Heiko Mell

Überlastung ist meist hausgemacht

Antwort:

Ich gehe davon aus, dass Sie, lieber Leser, beruflich stark in Anspruch genommen sind. Natürlich sind Sie das, etwas anderes wäre ja fast schon rufschädigend. Nehmen wir sogar einmal an, Sie wären regelrecht überlastet. Dann immerhin hätte ich die äußerst hilfreiche Antwort auf Ihre denkbare Frage parat, woran das läge: weil Sie es so wollten, weil Sie der „Typ dafür“ wären, weil Sie Fehler in Ihrer Arbeitsorganisation machten.Ich habe mich lange damit beschäftigt und viele verschiedene Menschen beim täglichen Tun beobachten können. Und das Resultat ist eindeutig: Wer überlastet ist, will das so haben, braucht das entsprechende Gefühl wie die Luft zum Atmen – oder ist zumindest nicht ganz unschuldig an der Geschichte.

Natürlich reden wir hier nicht über die jedem widerfahrende gelegentliche Extrembelastung. Wir sprechen hingegen über Durchschnittswerte, über Langzeitbeobachtungen – über Leute, die „immer“ am Rande des vermeintlichen oder echten Zusammenbruchs dahinjonglieren. Die gibt es mehr als genug und ich hoffe, Sie sehen keinen davon, wenn Sie in den Spiegel schauen.

Da die Ursachen für das Überlastungsphänomen vielfältig sind und ich nicht wissen kann, woran es gerade bei Ihnen liegt, hier meine zentralen Beobachtungen und Erkenntnisse in dem Zusammenhang:

1. Fast jede beliebige Aufgabe ist in fast jeder beliebigen Zeit lösbar. Nicht auch noch in jeder Qualität – das ist der Preis, der notfalls zu zahlen ist (vom Auftraggeber, der das Resultat haben will). Ich kann einen Artikel wie diesen im Notfall in drei Minuten eigener Arbeit erstellen (per Diktat), wenn es sein muss (sagen Sie nicht, an „so einen“ erinnerten Sie sich). Nur ist er dann nicht mehr so gut wie manche früheren, aber machbar ist das. Ich kann auch lange denken und tastend schreiben, mich dabei korrigieren, Ansätze verwerfen, neue suchen, wieder korrigieren, noch einmal überarbeiten, schließlich straffen und die Rechtschreibung persönlich überwachen, anschließend alles miserabel finden und völlig neu beginnen. Das dauert dann zwei Tage (abzüglich einiger Telefonate zwischendurch). Aber diese Bandbreite gibt es immer. „Soll er bitte schauen, wo er etwas Besseres in 120 Minuten bekommt“, sagte ein früherer Chef von mir stets ganz gelassen, wenn sein Vorstandvorsitzender wieder mit höchster Dringlichkeit etwas ausgearbeitet oder ermittelt haben wollte, wog dann zunächst ab, wie gut in diesem Rahmen das Machwerk realistischerweise sein müsste, fing in aller Ruhe an – und kam damit durch!

 

2. Wer Wichtiges nicht von Unwichtigem zu trennen imstande ist, wird immer „im Stress“ sein. Vorstandsvorsitzer, wo wir gerade dabei sind, können sich neben der Festlegung der globalen Unternehmensstrategie gleichzeitig mit einem Mist beschäftigen, das glaubt man gar nicht. Lassen Sie sich Beispiele von alten Hasen in Ihrem Hause erzählen.

 

3. Was Leute viel tun – machen sie, weil sie es gern tun! Wer dauernd über zu viele Dienstreisen stöhnt, reist schlicht gern (ein anderer erledigt zwei Drittel davon am Telefon). Wer nie am Platz ist, sondern ständig auf Meetings, langweilt sich an ersterem und ist einfach gern unter Leuten oder noch lieber „wichtig“. Und für viele ist allein das Gefühl, es ginge notfalls auch ohne sie, völlig unerträglich. Erkennen Sie dieses Prinzip!

 

4. Viele „Siege“, die Sie teuer und aufwendig „erkauft“ haben, sind überbezahlt. Wenn Sie den Wunsch einer fremden Fachabteilung in Ihrem Bereich in zwanzig Minuten erledigen können, während hinhaltender Widerstand („was glauben die denn, wer sie sind“) unter Einschaltung Ihres Chefs drei Wochen dauert, war Ihre Überlastung kein Wunder.

 

5. Wenn Sie Chef sind: Glauben Sie daran, dass Sie zu Recht dort sitzen und jeden Pfennig wert sind, den Sie mehr verdienen als andere. Aber glauben Sie nicht auch noch, dass Sie in allen Details wirklich klüger sind, als alle Ihre Mitarbeiter oder sonstigen Fachleute, die „unter“ Ihnen stehen. „Das geht nicht, das bringt den Betriebsrat gegen uns auf, das können wir nicht machen, das gibt Ärger“, sagt der Personalchef zum Geschäftsführer. Der weiß es besser und probiert es dennoch. Anschließend geht es doch nicht, bringt den Betriebsrat gegen die Unternehmensleitung auf und alle drei Parteien sind auf Monate hinaus überlastet.

PS zu 5: Natürlich müssen Sie sich dreimal im Jahr auch über die Bedenken niederrangiger Fachleute hinwegsetzen – so oft haben die nämlich Unrecht. Ein „Ass“ als Chef braucht für drei „Treffer“ fünf Versuche, ein schlechterer zwanzig (und ist natürlich überlastet, weil das meiste seines Tuns vergeblich ist).

Kurzantwort:

Ich gehe davon aus, dass Sie, lieber Leser, beruflich stark in Anspruch genommen sind. Natürlich sind Sie das, etwas anderes wäre ja fast schon rufschädigend. Nehmen wir sogar einmal an, Sie wären regelrecht überlastet. Dann immerhin hätte ich die äußerst hilfreiche Antwort auf Ihre denkbare Frage parat, woran das läge: weil Sie es so wollten, weil Sie der „Typ dafür“ wären, weil Sie Fehler in Ihrer Arbeitsorganisation machten. …

Frage-Nr.: 89
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-10

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