Heiko Mell

Ein Mann, ein Wort

Antwort:

Keine Frage: Eine Frau, auch bloß ein Wort (merkwürdigerweise formuliert das so kaum jemand – aber das ist hier nicht unser Thema). Heißen soll das, wer auf sich hält, steht zu dem, was er sagt. Womit wir bei der Gehaltsforderung von Bewerbern im Vorstellungsgespräch wären.

Vermutlich spielt sich oft etwas in dieser Art ab: Ein Mensch bewirbt sich. Spätestens im Vorstellungsgespräch möchte der Vertreter des potenziellen Arbeitgebers gern wissen, wie teuer die Leistung denn wird, die man ihm hier offeriert, spätestens jetzt bekommt er den Preis genannt. An diese Gehaltsforderung glaubt der Arbeitgeber nun unerschütterlich. So wie er die fachlichen Details aus dem derzeitigen Beschäftigungsverhältnis glaubt, die man ihm darlegt, oder die Aussagen, ob noch ein ungekündigter Status vorliegt und warum dieser Mensch denn überhaupt wechseln will.

Nun schreitet der Bewerbungsprozess fort. Es kommt zum zweiten Gespräch, zum dritten. Inzwischen weiß der Bewerber, wie positiv andere Unternehmen auf ihn reagieren, er rechnet mit weiteren Angeboten. Kurz, er fühlt sich begehrter als er es noch zum Zeitpunkt des ersten Vorstellungsgesprächs war, von dem oben die Rede ist.

Dann durchzuckt es ihn wie ein Blitz: Da war doch etwas mit Angebot und Nachfrage und Preisen in der Marktwirtschaft! Und steigt nicht der Preis, wenn die Nachfrage zunimmt? Er steigt, auch die Mineralölkonzerne sagen das. Und dann informiert er den potenziellen Arbeitgeber kurz vor Vertragsunterschrift über seine inzwischen höher gewordene Gehaltsforderung. Ach wenn er doch geschwiegen hätte …Ich unterstelle einmal, dass er nicht weiß, was seine Verhandlungspartner empfinden. Er könnte ebenso gut sagen, einige andere Aussagen, die er bisher gemacht hatte, stimmten auch nicht. Beispielsweise sei er heute gar nicht bei Müller & Sohn beschäftigt, sondern seit Monaten arbeitslos. In jedem Fall ist der potenzielle Arbeitgeber entsetzt – und neigt dazu, sich mit Grausen zu wenden und zwar von ihm ab.

Wenn aber doch die Nachfrage …? Also gut, dann aber richtig: Ein Mensch, der sich beworben und seinen Preis genannt hat, müsste dann auch kommen und kurz vor Vertragsunterschrift seine Forderung reduzieren. Weil ein anderer Bewerbungsempfänger sich inzwischen anderweitig entschieden und sich damit eine andere Marktsituation ergeben hat. Müsste er, wird er aber nicht. Also gilt die Regel: Ein Mann, ein Wort, eine Frau, ein Wort. Und auf der Basis wird unterschrieben – oder eben nicht. Aber nachgefordert darf nicht werden.

Oder möchten Sie als Bewerber vom Unternehmen hören, es hätte sich sein Angebot aus dem ersten Gespräch überlegt und böte jetzt nur noch die Hälfte?

Es ist ja nicht der höhere Betrag, den das Unternehmen plötzlich zahlen soll, es ist die „menschliche Enttäuschung“, am bislang geschätzten Kandidaten nun unakzeptable Eigenschaften entdeckt zu haben („Auf dessen Wort ist kein Verlass“). Außerdem wollen Unternehmen, dass Bewerber wegen der Aufgabe und der Umgebung zu ihnen kommen, aber nicht, weil sie hier das höchste Gehalt haben „erpressen“ können. Sind halt anspruchsvoll, diese Arbeitgeber.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 71
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-11

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