Heiko Mell

Karrierebremse Homeoffice?

Die Corona-Krise von 2020 hat dem Arbeitsplatz Homeoffice zunächst einmal einen ungeheuren Auftrieb verschafft. Zwar wird man in vielen Fällen anschließend wieder zum „Büro-Normalbetrieb“ zurückkehren, aber diverse Unternehmen und viele Angestellte sind auf den Geschmack gekommen und planen eine Weiterführung dieser speziellen Art der Berufsausübung. Die allgemeinen Vor- und Nachteile dieses Systems oder gar die technischen Details sind hier nicht unser Thema. Aber es gibt einen wichtigen Aspekt, der gern übersehen wird:

Was immer von ihm gefordert werden mag, wenn ein Mitarbeiter „Karriere machen“ will – er muss bei seinen Vorgesetzten präsent sein. Der Chef braucht ein festes, durch ständige persönliche Kontakte gestütztes Meinungsbild von diesem Kandidaten, dieser wiederum braucht die Chance, sich in der passenden Situation wirksam – und das geht letztlich vor allem im persönlichen Kontakt – zu profilieren. Wichtige Eigenschaften und Fähigkeiten des Mitarbeiters („kann der ein Team führen?“) können ausschließlich über E-Mails und Video-Kontakte nur sehr eingeschränkt erkannt und bewertet werden.

Oder anders ausgedrückt: Wer beim Vorgesetzten präsent und näher an ihm dran ist, hat die besseren Chancen auf einen Aufstieg. Das gilt für die erste Führungsaufgabe ebenso wie auch für weitere Steigerungen.

Seien Sie also vorsichtig mit einer pauschalen Vorliebe für die ständige Tätigkeit im Homeoffice, diese Art der Tätigkeit kann durchaus ihre Tücken haben.

Damit keine Missverständnisse entstehen, hier noch eine unbedingt erforderliche Eingrenzung:

– Diese Warnung betrifft vor allem aufstiegsorientierte, ehrgeizige Mitarbeiter. Wer „einfach nur seine Arbeit machen und sich auf die Lösung sachlicher Probleme konzentrieren“ will, ist hier weniger angesprochen.- Wenn der gesamte Bereich einschließlich der Vorgesetzten-Ebene ins Homeoffice geht, sind die Chancen wieder für alle gleich. Die Vorgesetzten sind dann gehalten, darauf ausgerichtete Kommunikations- und Bewertungssystem zu entwickeln und anzuwenden.

– Eine partielle oder pauschale Homeoffice-Tätigkeit von einigen Wochen oder Monaten (z. B. als Reaktion auf eine Pandemie) ist grundsätzlich unproblematisch.

– Meldet sich aber die Hälfte einer organisatorischen Einheit dauerhaft ins Homeoffice ab, während der andere Teil (einschließlich der Vorgesetzten) stets im Büro präsent ist, sollte der potenzielle Aufsteiger darauf achten, eher zur letztgenannten Gruppe zu gehören.

Fazit: Karriere aus dem Homeoffice heraus ist schwierig. Ein Chef, der kein durch ständige persönliche Kontakte gefestigtes Bild von Ihnen hat, wird sich ungern für Ihre Beförderung einsetzen – sofern er Alternativen (präsente Kollegen) hat.

Und da wir gerade dabei sind: Auch das Führen von Mitarbeitern aus dem Homeoffice heraus ist schwierig bzw. hat sich schon in der Vor-Corona-Zeit als weitgehend unpraktikabel erwiesen. Vor allem dann, wenn große Teile des zu führenden Teams Arbeitsplätze im konventionellen Büro einnehmen. Auch hier gilt: Ist der gesamte Betrieb im Homeoffice tätig, lässt sich für die Führung eher ein praktikables System finden. Dann funktioniert das, weil es funktionieren muss und weil alle Beteiligten vergleichbaren Problemen gegenüberstehen.

Heiko Mell auf Youtube über Corona und die Folgen

Wie hat die Coronakrise den Bewerbungsprozess verändert? Worauf muss ich bei Jobinterviews per Videokonferenz achten? Was ist noch für den Ingenieurarbeitsmarkt zu erwarten? Darüber spricht Heiko Mell mit VDI-nachrichten-Ressortleiter Peter Steinmüller im Karrieretalk:

509: Achtung: Risiko!
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30/31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-07-23

Von Heiko Mell

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