Heiko Mell

Der dritte Stuhl hilft immer im Bewerbungsprozess

Nehmen wir einmal an, Sie stecken in einem Bewerbungsprozess, halten einen „Spatz in der Hand“ (Angebot des Arbeitgebers A), träumen aber von der noch ungewissen „Taube auf dem Dach“ (Position bei B) – und wissen nicht, was Sie nun tun sollen. Die Standard-Antwort darauf muss lauten: Dann haben Sie etwas falsch gemacht! So einfach ist das. Denn im stets anzustrebenden Idealfall bewerben Sie sich ohne besonderen Druck aus ungekündigter Position. Sie können in Ruhe jedes Angebot prüfen, Sie haben ja einen guten Job und suchen lediglich einen besseren. Auf dieser Basis können Sie jeweils frei entscheiden.

Wenn da nun Arbeitgeber A schon ein Vertragsangebot vorlegt, während Sie eigentlich die Position bei B vorziehen würden, von dort aber noch keine Entscheidung kommt, dann müssen Sie ja das in Ihren Augen eventuell nur zweitbeste Angebot von A nicht unterschreiben. Sie können dort höflich absagen – und auf B warten. Inzwischen erledigen Sie einfach Ihren heutigen Job weiter.

Kommt schließlich das Angebot von B, haben Sie Ihr Ziel erreicht. Kommt es nicht, können Sie in Ruhe weiter nach einem neuen B-Job suchen. Und einen anderen A-Job, wie Sie ihn abgesagt haben, finden Sie bei Bedarf allemal.

Sie können natürlich auch bei A unterschreiben, sollten dann aber in derselben Minute bei B Ihre Bewerbung freundlich zurückziehen. Dann geraten Sie nicht in Versuchung, später bei A gleich wieder zu kündigen oder die nächsten zehn Jahre zu glauben, Sie hätten doch bei B unterschreiben sollen. Und Sie brauchen sich nicht über eine eventuelle Absage Ihres „Ideal-Arbeitgebers B“ zu grämen.

Ja, Sie können sich sogar den Luxus leisten, im Bewerbungsprozess einmal etwas ganz Ungewöhnliches zu tun: Sie sagen einem potenziellen Arbeitgeber (A) einfach nahezu die ungeschminkte Wahrheit. Etwa so:

„Vielen Dank für die Übermittlung des Vertragsangebotes. Ich freue mich sehr über das Vertrauen, das Sie mir mit dieser Offerte entgegenbringen. Nach wie vor bin ich sehr an der Übernahme der attraktiven Position interessiert. Ich habe jedoch ein Problem, das ich ganz offen ansprechen möchte: Aus meiner aktuellen Bewerbungsaktion ergab sich auch ein Kontakt zu einem ganz anderen Unternehmen, das ebenfalls eine interessante Position ähnlichen Zuschnitts ausgeschrieben hatte. Die beiden möglichen Anstellungen sind – mit unterschiedlichen Schwerpunkten – insgesamt aus meiner Sicht vergleichbar. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich mich auch bei Vorliegen eines eventuellen Angebots des anderen Unternehmens für Ihres entscheiden würde, es sprechen gewichtige Argumente dafür.

Bitte verstehen Sie aber, dass ich vor einer endgültigen Festlegung gern das andere Angebot oder auch eine negative Entscheidung des anderen potentiellen Arbeitgebers abwarten möchte. Ich will keinesfalls in die Versuchung geraten, nach vollzogener Unterschrift über kurzfristige Wechselmöglichkeiten nachzudenken oder vermeintlich verpassten Chancen nachzutrauern.

Das andere Unternehmen hat mir eine Entscheidung in etwa drei Wochen in Aussicht gestellt. Ich würde Ihnen unmittelbar danach eine verbindliche Nachricht übermitteln. Sofern Ihre Planungen ein Offenhalten Ihres Angebots über einen solchen Zeitraum nicht gestatten, müsste ich das natürlich akzeptieren, fände es jedoch im Hinblick auf die nach wie vor sehr interessante Aufgabe bei Ihnen außerordentlich schade.“

Wie das ausgeht, weiß niemand. A kann ablehnen und sein Angebot zurückziehen. B kann absagen. Dann sitzen Sie nicht etwa zwischen zwei Stühlen, sondern in Ruhe auf dem dritten, nämlich auf dem bei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber.

Sie brauchen keine besondere Angst vor so einem Brief zu haben: Dass es vielen Bewerbern so geht, wissen die Leute bei A, verstehen werden sie Ihre Beweggründe absolut auch. Sie können etwas enttäuscht sein, weil Sie nicht mit „Feuer und Flamme“ auf ihr Angebot eingehen und erst noch prüfen wollen, was der Wettbewerb so bietet. Andererseits würden alle angestellten Chefs dort, die Ihren Brief lesen, im Ernstfall ebenso denken wie Sie es offenbart hätten – aber ob sie so mutig wären, das so deutlich auszusprechen, ist offen. Und wenn die dort überlegen, wie lange es dauert, bis über eine erneute Ausschreibung neue Kandidaten vorliegen, dann könnten (!) die Entscheidungsträger dort in den sauren Apfel beißen und auf Ihre Zusage warten.

