Heiko Mell

Weglaufen ist keine Lösung

Antwort:

Stellen Sie sich vor, ein neuer Arbeitgeber – vielleicht sogar der erste überhaupt – erfüllt Ihre Erwartungen nicht. Die Arbeit ist langweilig, die Aufgabe fordert Sie nicht, der Chef ist weniger umgänglich als damals im Vorstellungsgespräch, als er noch um Sie warb.

Ein Lösungsansatz ist scheinbar sofort gefunden: „Ich muss hier weg, so schnell wie möglich.“ Vielleicht gibt es sogar aus der jüngsten Bewerbungsaktion noch andere potenzielle Arbeitgeber, zu denen der Kontakt bald wieder hergestellt ist. Was man im Restaurant problemlos machen kann, wenn sich herausstellt, man fühlt sich dort nicht wohl, ist hier jedoch fatal. Die Realisierung des schnellen Wechsels verstößt gegen mehrere „eiserne“ Regeln gleichermaßen:

1. Beim Stellenwechsel geht man gezielt auf eine neue Position zu; man bewirbt sich, weil man genau die haben will. Das Motiv „bloß weg hier“ ist demgegenüber ein extrem schlechter Ratgeber für die Auswahl des neuen Arbeitgebers.

2. Wer sich gerade eben erst geirrt hat bei der Auswahl des „richtigen“ Unternehmens, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit denselben Fehler wieder machen. Das kann man auch bei der Partnerwahl beobachten – ebenso wie den unausrottbaren Glauben der Betroffenen, von nun an werde ihr Urteil fundierter (warum sollte es?).

3. Wer sich einen neuen Arbeitgeber sucht, braucht Zeit, darf nicht unter Druck stehen. Er muss die Freiheit haben, Angebote mit erkennbaren „Haken und Ösen“ ablehnen zu können. Wer irgendwo unbedingt weg will, steht schon unter selbstgemachtem Druck. Und die so gefundene neue Position ist daher oft nur zweitklassig! Was wiederum die Lust zum neuen Wechsel beflügelt.

4. Der allzu schnelle Wechsel steht von nun an unübersehbar im Lebenslauf, wie in Marmor gemeißelt. Da jederzeit ohne eigenes Verschulden wieder einmal ein schneller Wechsel erforderlich werden kann, wird man leicht zum „Wiederholungstäter“ gestempelt, der seinen „Kredit“ in dieser Frage längst verbraucht hat.

5. Am schlimmsten aber ist der „Dammbruch im Kopf“, den der Entschluss zum schnellen Wechsel auslöst: So etwa wie ein Mensch, der einmal zur Flasche griff, stets in Gefahr ist, Trinken in Problemsituationen als Lösung anzusehen, so ist auch hier die Wiederholungsgefahr groß. „Wer einmal wegläuft, läuft immer wieder“ – die Menschen wiederholen gern, was sie einmal taten. Lebensläufe zeigen das sehr deutlich!

Und wenn man Betroffene im Gespräch fragt, ob denn aus heutiger Sicht die Probleme „damals“ wirklich so gewaltig gewesen seien und tatsächlich keine andere Lösung als Weglaufen möglich gewesen sei, winken sie ab: Später seien sehr viel drückendere Schwierigkeiten auf sie zugekommen. Und zähneknirschend: Ja, sie hätten damals Stehvermögen zeigen und dableiben sollen. Na also.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 77
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-07-06

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