Heiko Mell 01.01.2016, 09:40 Uhr

… oder selbständig werden?

Antwort:

Warum auch immer ein Angestellter sich entschließt, in die Selbständigkeit zu gehen – er sollte wissen, dass bestimmte Risiken und Chancen damit verbunden sind. Darunter solche, an die konkret kaum jemand denkt:

  •  Es ist weitgehend ein Weg ohne Wiederkehr; Bewerbungsempfänger suchen „echte“ Angestellte, keine gescheiterten Selbständigen. Die ja, so das gängige Vorurteil, vor allem deshalb dem abhängigen Beschäftigungsverhältnis entflohen waren, weil sie Ein- und Unterordnung, Chef-Weisungen und das Befolgen komplizierter Regelwerke grundsätzlich satt hatten. Das haben sie, so unterstellt man, noch immer.
  •  Aber es fragt „kein Mensch“ den Selbständigen nach dem beruflichen oder gar privaten Vorleben! Chaotische Lebensläufe, geplatzte Examen, schlechte Zeugnisse, fehlende rote Fäden in Werdegängen interessieren Kunden eher nicht. Vor allem bleibt Raum für geschönte Eigendarstellungen – kein Mensch will Dokumente sehen.
  •  Andererseits ist in der Selbständigkeit fachliches Können recht wenig und für sich allein gar nichts – Auftragsbeschaffung hingegen ist das alles entscheidende Thema. Wer sich gut vermarktet, kommt am weitesten – für die Auftragsdurchführung kann man sich schließlich Angestellte holen. In dem, was man da tun will, einfach nur fachlich gut zu sein, genügt absolut nicht!
  •  Persönlicher Einsatz am Markt ist der zentrale Erfolgsbaustein für den Anfänger – vom Nutzbarmachen persönlicher Beziehungen bis zum aktiven Klinkenputzen, je nach Branche. Später erst helfen dann Referenzen, Kundenlisten, Marktanteile, Bekanntheitsgrade. Ein Schild an der Tür plus tausend Werbebriefe – das bringt gar nichts.
  •  Einen Chef bei Laune zu halten, ist eine Sache, das Wohlwollen anspruchsvoller Kunden dauerhaft zu bewahren, eine ganz andere. Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht, Geschäftspartner nicht. Wenn Sie schon krank werden, dann lieber als Angestellter denn als kleiner Selbständiger.
  •  Arbeitgeber sagen wenigstens, was sie wollen, beispielsweise in Stellenanzeigen. Was Kunden wünschen, muss man aufwendig erspüren oder sogar erahnen. Und es kann sich von heute auf morgen ändern. Vor allem: Chefs entlassen nicht gleich, wenn ein zufällig hereinschneiender Bewerber sich etwas billiger anbietet als der derzeitige Stelleninhaber – Kunden sind oft von heute auf morgen beim billigsten Anbieter.
  •  Faule Angestellte mag es irgendwo geben, faule Selbständige in den ersten fünf Aufbaujahren garantiert nicht – sie wären längst pleite.
  •  Große Imperien zu führen, wirkliche Macht in volkswirtschaftlichen Dimensionen auszuüben, Herr über viele tausend Menschen zu sein – das ist als (angestelltes) Vorstandsmitglied leichter und schneller erreichbar. So groß werden eigene Firmen in einer Generation heute kaum noch (so viel zu verdienen, gelingt Selbständigen auch nur selten; statistisch dürften 10.000 Lottogewinner auf einen Bill Gates kommen).
  •  Schon im Angestelltendasein gibt es keine Gerechtigkeit; die Märkte, auf denen Selbständige operieren und von denen sie abhängen, wissen nicht einmal, was der Begriff bedeutet.* Vom Typ her ist man „entweder oder“; selten deckt die Persönlichkeit beides einigermaßen ab. Also gilt es rechtzeitig herauszufinden, wo die wahre Begabung steckt.
  •  Mit 50 Jahren ist auf dem Angestellten-Markt (fast) alles vorbei. Weil man als weniger flexibel gilt, weil Kampfgeist, Risikobereitschaft und Dynamik ihren Höhepunkt überschritten haben. Dann aber in die stark fordernde Selbständigkeit zu streben, ist nicht optimal (Idealalter: Mitte 30 bis Anfang 40).
  •  Direkt nach dem Studium selbständig zu werden, ist gewagt. Da nur der Weg vom Angestellten zum Inhaber problemlos funktioniert, der umgekehrte eher nicht, spricht vieles dafür, zunächst als abhängig Beschäftigter Erfahrungen zu sammeln.

Kurzantwort:

Warum auch immer ein Angestellter sich entschließt, in die Selbständigkeit zu gehen – er sollte wissen, dass bestimmte Risiken und Chancen damit verbunden sind. Darunter solche, an die konkret kaum jemand denkt:

Frage-Nr.: 75
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-06-15

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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