Heiko Mell

Anpassen ist (k)ein Schimpfwort

Antwort:

Sie treffen die Entscheidung, Ihren Berufsweg als Angestellter zu gehen, in einem freien Land ganz bewusst. Sie hätten ja Alternativen gehabt: Selbständigkeit, reicher Erbe, Lottogewinn, vermögender Lebenspartner etc. Aber es musste ja Angestellter sein.

Damit nun sind oder werden Sie lt. offizieller Definition „abhängig Beschäftigter“. Lesen Sie das erste Wort besonders aufmerksam: ein Angestellter ist abhängig (ein Selbständiger übrigens auch, das aber ist ein anderes Thema).

Nun könnten Sie noch jung sein, idealistisch und was man sonst noch alles so ist in dem Alter – vor allem aber wild entschlossen, Ihrer Freiheit als Individuum absolute Priorität einzuräumen und sich beispielsweise unter keinen Umständen irgendwie anzupassen. Schon gar nicht an Regeln und Gepflogenheiten des Arbeitslebens.

Ein Angestellter aber ist abhängig. Wer abhängig ist, muss sich anpassen, sonst drohen empfindliche Nachteile. „Ich will Abhängiger sein, aber mich nicht anpassen.“ Geht das gut, könnte das überhaupt gut gehen? Die Antwort liegt auf der Hand.

Es geht also nicht, wird aber immer wieder gern versucht, zumindest in jüngeren (Berufs-)Jahren. Bis sich nach einem quälenden Erfahrungs- und Lernprozess die Erkenntnis einstellt, dass es tatsächlich nicht geht – und dass Anpassung eine Selbstverständlichkeit ist, zwingend mit der Einfügung in große Arbeitsorganisationen verbunden.

Wenn dort die anderen um 8.00 Uhr anfangen, abends häufig länger bleiben, dem Chef nicht massiv vor Zeugen die Gefolgschaft verweigern, bestimmten Gepflogenheiten und Ritualen folgen – dann tut man gut daran, sich dem irgendwie anzuschließen.

Und – in dieser offenen Gesellschaft so wichtig und so oft gefordert – die Chance, sich als individuelle Persönlichkeit zu profilieren? Die ist nicht nur auch in diesem Metier da, ein Herausarbeiten solcher Merkmale ist zwingende Voraussetzung für jede Art von beruflichem Fortschritt. Denn – so paradox ist diese Welt -, wer sich nicht anpasst, ist bald draußen; wer aber von seinen Chefs als „angepasst“ charakterisiert werden würde, wäre „tot“ (im Hinblick auf Beförderungen). Weil für den Arbeitgeber das Einfügen in die Betriebsgemeinschaft, das „Funktionieren“ im Sinne der Regeln eine solche Selbstverständlichkeit ist, dass sie offiziell gar nicht mehr Anpassung genannt wird. Wohingegen ein „angepasst“ genannter Mitarbeiter eher einer ohne Rückgrat und Format wäre.

Der ideale Mitarbeiter fügt sich also ein, trägt – beispielsweise – schulterzuckend Krawatte, wo alle eine tragen, führt nach Beendigung der Diskussionsphase Weisungen auch dann durch, wenn er sie immer noch für nicht optimal hält – ist aber auf seinem Gebiet kreativ, entwickelt neue, auch unkonventionelle Ideen, profiliert sich als Macher und zäher Streiter für die ihm übertragene Sache, tritt in Gremien so auf, dass er denen als Persönlichkeit im Gedächtnis bleibt, die seine Beiträge erlebt haben.

Nie würde jemand an seiner Bereitschaft zur Anpassung zweifeln, aber ebenso wenig käme jemand auf den Gedanken, ihn „angepasst“ zu nennen. Und nie würde er formulieren: „Ich lehne es ab, mich anzupassen.“ Klingt das kompliziert? Mit der richtigen Einstellung ist es das eigentlich nicht. Das Nachdenken darüber lohnt. Und dann streichen Sie den Begriff aus Ihrem Vokabular.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 94
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-11

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