Heiko Mell

Gruppenzwang auch im Gesicht?

Antwort:

Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Zumindest in gewissen Grenzen. Dazu gehört auch das Tragen eines Bartes, beispielsweise (und so einem überhaupt einer wächst). Jeder also kann soviel Haar im Gesicht tragen wie er mag.

Die Medaille hat jedoch eine Kehrseite: Die anderen Leute können ihrerseits davon halten, was immer sie wollen. Das geht solange gut, bis ein Intensiv-Träger mit seiner Bewerbung nebst Foto der Entscheidung eines Menschen ausgeliefert ist, der nicht nur glattrasiert ausschaut, sondern das auch noch als einzig denkbaren Standard ansieht. Solche Leute gibt es. Und einige davon – niemand kennt Quoten – erteilen Aufträge zur Besetzung von Führungspositionen mit dem Zusatz: „Keinen Bart, bitte.“Wobei mir etwas aufgefallen ist: Der Anteil von Intensiv-Bartträgern im Top-Management ist eher gering. Da diese Leute ständig in Tages- und Fachzeitungen abgebildet werden, läßt sich das leicht nachprüfen. Der entsprechende Anteil im unteren Management jedoch ist sehr viel höher – warum auch immer.

Bei Bewerbungen trifft damit relativ oft ein Mitglied der Gruppe „Bart“ auf einen Entscheidungsträger aus der Gruppe „kein Bart“. Nun neigen Gruppen aber instinktiv dazu, vorwiegend solche Neuzugänge zu ihrer Gruppe zuzulassen, die „so sind wie wir“. Und unbestritten ist Sympathie ein wichtiges Einstellkriterium.

Nun soll niemand seine Persönlichkeit verbiegen, nur um einer bestimmten Gruppe zu gefallen. Aber wer beispielsweise dringend einen neuen Job braucht und mit zahlreichen Bewerbungen erfolglos blieb, könnte ja auch einmal an diese Zusammenhänge denken. Und die abrasierten Haare im Gesicht nach Fototermin und erfolgreicher Vorstellungsrunde gegebenenfalls wieder wachsen lassen (weil Entlassungen wegen späteren Bartwuchses praktisch nicht bekannt geworden sind). Wer hat gesagt, daß Menschen nur logisch handeln?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 8
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-28

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