Heiko Mell

Das „schnelle“ Unternehmen begeistert Bewerber total

Dies ist ausnahmsweise ein Beitrag, der sich an suchende Unternehmen richtet. Die sich in vielen Bereichen mit einem überforderten Arbeitsmarkt konfrontiert sehen und oft große Probleme haben, das so dringend gebrauchte zusätzliche Personal zu gewinnen. Und die – ob eher zähneknirschend oder auch nicht – bereit sind, sich etwas einfallen zu lassen, um im Kampf um Bewerber zu punkten. Und das sogar dann, wenn es etwas kostet.

Dabei zeigen zumindest meine Kontakte mit Bewerbern, dass leuchtende Augen einer- und tiefste Enttäuschung andererseits gleichermaßen an Kriterien gebunden sind, die große Erfolge versprechen, wenig bis nichts kosten und eigentlich einfach zu haben sind:

Der Bewerber möchte vor allem ernst genommen werden, er sucht das Gefühl, dort mehr begehrter Partner als lästiger Bittsteller zu sein. Konkret: Wenn ihn die Abwicklung des ganzen Bewerbungsprozesses positiv berührt oder gar begeistert, überträgt er das schnell auf das ganze Unternehmen und die ausgeschriebene Position; es fördert seine Bereitschaft, sich für dieses Stellenangebot zu entscheiden.

An der Spitze dieser Bewerberwünsche steht die schnelle Reaktion des angeschriebenen Unternehmens. Die kostet nun wirklich nur etwas guten Willen. Dazu gehören:

– die umgehend geschriebene Eingangsbestätigung (in der Sache ist das Unsinn – es gehen praktisch keine E-Mails verloren, auch nicht, wenn „Bewerbung“ im Betreff steht; aber der Bewerber ist in einer Ausnahmesituation und rechnet stets mit dem möglichen Verlust, wenn er länger als ein bis zwei Arbeitstage nach Absendung „nichts gehört“ hat, also machen Sie ihm die Freude);

– die schnelle Einladung zum Vorstellungsgespräch; mit einer Bearbeitungsdauer von unter einer Arbeitswoche kann man Bewerber begeistern, mit etwa zehn bis vierzehn Arbeitstagen kann man sie immer noch erfreuen. Der Bewerber ist aber durchaus auch imstande, etwa so zu denken: Am Montag habe ich meine Daten abgeschickt, am Dienstag oder notfalls auch am Mittwoch werden sie gelesen, dann müssen die doch einen Eindruck von meiner Qualifikation haben – warum kommt am Donnerstag eigentlich keine Einladung? Danach beginnt sein Desinteresse an diesem Fall;

– bei der Gelegenheit: Ein schnelle Einladung ist sogar schon nach Stunden möglich und macht den denkbar besten Eindruck. Eine schnelle Absage jedoch ist zu vermeiden! Der Bewerber liebt das überhaupt nicht – und erwartet eine Zeit von etwa ein bis zwei Wochen (vermeintlich) intensiver Prüfung vor einem negativen Bescheid.

Dann kommt das so ersehnte Vorstellungsgespräch. Hier erwartet der Bewerber etwa:

– einen ansprechend gestalteten Empfang, einen freundlichen Menschen, der seinen Namen schon kennt und ihn erwartet – und er registriert positiv, wenn der Uhrzeittermin auch von der Arbeitgeberseite konsequent eingehalten wird;

– ein Gespräch, an dem auch alle vorher angekündigten Teilnehmer anwesend sind und nicht durch vorzeitigen Weggang „wegen wichtiger Termine“ Desinteresse bekunden. Wichtig ist auch, dass der künftige Vorgesetzte des Kandidaten dabei ist – und eine aktive Rolle im Gespräch spielt. Manche dieser Chefs wirken z. B. bei gleichzeitiger Anwesenheit ihres eigenen Vorgesetzten wie gelähmt, da denkt sich der Kandidat seinen Teil;

– ein Gespräch, das zumindest auch kurz auf den Lebenslauf des Kandidaten eingeht (mit dessen Gestaltung er sich so viel Mühe gegeben hatte). „Die haben mich gar nicht zu früheren Positionen gefragt“ führt oft zu Enttäuschungen (die sich zu anderen addieren können).

Im chronologischen Ablauf folgt nun der Hauptkritikpunkt anspruchsvoller Bewerber:

– man kennt seine schriftliche Bewerbung und hat ihn eingeladen – gut; jetzt aber kennt man sogar seine (einmalige) Persönlichkeit! Er versteht nicht, warum nicht unverzüglich die Einladung zum zweiten Gespräch kommt. Käme sie ein paar Stunden danach, wäre das ganz toll, ein paar Tage wären auch noch akzeptabel. In der Praxis jedoch sind Unternehmen imstande, Wochen oder sogar Monate zu brauchen. Wofür eigentlich?

Das gilt verstärkt für die Entscheidungsphase nach dem Zweitgespräch. Selbst wenn die Ausarbeitung des Vertragsentwurfs noch ein paar Tage dauert, wäre doch eine „spontane“ E-Mail des künftigen Vorgesetzten möglich, man habe sich für ihn entschieden, freue sich auf eine mögliche Zusammenarbeit, der Vertrag sei „in Vorbereitung“.

Natürlich „bewirbt“ sich eigentlich der Bewerber beim Unternehmen. Aber wenn sich die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt vorübergehend umkehren, darf man ein Prinzip nicht zu Tode reiten. Was meinen Sie, wie motivierend es auf den Bewerber wirkt, wenn man ihm im Vorstellungsgespräch (gegen dessen Ende, wenn man weiß, dass sich dieser Aufwand auch lohnt) eröffnet: „Wir haben Ihre Bewerbung auch unserem Geschäftsführer gezeigt, der hat ebenfalls lebhaftes Interessen an Ihnen und würde Sie jetzt gern persönlich kennenlernen.“ Ich weiß, dass das terminlich heikel werden kann, aber der Aufwand lohnt sich. Gerade in diesen Zeiten.

 

Frage-Nr.: 486
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-07

Von Heiko Mell

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