Heiko Mell 15.04.2019, 10:39 Uhr

Entscheidungen: Die Herausforderung des schier Unmöglichen

Sie kennen inzwischen meine bewährte Definition: Eine Entscheidung, die diese Bezeichnung verdient, fällt an, wenn etwa ebenso viele Argumente für wie gegen jede Lösung sprechen. Wenn eine Festlegung auf eine der Handlungsalternativen – und damit gegen die anderen – gar nicht zu verantworten ist und dennoch getroffen werden muss. Und zwar jetzt und dann auch noch nahezu unwiderruflich.

Ich habe beruflich immer wieder mit Fragestellern zu tun, die vor einer solchen Festlegung stehen – und erkennbar Qualen leiden. Oft sind es junge Menschen, deren Lebenserfahrungen bisher nur Schule und Studium umfassen und die jetzt plötzlich vor Entscheidungen stehen, deren mögliche Konsequenzen sich wie Berge vor ihnen auftürmen und sie schier zu erdrücken scheinen.

Vielleicht, so fürchten sie erkennbar, ruinieren sie ihr ganzes Leben mit der Variante A, wo eventuell doch B die richtige Wahl gewesen wäre. Und wenn sie gerade dabei sind, sich auf B festzulegen, überwältigt sie die Erkenntnis, dass C einige unerreicht reizvolle Details enthält, die jetzt für immer verloren sein dürften. Und dann fängt die ganze Tretmühle der Abwägungen aller vermeintlichen Vor- und Nachteile einzelner Alternativen von vorne an. Wenn doch nur einzelne Komponenten von A, B oder C gegeneinander austauschbar wären. Z. B. ergäbe die Solidität des Unternehmens A in Verbindung mit der spannenden Aufgabe bei B und der begeisternden Person des Chefs bei C die ideale Kombination einer Position. Leider ist genau das eben nicht machbar.

Aber es gibt Hilfsüberlegungen, die den als schier unerträglich empfundenen Druck entscheidend mildern können. Ich versuche einmal eine Auflistung:

  1. Eine unter allen Aspekten durch und durch „richtige“ Entscheidung zu treffen, ist absolut unmöglich.

Versuchen müssen Sie es dennoch, aber eine Sicherheit kann es nicht geben, das gehört einfach dazu. Die oben gegebene Definition einer Entscheidung stützt diese Erkenntnis. Geben Sie Ihr Bestes – und leben Sie einfach mit den Konsequenzen. Manager tun das täglich, man gewöhnt sich sogar in gewissem Rahmen daran.

  1. Analysieren Sie kurz und absolut ehrlich sich selbst gegenüber Ihre Beweggründe.

Setzen Sie ein dickes Ausrufezeichen hinter solche Aspekte, bei denen Sie sich über anerkannte Regeln und Empfehlungen hinwegsetzen würden. Wer entscheidungsschwach ist, lebt hinterher sehr schlecht mit Vorwürfen, die er sich oder ein anderer ihm unter Hinweis auf allgemein bekannte Gepflogenheiten machen könnte („Es war doch klar, dass man nach zwei kurzen Dienstzeiten nicht den dritten Job in der Probezeit hinwerfen darf“). Nur starke Persönlichkeiten gehen mit Regelverstößen souverän um – auch mit den Konsequenzen daraus. Wenn Sie sich bei mehreren Angeboten etwa für den beliebteren Ort und gegen die interessantere Position entscheiden, halten Sie unbedingt fest, welchem Argument Sie gefolgt sind. Bewahren Sie diese Aufzeichnungen auf – wenn Sie in ein paar Jahren unzufrieden sind, wissen Sie wenigstens, warum.

  1. Leben Sie mit Ihrer getroffenen Entscheidung – und vergessen Sie Worte wie „Hätte ich doch … ?“

Stehen Sie zu Ihrer Festlegung und verzichten Sie auf spätere Abwägung, wieviel besser die Alternativen gewesen wären. Es nützt absolut nichts! Blicken Sie nach vorn und konzentrieren Sie sich auf die Lösung der real existierenden Probleme. „Hätte ich doch … ?“ ist ein Zeichen von Schwäche.

  1. Erkennen Sie, dass viele Wege nach „Rom“ führen.

Sie stehen mitunter an einer Weggabelung, an der Sie sich für „rechts“ oder „links“ entscheiden müssen – und boshafterweise weder ein Navigationssystem noch eine Landkarte zur Verfügung haben. Jahre später erkennen Sie, dass beide Wegvarianten auf individuellen Umwegen nach „Rom“ geführt hätten.

  1. Akzeptieren Sie, dass zu jeder der hier angesprochenen Entscheidungen ein gehöriger „Rest von Dummheit“ gehört.

Tatsächlich sind diese Festlegungen „eigentlich gar nicht zu verantworten“ – und müssen dennoch getroffen werden. Wenn es Ihnen ein Trost ist: Gerade hochintelligente Menschen haben ihre Probleme damit; pragmatisch ausgerichtete Kandidaten zucken schneller die Schultern und akzeptieren den „unmöglichen und unzumutbaren Zwang“. (Achtung: Hohe Intelligenz ist zwar oft mit Entscheidungsschwäche verbunden – aber es gilt nicht der Umkehrschluss.)

  1. Tun Sie es einfach – und akzeptieren Sie, dass im Berufsleben oft „keine Entscheidung“ die schlimmeren Konsequenzen hat als eine vielleicht falsche.
  2. Entscheidungen zu treffen kann Spaß machen und spannend sein.

Mehr ist im modernen betrieblichen Umfeld kaum zu erwarten.

 

Frage-Nr.: 492

Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15/16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-04-12

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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