Heiko Mell

Berufsweg-Gestaltung: Gehaltserhöhung um ein halbes Prozent?

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Arbeitgeber gewährte Ihnen eine Erhöhung Ihrer Bezüge um ein halbes Prozent. Sie wären wütend, gekränkt, zutiefst enttäuscht – was auch immer, je nach Temperament. Und in Ihrer Argumentation kämen Begriffe wie „Bagatelle“, „Zumutung“ oder „lächerlicher Betrag“ vor.

Jetzt nehmen wir einmal an, Sie würden heute etwa 80.000 Euro verdienen. Dann ergäbe jenes halbe Prozent 400 Euro pro Jahr. Ich zitiere: ein „lächerlicher Betrag“ auf dieser Basis.

Ich brauche diese Rechnerei für ein ganz anderes Thema: Nach meinen Erfahrungen glaube ich nicht, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer in fester Anstellung mit durchschnittlicher Bezahlung auch nur jenen „Bagatellbetrag“ freiwillig und gern für die Förderung seiner eigenen beruflichen Belange ausgibt. Sagen wir für selbst bezahlte Weiterbildung, Fachliteratur – oder eben auch qualifizierte Fachberatung entweder in kritischen Situationen oder gar vorbeugend wie für die Wartung beim Auto.

Ich gebe ja zu, ich bin hier nicht nur wohlmeinender Ratgeber, sondern irgendwie auch Partei: Da sehe ich die weit verbreitete Vorliebe, Angebote auf der Basis „kostet nichts“ gern anzunehmen – aber jeglicher Art von Investition in die eigene Karriere aus dem Weg zu gehen.

Natürlich gibt es Menschen, die genau das heute schon klaglos tun, keine Frage. Aber eine Selbstverständlichkeit ist das für die breite Masse der Angestellten bisher nicht.

Überlegen Sie einmal: ein halbes Prozent. Und wenn Sie diesen Betrag zwei bis drei Jahre auflaufen lassen, dann können Sie – wo auch immer – etwa 1000 Euro auf einmal in Ihre Laufbahn investieren. Dafür bekommen Sie schon etwas geboten.

Mein Anliegen: Ich möchte ein wenig (man darf keine Wunder erwarten) dazu beitragen, dass diese Art der Investition in die eigene berufliche Zukunft selbstverständlicher wird. Und dass mehr Arbeitnehmer mehr in dieser Hinsicht tun als bisher und beispielsweise nicht nur klagen: „Leider hat mein Arbeitgeber nichts für die Weiterbildung getan, daher kann ich keine entsprechende Qualifizierung vorweisen.“ Es soll sogar schon Arbeitnehmer gegeben haben, die einige ihrer Urlaubstage ebenfalls „dafür geopfert“ (besser „darin investiert“) haben.

Ärzte (besser. ihre Leistungen) kosten Geld, Rechtsanwälte, Steuerberater und Tennistrainer desgleichen. Dann dürfen auch Weiterbildungsinstitutionen, Fachbuchverlage und (ja) Karriereberater Geld kosten. Immer vorausgesetzt, sie erbringen eine angemessene Leistung.

Bedenken Sie: Die Förderung Ihrer beruflichen Qualifikation und des angestrebten Fortkommens ist letztlich Ihre ureigene Angelegenheit. Und wenn auch manches Vorhaben deutlich teurer werden kann: Mit einem halben Prozent hätten Sie einen Einstieg in ein entsprechendes Denken geschafft.

Wenn man Menschen mit Katastrophen im Werdegang trifft, für die es kaum noch eine Lösung gibt, dann wird besonders deutlich: Wären diese Menschen einige Zeit früher z. B. zu einer „Karriere-Inspektion“ gekommen, hätte sich mit geringem Aufwand sehr viel Unheil vermeiden lassen. Ein halbes Prozent hätte fast immer gereicht.

Frage-Nr.: 498
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1/2/3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-10-01

Von Heiko Mell

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