Heiko Mell 01.01.2016, 09:58 Uhr

Wie schreibt man?

Antwort:

Es geht nicht ohne. Jedenfalls nicht für einen Akademiker mit halbwegs adäquaten beruflichen Ambitionen. Er muss schreiben. Von der Diplomarbeit bis zu Bewerbungsanschreiben, von internen Vorlagen über Protokollnotizen bis zum Entwurf des eigenen Arbeitszeugnisses, um den der Chef eines Tages bittet.

Dabei gilt: Etwas zu wissen oder zu wollen, ist eine Sache. Es schriftlich so darzustellen, dass der Adressat das Anliegen versteht, eine ganz andere. Und die „hohe Schule“ beginnt dort, wo der Empfänger dem Wunsch des Absenders auch noch folgen soll.

Jeder, der solche Schriftstücke lesen muss, hat leidvoll erfahren: Es ist ein Kreuz mit dem Schreiben, jedenfalls was unsere Bildungselite (Akademiker) angeht. Wie die anderen Bevölkerungsgruppen schreiben, will ich gar nicht wissen. Als Zyniker vermute ich: besser, denn schlechter ist kaum möglich.

Es wimmelt von Fehlern, Anliegen bleiben unverständlich, Sätze fangen nirgendwo an oder enden im Nichts, Zusammenhänge erschließen sich nicht, die Logik ist haarsträubend. Schade, dass der Platz hier nicht für Beispiele reicht.Vielleicht kann ich mit einigen Erfahrungswerten und Tipps helfen:

1. Die Geschäftsbriefe von Führungskräften sind überwiegend in Ordnung. Entweder lernen die Leute auf dem Weg nach oben etwas dazu (unwahrscheinlich) oder die Fähigkeit zum halbwegs klaren schriftlichen Ausdruck ist Teil der geforderten Qualifikation eines Managers (glaube ich durchaus).

2. Je „gebildeter“ und scheinbar „anspruchsvoller“ die Leute sich ausdrücken wollen, desto eher geht die Sache schief. Je mehr Schachtelsätze entstehen, desto eher geht dem Autor die Übersicht flöten. Je intensiver eine Begründung für etwas gegeben werden soll, die gar nicht gefragt war, desto ungewisser wird das Ergebnis, Kurze, einfache, klare Sätze reichen völlig. Zunächst entscheidet der schnell erfassbare sachliche Inhalt. Erst viel später, auf deutlich höherem Niveau, kommt es auch auf die Fähigkeit an, gekonnt etwas zwischen den Zeilen anzudeuten, ohne beweisbar etwas gesagt zu haben. Überlassen Sie das den Spezialisten.

Als Warnung: Häufig verführt die Herkunft aus einem nichtakademischen, einfacheren Elternhaus in Verbindung mit dem absolvierten zweiten Bildungsweg dazu, betont „anspruchsvoll“ zu schreiben. Es wirkt meist verkrampft und gekünstelt. Optimal ist es zu schreiben, wie man spricht (Gegenargument: „Sie sollten mich mal sprechen hören“).

3. Lesen hilft, es prägt das Sprachgefühl. Was man liest, ist dabei gar nicht so wichtig. Kaum eine Führungskraft kennt die Regeln, nach denen die Sätze in ihrer Muttersprache gebildet werden. Aber ein Manager hat viel Text gesehen, da prägt sich eine Menge ein, und er entwickelt ein Gefühl für „klingt gut / sagt man so nicht“.

4. Jedes wichtige Schriftstück muss sorgfältig gelesen und auch daraufhin überprüft werden, ob alle Sätze verständlich sind, ob der anvisierte Leser überhaupt alle Informationen hat, um das Geschriebene spontan verstehen zu können – und ob alle Zusammenhänge logisch sind. Gerade Letzteres ist sehr oft nicht der Fall.

Am besten liest man sich sein Elaborat im ausgedruckten Zustand (am Bildschirm reicht nicht!) laut vor. Da wir täglich mehr Sprache hören als lesen, wird ein Teil unseres Sprachgefühls über die akustische Wahrnehmung gebildet, das macht man sich so zunutze.

5. Von Rechtschreibung muss man so viel verstehen, dass man weiß, wann man nachschlagen muss. Ich schreibe keinen Artikel und keinen Anzeigentext, ohne mich mehrmals im Duden zu überprüfen. Zu wissen, was man nicht weiß, reicht dabei – fast – aus. Nur „Akquisition“ findet man nicht, wenn man nicht einen „Anfangsverdacht“ hat.

Kurzantwort:

Es geht nicht ohne. Jedenfalls nicht für einen Akademiker mit halbwegs adäquaten beruflichen Ambitionen. Er muss schreiben. Von der Diplomarbeit bis zu Bewerbungsanschreiben, von internen Vorlagen über Protokollnotizen bis zum Entwurf des eigenen Arbeitszeugnisses, um den der Chef eines Tages bittet.

Frage-Nr.: 82
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-10-08

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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