Heiko Mell

Zusätzliche Erkenntnisse über den Bewerber sind hochwillkommen

Sie haben, ich bin ganz sicher, schon einmal Heirats- oder Bekanntschaftsanzeigen gelesen. In denen sich die Kandidatinnen und Kandidaten selbst einschätzen: „Marie-Rose, schön, sexy, anschmiegsam, Traumfigur, nicht unvermögend, sucht …“Das liest sich toll – aber wird ein vernünftiger Mensch (oder gar ein Profi) der Selbstbeweihräucherung, Verzeihung, Selbstbeurteilung irgendeinen Wert außerhalb der Unterhaltungsebene beimessen?

Nur bei der Bewerbung von Akademikern um Führungspositionen soll das anders sein? Jedenfalls liest man nur zu oft langatmige Eigeneinschätzungen der Kandidaten. Wie sie denn so seien im Job und wie sie führten und überhaupt. „Was Sie sonst noch über mich wissen sollten“, ist das gemeinhin übertitelt. Und in der Detailformulierung ähnelt das der Selbstdarstellung in den erwähnten Heiratsinseraten ganz ungemein.

Also ich leugne überhaupt nicht den Wert solcher Aussagen für den Betrachter! Man muss ja eine Auswahl treffen aus dreißig oder hundertfünfzig Zuschriften. Und als negatives Kriterium eignet sich diese Geschichte allemal. Schwächen übrigens stehen dort niemals – stünden sie, würde man ohnehin nicht glauben, es seien die „echten“, wirklich gravierenden.

Bleiben die Stärken. Schön, ich beispielsweise empfinde mich als ganz tollen Berater. Einfühlsam, kompetent, intelligent, erfolgreich etc. etc. – aber wollen Sie das wirklich lesen? Von mir selbst über mich geschrieben? Na sehen Sie. Dafür will ich auch nicht lesen, wie toll Sie sich finden.

Aber ich gebe zu, man gewinnt Aufschlüsse aus diesen Eigenbeurteilungen, teils recht interessante. Nur: Ein Profi, der Bewerbungen analysiert und Entscheidungen zu treffen hat, wird kaum auf die Idee kommen, einen Kandidaten für „unternehmerisch denkend“ zu halten, bloß weil der selbst schreibt, er sei entsprechend veranlagt.Es gibt für diese Fragen, an denen Bewerbungsempfänger brennend interessiert sind („was für Eigenschaften und Fähigkeiten hat dieser Bewerber?“) drei große Komplexe, die eine halbwegs solide Beurteilung ermöglichen:

  •  den Lebenslauf/Werdegang (nach dem Prinzip „Talent bricht sich Bahn“ müssen sich Fähigkeiten irgendwann dort niederschlagen; wenn ich mit 50 immer noch kein Unternehmen leite, dann ist die Begabung dafür vermutlich nicht vorhanden; der Lebenslauf dokumentiert also auch vorhandene Fähigkeiten),
  •  die Zeugnisse (vom Schulabschluss über das Examen bis hin zu den verschiedenen beruflichen Phasen; sie unterstreichen, wie die Leistungen in den einzelnen Stationen des Lebens durch die dafür Zuständigen eingeschätzt wurden),
  •  das Vorstellungsgespräch (es vermittelt einen Gesamtüberblick über die Persönlichkeit und liefert zahlreiche Beurteilungsmosaiksteine, die man zu einem Bild zusammensetzen kann).

Jeder Fachmann weiß, wie unvollkommen diese – jede – Methode ist. Zusätzliche Erkenntnisse über den Bewerber sind hochwillkommen. Aber wie toll der sich selbst findet, gehört eher nicht dazu. Wenn sich dann noch so viele dieser Formulierungen gleichen, dann haben die Kandidaten wohl auch alle noch von derselben Vorlage abgeschrieben. Was das beweist? Nichts Gutes eigentlich.

Frage-Nr.: 73
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-06-01

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