Wenn Sie sich dann tatsächlich eines Tages für A entscheiden, brauchen Sie dort nicht mit Nachteilen zu rechnen. Nach ein paar Tagen ist die Historie Ihrer Anstellung vergessen.

Nun sind die Umstände nicht immer so günstig: Der von mir im Idealfall ins Spiel gebrachte „dritte Stuhl“ entfällt, wenn man Ihnen bereits gekündigt hat, Sie einen Aufhebungsvertrag unterschrieben haben oder Sie aus sonstigen Gründen in Kürze mit Arbeitslosigkeit rechnen müssen.

Dann fehlt die komfortable Möglichkeit, im Zweifelsfall den heutigen Job weiter zu machen und in Ruhe mit neuen Arbeitgebern zu verhandeln. Dann steht auf Ihrer Mell’schen Prioritätenliste (die mit nur einem Begriff pro Stufe) ganz oben „ein Job, der halbwegs zu meiner Qualifikation passt“. Aspekte wie „ein guter Job mit Super-Aussichten“ oder schlicht „der Traumjob“ finden sich erst auf nachgeordneten Rangstufen – die Nummer eins ist bereits besetzt.

Sollten Sie in dieser Situation eine Reihe akzeptabler Angebote bekommen, dann wählen Sie eines aus (die Chance dazu ist selten). Aber in der oben skizzierten Situation spielen Sie „russisches Roulette“; Sie müssten den Spatz in der Hand fliegen lassen (oder genau das riskieren), um der ungewissen Taube nachzujagen. Das Risiko ist kaum noch zu verantworten.

Aber auch bei dieser Ausgangslage (ohne den dritten Stuhl) gilt: Wenn Sie bei A unterschreiben, sagen Sie B und alle weiteren ungewissen Chancen oder konkrete Vertragsangebote ab – Sie schlafen dann besser und ersparen sich das Abwägen mehrerer „unmoralischer“ Vorgehensweisen.

Es gilt auch: Gleiches Recht für alle! Wollen Sie, dass Sie sich auf die vertragliche Einstellungszusage eines Unternehmens verlassen können oder dürfen auch Arbeitgeber das „Verlobungsprinzip“ anwenden (erst einmal festhalten und fröhlich weiter suchen)? Ihr neuer Chef könnte auch sagen, er stellt Sie erst einmal ein, wartet aber heimlich auf die Zusage eines für ihn noch interessanteren Bewerbers. Sagt der ab, hat er immer noch Sie, seine zweite Wahl. Sagt der zu, kann er Sie in der Probezeit problemarm entlassen. Niemand will solche Zustände.

Und die eigentliche Kernaussage dieses Beitrages ist: Geraten Sie nach Möglichkeit nicht unter Druck, sich aus bereits eingetretener oder drohender Arbeitslosigkeit bewerben zu müssen. Seien Sie wachsam, erkennen Sie früh genug strategische Strömungen, drohende Entwicklungen, sich anbahnende massive Differenzen mit „höheren Dienstgraden“ und bewerben Sie sich rechtzeitig noch aus tatsächlich ungekündigter Position. Ihre Chancen und bewerbungstechnischen Möglichkeiten sind dann ungleich größer.

Um einen Zeitrahmen abzustecken: Ein energisch vorangetriebener Bewerbungsprozess bis zum unterschriftsreifen neuen Arbeitsvertrag dauert durchschnittlich etwa drei bis sechs Monate. Mit dieser Zeitangabe im Hinterkopf wissen Sie, wie aktiv Sie Ihr „Frühwarnsystem“ einschalten müssen.

Bei entsprechendem Vorgehen gibt es das erstrebenswerte Zeugnis „scheidet aus auf eigenen Wunsch“, eventuell noch mit „wir bedauern das sehr“ obendrauf. Das brauchen Sie weniger für den hier umrissenen Bewerbungsprozess, sondern für den nächsten in drei bis fünf Jahren. Falls nämlich jenes künftige Ausscheiden wieder unfreiwillig ist und das aktuelle lt. Zeugnis „im gegenseitigen Einvernehmen“ oder pauschal ohne weitere Erläuterung „aus betrieblichen Gründen“ erfolgt, also auch als klassischer arbeitgeberseitiger Rausschmiss gilt, würden Sie schnell zum „Wiederholungstäter“. Ein „Wiederholungsopfer“ wäre auch nicht viel besser – in der Sprache unserer heranwachsenden Jugend ist „Opfer“ eine ganz schlimme, äußerst kritische Vokabel; es gibt nur wenig Begriffe, die als noch vernichtender gelten.

Versuchen Sie also stets, in das aufregende Rennen um die beste Position auf dem Markt mit der Gewissheit zu gehen, dass ein „dritter Stuhl“ Sie davor bewahrt, sich zwischen zwei andere zu setzen.

 

Frage-Nr.: 497
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-10-18

Von Heiko Mell

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