Heiko Mell

Vertrauen

Antwort:

Gerade bei Führungskräften ist ein Ausscheiden per Aufhebungsvertrag nicht eben selten, Freistellung oft inbegriffen. Nun ist dieses Aufheben eines bestehenden Arbeitsverhältnisses formal ein von beiden Seiten durch Unterschrift besiegelter Vorgang, also ein gemeinsam vollzogener Schritt.

In der Praxis jedoch ist völlig klar: Die Initiative dazu ging allein vom Arbeitgeber aus. Der zeigte sich mehr oder weniger großzügig und bot seinem Arbeitnehmer allerhand an – damit der dann auch seine Unterschrift unter das Dokument setzte. Hätte der Mitarbeiter es nicht getan, wäre die einseitige Kündigung durch das Unternehmen erfolgt, das steht außer Zweifel.

Damit ist klar: Wer als Arbeitnehmer einen Aufhebungsvertrag unterschreibt, ist auf dem Arbeitsmarkt in derselben Lage als wäre er gefeuert worden! Das wiederum möchte der Bewerbungsempfänger und potenzielle neue Arbeitgeber gern wissen. Sehr gern!

Es beginnt mit der schriftlichen Bewerbung: „Ich bin als … tätig …“ im Anschreiben und „seit …“ im Lebenslauf bei der Darstellung der heutigen Position gelten als akzeptabel, solange das eigentliche Ende des Beschäftigungsverhältnisses noch etwa mindestens vier Wochen in der Zukunft liegt (die Tätigkeit also bei einem eventuellen Vorstellungsgespräch noch nicht beendet sein wird).

„Ich befinde mich in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis“, wäre jedoch die Unwahrheit, die Unterscheidung zwischen „Kündigung“ und „Aufhebung“ gilt als übertrieben spitzfindig. Allerdings besteht kein Grund, den Aufhebungsvertrag im Anschreiben aus eigenem Antrieb zu erwähnen. Wird jedoch der heutige Arbeitgeber bewusst nicht genannt oder wird verbal um „äußerste Diskretion“ gebeten, begibt sich der Bewerber schon auf sehr dünnes Eis.

Im Vorstellungsgespräch gilt: Fragen des Arbeitgebers sind wahrheitsgemäß zu beantworten (wird nach einem ungekündigten Arbeitsverhältnis gefragt, ist die Aufhebung zu nennen).

Ganz besonders wichtig aber wird das Thema, wenn der neue Arbeitgeber nicht fragt – und der Bewerber damit auch nichts „Falsches“ zu seinem Status gesagt hat: Mit dem neuen Arbeitgeber soll ein Vertrauensverhältnis begründet werden, an das hohe Anforderungen zu stellen sind. Dazu ist es erforderlich, dass der Arbeitnehmer – auch freiwillig und ungefragt – alles auf den Tisch legt, was vernünftigerweise für den neuen Arbeitgeber von besonderem Interesse sein muss. Und die Frage, unter welchen Umständen er sein letztes Unternehmen verlassen hat, ist ein zentrales Kriterium!

Also muss ein Bewerber im ureigenen Interesse vor Unterschrift unter einen neuen Arbeitsvertrag dem potenziellen neuen Arbeitgeber den Aufhebungsvertrag beim alten Unternehmen offenbaren. Es ist ziemlich uninteressant, wie dazu die Rechtslage ist: In der Probezeit sind Kündigungen jederzeit möglich und auch danach findet sich stets ein Weg – und sei es der über den Aufhebungsvertrag. Und welche Führungskraft wollte schon täglich vor einer „Aufdeckung“ dieses Umstandes zittern, den sie im Vorstellungsprozess verschwiegen hat?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 83
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-24

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