Heiko Mell

Graphologie: An ihrer Handschrift sollt ihr sie erkennen

Graphologie: An ihrer Handschrift sollt ihr sie erkennen

Antwort:

Ich bin kein Graphologe. Darüber hinaus gestehe ich, das Instrument des graphologischen Gutachtens nicht zu mögen. Dennoch habe ich Kunden, die mir offen sagen, dass sie nicht nur meine Beurteilungen der Bewerber lesen, sondern danach eine Schriftprobe analysieren lassen. Und schließlich gebe ich zu, dass „etwas dran“ ist an dem Grundgedanken, dass ich aber auch vieles am Standardvorgehen der Graphologen für angreifbar halte.

Aus diesen Fragmenten zu einem Urteil zu kommen, ist gar nicht so einfach. Und doch wird eine klare Aussage von mir erwartet – viele Bewerber möchten wissen, was ich davon halte, wenn potenzielle Arbeitgeber Handschriftproben anfordern.

Der erste Teil, der konkrete Ratschlag, ist einfach: Wer auf Graphologie steht, bleibt erfahrungsgemäß dabei. Er würde die Weigerung eines Bewerbers als Zeichen dafür auffassen, dass er etwas zu verbergen hat. Wer den Job will, muss also mitspielen.

Der zweite Teil, die Auseinandersetzung mit dem Instrument, ist schwieriger. Zunächst bin ich absolut davon überzeugt, dass sich Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen an bestimmten seiner Regungen, Handlungen und Verhaltensweisen zeigen. Wie er spricht, gestikuliert, sitzt, geht, ja isst – das alles spiegelt sein Ich irgendwie wieder. Warum soll nicht auch dazu gehören wie er schreibt. Wie er formuliert, beispielsweise, ist für mich ohnehin ein zentrales Kriterium. Also gehört ganz sicher auch dazu, wie er seine Buchstaben innerhalb der Regeln ausformt, wie stark er die Unterlängen gestaltet oder wie das fertige Schriftbild aussieht. Irgendwie leuchtet das ein.

Unterstellen wir, dass der gerade herangezogene Graphologe sein Metier beherrscht, alle Details richtig interpretiert und zu einem verständlichen Gesamtbild zusammensetzt.

Aber dann beginnt das Problem, zumindest in meinen Augen. In den Fällen, die ich kennen gelernt habe, nennt man dem Graphologen jetzt noch die angestrebte Position – und bekommt ein detailliertes Gutachten, in dem von diesem Bewerber abgeraten oder dessen Einstellung befürwortet wird. Genau das geht mir zu weit!

Nehmen wir an, das Gutachten sei in seinen Einzelaussagen „richtig“ (was ohnehin schwer genug zu definieren ist). Dann müsste man jetzt vom selben Beurteiler ein ebenso akribisches, nach gleichen Maßstäben erstelltes Gutachten über die angestrebte Position (inklusive Firma und Branche) und den Chef erstellen lassen. Man hätte dann ein Anforderungsprofil, mit dem sich das Bewerberprofil abgleichen ließe. Aber genau das gibt es in der Praxis nicht, ich habe jedenfalls nie eines gesehen. Und die Erfahrung, wie es in den Betrieben zugeht, welche Eigenschaften gebraucht werden, hat der „Nur-Graphologe“ nicht. Ein Gutachten mit Eigenschaften – ja, eine Aussage über die Eignung – in meinen Augen nein.

Darüber hinaus verstehe ich die oft geäußerten Bedenken von Bewerbern: „Vorstellungsgespräch – in Ordnung. Wir sitzen den Entscheidern gegenüber, reden, beantworten Fragen, reagieren und agieren. Wir können uns so geben oder anders – alles in allem eine faire Chance. Aber die Analyse der Schrift, mit deren Ausprägung im Schulalter begonnen wurde und die jetzt als Entscheidungsbasis genommen wird – ohne dass ich jetzt noch etwas „machen“ könnte (im Gegensatz zum Test oder Gespräch)? Nein, das ist mir zutiefst suspekt.“

Falls ich jetzt den Zorn eines Graphologen hervorgerufen haben sollte, steht ihm (oder ihr) auf Wunsch eine Probe meiner Schrift zur Verfügung. Und wenn es nicht zu „schlimm“ wird, veröffentliche ich sogar die wesentlichen Aussagen über mich – in meinem Alter nimmt man vieles schon gelassen hin. Aber ich möchte dort nicht lesen, ob ich mich für meinen Job eigne.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 72
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-25

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