererseits soll man auch nicht naiv sein, für sein Fortkommen Sorge tragen – und die Interessen des Arbeitgebers wirksam und in seinem Sinne vertreten, sowohl beispielsweise den Kunden als auch eventuell den Steuerbehörden gegenüber.

Es gilt also, mit den von mir empfohlenen Erklärungen eine Lösung zu finden, die sich nahe an den tatsächlichen Gegebenheiten orientiert, aber „verkaufsfähig“ ist. Etwa so, wie man auch beim Verkauf eines Gebrauchtwagens vorgeht. Es ist nicht ratsam, einen Motor mit 150 PS zu offerieren, wenn man nur 120 zu bieten hat. Aber bei der Frage, warum man verkauft, ergibt sich ein breites Feld. Etwa von real „weil das Ding neuerdings bei Nebel nicht mehr anspringt“ bis geschönt „wir planen eine längere Urlaubsreise und da brauchen wir mehr Platz“.

Ich habe mehrere Jahrzehnte lang u. a. Personalanzeigen für Firmen getextet. Seien Sie versichert: Dort denkt man ähnlich und schreibt auch nicht: „Wir bieten Ihnen die größte denkbare Herausforderung: Ihr potenzieller neuer Chef hat schon drei Ihrer Vorgänger in einem Jahr verschlissen, nun sind Sie gefordert, es länger durchzustehen.“ Sondern man bietet dann lieber „täglich frisches Obst“, erklärt also nicht das Gegenteil, sondern weicht auf Nebenkriegsschauplätze aus.

Wie ich gern gelegentlich formuliere: Beide Parteien sind einander würdig.

Service für Querleser:

Als Grundregel sowohl im Arbeitsalltag als auch bei der Gestaltung des Lebenslaufes gilt: Liefern Sie einem Entscheidungsträger (Chef oder Bewerbungsempfänger) dort, wo er zwangsläufig ein von Ihnen zu verantwortendes Problem erkennen muss, gleich auch eine Lösung/Erklärung mit.

Von Heiko Mell

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