Heiko Mell

Guter Eindruck kontra Information

Antwort:

Ohne guten Eindruck ist alles nichts – jedenfalls, soweit der Bewerber im Vorstellungsgespräch betroffen ist. Nur wenn er die Vertreter des potenziellen neuen Arbeitgebers hinreichend begeistert, bekommt er vielleicht ein Angebot. Also muss er sich um eben diesen Eindruck nachhaltig bemühen.

So weit, so gut. Nun dient der Vorstellungskontakt aber noch einem anderen Ziel des Bewerbers. Dieser will eine Vielzahl von Informationen sammeln, um auf einer möglichst breiten Basis entscheiden zu können, ob er den Job überhaupt haben will. Einige Details dazu gibt man ihm freiwillig und ungefragt – irgendein Vortrag von der Arbeitgeberseite über Aufgaben und sonstige Zusammenhänge gehört zum Standard.

Aber das, was er so erfährt, reicht nicht! Gerade saß wieder ein Manager vor mir, der als Entschuldigung für den viel zu früh wieder geplanten Wechsel ausführte, in den letzten fünf Jahren vor seinem Eintritt hätte es vier Wechsel in der Besetzung der Chefposition und drei in der Person seiner Vorgänger gegeben. Das hatte er vorher nicht gewusst – weil er es nicht erfragt hatte. Welches Unternehmen rückt schon freiwillig damit heraus?

Also sollte man schon dieses und anderes erfragen im Vorstellungskontakt. Fatalerweise sind solche Informationsbegehren der Gegenseite unbequem und stören damit nachhaltig den guten Eindruck vom Bewerber – den der wiederum braucht, damit es überhaupt weitergeht. Wobei solche Fragen der bohrenden Art besonders negativ wirken, wenn die Gegenseite gar nichts zu verbergen hat und bei ihr alles in bester Ordnung ist.

Kommt es aber nicht zum Aufbau eines guten Eindrucks, nützen dem Bewerber die hart erarbeiteten Antworten gar nichts – er weiß dann alles, bekommt aber kein Vertragsangebot.

Ohne guten Eindruck ist tatsächlich alles nichts – also erkämpfe man sich zunächst kompromisslos den. Ist das erreicht und nicht durch unangenehmes Nachdrängen gefährdet, kommt der Bewerber ins zweite Gespräch – wegen des guten Eindrucks, den er im ersten gemacht hat. Dort dann ist der Kandidat jemand, den der potenzielle neue Arbeitgeber schätzt und will – und von dem er einiges hinnimmt, bevor er sein Urteil aus dem ersten Treffen wieder umstoßen würde.

Also ist der Bewerber gut beraten, die ihm vielleicht wirklich wichtigen, entscheidungsrelevanten Fragen oder offengebliebenen Probleme nach dem ersten Gespräch zu notieren – um sie im zweiten dann ruhig und sachlich zu erörtern. In der Gewissheit, dass er bei der Gegenseite einen Bonus (guter Eindruck) aus dem Erstkontakt genießt, der ihm jetzt Spielraum gibt zur Wahrung seiner Interessen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 84
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-31

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