Heiko Mell

Ein guter Berater ist, wer Unmögliches vollbringt

Wann ist eigentlich der Berater ein guter? Vermutlich, wenn er seine Klienten gut berät. Leider aber ist in Wahrheit die „gute Beratung“ nur ein Teil dessen, was von Leuten wie mir verlangt wird. Unter uns: So furchtbar schwierig ist dieser Teil gar nicht. Man braucht ein ausgeprägtes analytisches Denkvermögen, eine solide fachliche Basis in seinem Metier und etwas Erfahrung – daraus lässt sich schon etwas machen.

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Aber letztlich soll der gute Berater nicht nur akzeptable Ratschläge geben, er soll hingegen Lösungen erkannter Probleme erreichen. Und da beginnen die Schwierigkeiten. Denn dazu gehört, dass der Klient einer Analyse und Definition seiner Situation einschließlich der Probleme und ihrer Ursachen zustimmt (machbar), aufmerksam den Therapievorschlägen zuhört (auch noch machbar) und diese dann entschlossen und konsequent umsetzt. Genau da liegt nun die eigentliche Herausforderung: Dann damit wird vom Klienten etwas verlangt, was offenbar die Grenzen üblicher menschlicher Denk- und Verhaltensweisen sprengt: Er soll sich ändern. Jede Beratung kommt irgendwann an diesen Punkt.

Nehmen wir an, ein Ratsuchender hatte bisher vier Vorgesetzte – und mit dreien davon Ärger. Natürlich könnte ein theoretischer Lösungsansatz darin liegen, dass er verflossenen Chefs Fehlverhalten attestiert und auf den heutigen sowie zukünftige dahingehend einwirkt, dass sie netter und toleranter werden. Das aber bringt uns teils nicht weiter und ist teils völlig unmöglich. Also kann der Berater nur zu dem grundsätzlichen Schluss kommen: Wenn der Klient mit den Chefs Nummer fünf, sechs und sieben nicht auch wieder Ärger haben und damit seinen Lebenslauf endgültig ruinieren will, muss er ab sofort etwas anders machen, muss er sein bisheriges Verhalten als nicht optimal sehen – und in Zukunft etwas Browne), aus dem Gedächtnis zitiert, unterstreicht die Größe des vom Klienten Verlangten:

Irgendwann kommt man zu der Erkenntnis, dass der Mensch durchaus bereit ist, Probleme einzugestehen und auch noch zu akzeptieren, dass er irgendeine „bittere Pille“ wird schlucken müssen, wenn es besser werden soll – aber doch nicht diese!

Dabei ist es so leicht, die dazugehörige Regel griffig zu formulieren:

„Wenn ich in meinem beruflichen Umfeld immer wieder auf ähnliche Probleme stoße, dann liegt der einzige aussichtsreiche Lösungsansatz darin, dass ich meine Einstellung, meine Bewertung der Ursachen – und vor allem mein Verhalten ändere“. Nachhaltig, um ein Modewort anzuhängen.

Eine Szene aus einem meiner Lieblings-Comics („Hägar“ von Dick Browne), aus dem Gedächtnis zitiert, unterstreicht die Größe des vom Klienten Verlangten:

Der stark übergewichtige Wikingerhäuptling Hägar geht wegen einschlägiger Beschwerden zum Arzt. Er gibt sich leidend und fragt, was er denn bloß dagegen tun könne. „Viel weniger essen, Diät halten, mehr Bewegung“, rät der Fachmann – und verordnet damit eine strikte Änderung des bisherigen Patientenverhaltens. Das kommt diesem derart undenkbar vor, dass er die Therapie als schlechten Scherz einstuft, sie mit einer Handbewegung wegwischt und um Fassung ringend fragt: „Nein, im Ernst, Doc, was kann ich tun?“

So ein kleiner Wikingerhäuptling sind wir alle. Berater ausgenommen. Die haben genug damit zu tun, das Verhalten der Anderen zu ändern. Da können sie nicht auch noch an sich arbeiten. Das verstehen Sie sicher.

Frage-Nr.: 480
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51/52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-12-22

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