Heiko Mell

Achtung: Risiko!

Heiko Mell

Frage:

Ich habe einen Traumjob beim neuen Arbeitgeber – was interessiert mich das Zeugnis vom alten?

Antwort:

Zur Erinnerung: Nicht zuletzt wegen der langsam wieder härter werdenden Anforderungen am Arbeitsmarkt stelle ich in der kleinen Reihe „Achtung: Risiko!“ mögliche Probleme in den Bereichen Werdegang-Gestaltung und Bewerbung vor.

Nehmen wir einmal an, bei Ihrem heutigen Arbeitgeber A „läuft es nicht so gut“ für Sie – warum auch immer. Sie suchen sich ein neues Engagement bei B und schließen diese weniger erfreuliche Phase damit ab.
Die neue Position bei Arbeitgeber B haben Sie ohne Vorlage eines Zeugnisses von A erhalten, das war übliches Verfahren. Schließlich haben Sie sich aus ungekündigter Position beworben – und B hat Ihre Aussage akzeptiert, ein Zwischenzeugnis hätten Sie nicht und das Endzeugnis bekämen Sie erst am letzten Arbeitstag. Bis dahin ist das alles völlig in Ordnung.

Was nach der angedeuteten Gesamtsituation bei A schon zu erwarten war: Das Endzeugnis dieses Hauses fällt nicht besonders gut aus. Wie das Leben so spielt, waren Zufriedenheit und persönliche Abneigung gegenseitig – Sie waren mit A ebenso unzufrieden wie die Chefs dort mit Ihnen. Und seien Sie versichert: Ein Personalfachmann liest das aus dem Zeugnis heraus.

Wollen Sie ein Beispiel: „Sein Verhalten gegenüber den Vorgesetzten war von Kollegialität und einem Verhältnis auf Augenhöhe geprägt.“ Heißt: Er hat es an Respekt vor seinen Chefs fehlen lassen und die wie seine Kollegen bzw. Kumpel behandelt. Das mögen viele Vorgesetzte überhaupt nicht!

Oder: „Als Führungskraft praktizierte er einen sehr kollegialen Stil, er wurde von seinen Mitarbeitern sehr geschätzt und war bei ihnen außerordentlich beliebt.“ Heißt: Er war zu weich gegenüber seinen Mitarbeitern, forderte sie nicht hinreichend, sah sich nicht als anweisender Chef, sondern als einer von ihnen. Das mögen die meisten Bewerbungsempfänger nun fast noch weniger.

Aber in der Hektik des letzten Arbeitstages überlesen Sie diese und andere Feinheiten oder stecken das Dokument ungelesen in die Tasche. Nun hat es den Charme einer Zeitbombe: Während Sie, den Traumjob bei B vor Augen, ganz fest davon ausgehen, dass Sie jenes Dokument nie wieder brauchen werden, tickt das Thema „Zeugnis“ in Ihrem Werdegang langsam vor sich hin:

a) Ihr neuer Arbeitgeber B kann das Endzeugnis von A nachfordern. Das ist in diesem Falle peinlich, aber bei einem schwächeren Zeugnis noch nicht die ganz große Katastrophe. Zunächst ist völlig unklar, ob das von Ihnen schließlich nachgereichte Dokument überhaupt jemand so kritisch liest, dass er jene subtilen Feinheiten bemerkt. Falls ja, hat Ihr neuer Chef das Problem zu lösen, was er jetzt mit seiner Entdeckung anfängt: Er hat sich für Sie entschieden, er will – wie Sie – Ihren Erfolg, er hat derzeit zu Ihnen keine personelle Alternative. Also wird er alles so weiterlaufen lassen, Sie aber vielleicht einige Wochen lang misstrauischer als sonst beobachten.
Aber als Trost: Entlassungen in der Probezeit wegen eines nachgereichten schlechten Zeugnisses vom früheren Arbeitgeber gibt es praktisch nicht (es sei denn, Sie hätten im Bewerbungsprozess erklärt, Sie wären bei A seit Jahren Abteilungsleiter mit viel Personalverantwortung gewesen, während das A-Zeugnis Ihnen den Status eines stellvertretenden Hilfs-Teamleiters seit höchstens sechs Monaten bescheinigt).

b) Wenn Sie jetzt sechs oder zehn Jahre bei B erfolgreich arbeiten, dort mehrfach befördert werden, ist das „alte“ Dokument von Arbeitgeber A weitgehend bedeutungsarm geworden. Sie sollten aber darauf achten, späteren Bewerbungen sehr gute Zwischenzeugnisse von B beilegen zu können.
Sollten Sie aber so acht bis vierundzwanzig Monate nach Antritt bei B aus irgendwelchen Gründen zu erneuten Bewerbungen gezwungen sein, dann ist jenes A-Zeugnis Ihr wichtigstes Dokument – und kann Ihre Chancen ganz entscheidend reduzieren!

„Notizen aus der Praxis“-Nr.: 504
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16/17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-04-17

Von Heiko Mell

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