Heiko Mell

Bringschuld bleibt Bringschuld

Antwort:

Ein Bewerber wird so genannt, weil er sich bewirbt. Letzteres ist eine aktive Handlung: Ein Bewerber tut etwas. Verstanden wird unter Bewerbung ein Prozess, mittels dessen ein Mensch, der eine für ihn reizvolle Anstellung haben möchte, a) sein Interesse an diesem Job kundtut und b) gleichzeitig seine Qualifikation dafür unter Beweis zu stellen versucht.

Also bedeutet „ich bewerbe mich“ etwa „ich bemühe mich nach Kräften um …“. Hingegen bedeutet es nicht: „Wer mich unbedingt für seine Firma haben will, dem erlaube ich, sich um mich zu bemühen.“

Natürlich will auch das jeweilige Unternehmen einen neuen Mitarbeiter des speziellen Zuschnitts haben. Und fordert, beispielsweise in Anzeigen, entsprechende Interessenten auf, sich um die offene Position zu bewerben. Das Unternehmen hat aber schon 500 oder 50.000 andere Mitarbeiter und würde nun der „Geber von Arbeit“ für einen weiteren Mitarbeiter. Letzterer ist nach offizieller Definition „abhängig Beschäftigter“ und wird „weisungsgebunden tätig“. Die wirtschaftliche Existenz des potenziellen neuen Mitarbeiters hängt weitgehend an den Einkünften, die er aus diesem einen Arbeitsverhältnis erzielt, die Existenz der Firma hängt gewöhnlich nicht an der Arbeitskraft des einen neuen Belegschaftsmitgliedes. Also ist es schon vernünftig, die Dinge so zu regeln, wie sie sind: Der stärkere Partner zeigt an, dass er gerne noch einen Angestellten hätte, interessierte Kandidaten bemühen sich darum, den Job zu bekommen (wie man es umgangssprachlich formuliert).

Bewerber bemühen sich also um den Erhalt der Position und geben dabei ihr Bestes. Soweit die hoffentlich allseits bekannte Definition. Die ich hier nicht so breittreten müsste, gäbe es nicht gute Gründe dafür. So ist manchen Interessenten an neuen Positionen – sie „Bewerber“ zu nennen verbietet sich lt. obiger Darstellung – etwas Neues eingefallen:

Warum sollte ich, so denkt der Interessent „modernen Stils“, mich überhaupt in Arbeit stürzen – soll doch die andere Seite den Aufwand treiben. Sprachs und schickte eine E-Mail an das Unternehmen, das ein Stellenangebot (Führungsposition!) aufgegeben hatte: „Sie können sich meinen Lebenslauf unter www. … … direkt aus dem Internet abrufen. Bitte beachten Sie die Kleinschreibung.

PS: Sollte es Probleme mit der Ansicht meiner Internetsite geben, senden Sie mir bitte ein kurzes Replay auf diese Mail.“Nun ist die Bewerbung unter allem anderen auch eine Arbeitsprobe. Und man kann sich förmlich vorstellen, wie dieser Kandidat eines Tages seinem Vorstand eine Mail schickt: „Sie können sich die bei mir in Auftrag gegebene Ausarbeitung selbst zusammenstellen. Rufen Sie bei der IHK an und fordern Sie die Broschüre XXX an, dann lassen Sie sich aus der Uni-Bibliothek noch das Buch YYY kommen, schon haben Sie alles. Sollte etwas nicht klappen, geben Sie mir bitte eine kurze Nachricht.“

Komisch, warum habe ich bloß das Gefühl, dass ausnahmslos alle Vorstände und Geschäftsführer, die ich kenne, das nicht lustig finden würden. Ob das an mir liegt?

Man könnte übrigens auch, so fällt mir noch ein, dem Prüfer im Examen bedeuten, wo er die Antworten auf seine Fragen finden kann, statt als Prüfling selbst sein Gehirn anzustrengen. Nur wenn der Professor Jurist ist, geht das nicht: Dann nämlich weiß er, was eine „Bringschuld“ ist (der „Schuldner“ muss das, was er schuldet, dem „Gläubiger“ bringen und darf sich nicht auf die Angabe beschränken, wo dieser sich „die Sache“ abholen kann).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 78
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-07-13

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