Heiko Mell

Also sprach der Kandidat: „Ich bin absolut der Größte“

Gerade hat der allseits gefürchtete Restaurantkritiker sein Testessen beendet. Er lässt jetzt den Küchenchef kommen und bittet ihn um eine Beurteilung seiner gerade gezeigten Kochkünste. Begeistert nutzt dieser seine Chance und diktiert dem Kritiker ins Notizbuch, wie er seine eigenen Fähigkeiten einschätzt. Damit hat der Tester bereits eine ganz hervorragende Basis für seine anstehende Entscheidung über einen (weiteren) Stern im Restaurantführer.

Szenenwechsel: Der Universitäts-Professor XYZ muss eine Masterarbeit bewerten. Er fordert von dem betroffenen Studenten eine Eigenbewertung des Machwerks an. Auf deren solider Grundlage fällt ihm dann die Notengebung schon sehr viel leichter, auch der Zugewinn an Objektivität ist ganz erheblich.

Und dann noch ein Blick in die Welt des Business – und zwar dort, wo sie am ursprünglichsten ist: Gebrauchtwagenhändler Müller lässt neuerdings die privaten Verkäufer der ihm auf den Hof gestellten Autos jeweils eine umfassende schriftliche Bewertung ihrer Fahrzeuge anfertigen. Diese Exposés klemmt er an die Windschutzscheiben als wichtige Erstinformation für Interessenten. Die potenziellen Käufer sollen entzückt sein, heißt es in der Branche.

Ist das realistisch, glauben Sie so etwas? Wäre es tatsächlich eine gute Idee, einer „Partei“, für die vom Urteil der jeweiligen Gegenseite bzw. des professionellen Kritikers sehr viel abhängt, vorab Gelegenheit zu einer – zwangsläufig subjektiven – Selbstbewertung zu geben? Glauben Sie im Ernst, die würde jemand lesen, es sei denn, er wäre ungewöhnlich naiv?

Wenn Sie das aber verneinen, vermutlich von einem gehörigen Kopfschütteln ob solchen Unfugs begleitet, warum tun Sie es denn selbst – etwa wenn Sie sich bewerben? Und geben schön übersichtlich auf dem Deckblatt des Lebenslaufes, direkt unter dem mehr oder minder eindrucksvollen Foto, eine solche Selbstbeurteilung über sich als Bewerber ab? Glauben Sie, dort würde das ein Profi mit Interesse lesen und annehmen, damit hätte er wertvolle Erkenntnisse gewonnen? Wobei ich nicht leugnen will, dass sich daraus mitunter tatsächlich etwas ableiten lässt: nämlich die Gewissheit, einen Kandidaten mit derart ausgeprägtem Eigenlob und mit solch unerträglich dick unterstrichenen, aber natürlich unbewiesenen Top-Eigenschaften und Fähigkeiten in keinem Fall einzustellen.

Fazit: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein professioneller Bewerbungsleser sich davon positiver beeinflussen lässt als er sich durch die auf den nächsten Seiten kommenden Fakten hätte beeinflussen lassen. Und dass er sich ggf. negativ durch solche Selbstbeweihräucherungen einstimmen lässt, wollen Sie doch wohl nicht. Also was soll dieser nur Platz fressende Schmus auf Seite eins denn überhaupt bewirken oder bringen?

Und da Sie meine obigen Ausführungen zu diesem Thema durchaus als rein „polemisch“ abtun könnten, hier noch zwei sachliche Argumente:

  1. Der eigentliche „Lebenslauf“ zeigt absolut eindeutig, was in den berufsrelevanten Phasen bisher erreicht wurde; er stellt Siege und Niederlagen deutlich heraus. Die beigefügten Zeugnisse und das Anschreiben runden das Bild ab. Mag dieses Bild beim Berufseinsteiger noch recht dünn oder flau sein, so gewinnt es doch an Schärfe mit jedem Jahr Praxiserfahrung (und von einem Berufsanfänger, der ja die in der Praxis anzulegenden Maßstäbe noch gar nicht kennt, mag ich ohnehin nicht lesen, er sei eine ebenso kreative wie dynamische und in jedem Fall „proaktive“ künftige Managerpersönlichkeit).Kurzgefasst: Wer auf einen tadellosen, erfolgreichen Berufsweg im Sinne der Regeln verweisen kann, braucht keine seiner Eigenschaften gesondert herauszustreichen – die erkennt man schon recht genau am Ergebnis und an der Art der Darstellung der üblichen Fakten. Und wer einen Weg präsentieren muss, der von diversen Misserfolgen und Einbrüchen geprägt ist, rettet durch Auflistung angeblich vorhandener Erfolgsfaktoren im Bereich seiner individuellen Gegebenheiten auch nichts mehr, eher im Gegenteil.Denken Sie nur an einen Fußballspieler, der da schriebe: „Eigentlich bin ich ein sehr dynamischer Torjäger, der sicher auch Ihren Verein voranbringen würde. Leider war es mir durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den letzten zwanzig Spielen nicht möglich, direkt auf das Tor zu schießen oder es gar zu treffen.“
  1. Wir könnten uns darauf einigen, an die Stelle der unseligen Eigenbeurteilungen zumindest klare Fakten zu setzen. Das wäre vielleicht eine Lösung, gäbe es doch eine brauchbare Basis ab für eine erste Kurz- bzw. Schnellbeurteilung durch den gestressten, unter Zeitdruck stehenden Bewerbungsempfänger. Aber ich kenne meine Pappenheimer (frei nach Schiller, Wallenstein): Sie würden, um nur zwei Beispiele zu nennen, dort hinschreiben: „- Universitätsstudium, Abschluss: Master“,„- mehr als zehn Jahre Praxis im Anlagenbau“.Beides wäre im Einzelfall ggf. nicht einmal falsch, aber das Studium könnte nach 18 Semestern zu einem Examen von 3,5 geführt haben. Die zehn Jahre stimmten irgendwie auch, danach kämen aber fünf Jahre mit hier nicht passender Praxis und zuletzt zwei Jahre Arbeitslosigkeit. Wenn man als Leser mehrfach darauf hereingefallen wäre, verlöre man auch an dieser Variante den Spaß.Also lautet meine Empfehlung: Lassen Sie den Unfug. Und wenn Sie unbedingt ein Deckblatt mit größerem Portrait gestalten wollen, schreiben Sie die Rubrik „persönliche Daten“ darunter, das passt zum Foto eines Bewerbers noch am besten.

Frage-Nr.: 491
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-03-01

 

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Von Heiko Mell

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