Heiko Mell 01.01.2016, 09:11 Uhr

Sozialer Aufstieg hat seine Tücken

Antwort:

Frischgebackene Akademiker aus nichtakademischen Elternhäusern haben am Tag ihres Examens zweifelsfrei etwas erreicht. Die Frage ist nur: was?

Alles, sagt der Aufsteiger. Genau das Ziel, auf das ich mich seit der Kindheit konzentriert habe. Was Eltern und Verwandten so unglaublich „viel“ zu sein scheint, gerade weil sie selbst es nie werden durften – und wovon sie alle nichts verstehen. „Unser Kind ist jetzt Diplom-Irgendwas“, dafür hatte man sich all die Jahre gequält (vor allem das „Kind“) und darauf hatten sich alle Hoffnungen gerichtet. Das gilt besonders, wenn das Ergebnis auch noch über den zweiten Bildungsweg errungen wurde – über diverse Schulabschlüsse hinweg, teils in Abendkursen neben dem anstrengenden Job.

Und nun kommt das Problem: Was macht ein Mensch, der sein Ziel unter Opfern erreicht hat? Er ist „angekommen“, hat es geschafft – lehnt sich zurück und wartet auf den Preis, den er sich so redlich verdient hat. Wer am Ziel ist, hört auf zu kämpfen, sieht sein persönliches Nirwana vor sich und erwartet, Milch und Honig mögen fließen.

Der Eingeweihte weiß, dass dies eine arge Fehleinschätzung ist – und genau so sehen die Lebensläufe vieler Aufsteiger denn auch aus: toll bis zum Studium (oft FH, dann TH und möglichst noch die Promotion im viel zu hohen Alter). Dann aber reißt die Erfolgskette ab. Was jetzt noch kommt, sieht ziellos aus, ist unsystematisch und leider sehr oft erfolglos. Die Betroffenen sind mehr als frustriert: Sie waren, ja sie sind doch so gut – und doch verweigert „man“ ihnen den Durchbruch. Und der Fachmann sagt kopfschüttelnd, es hätte des großen Einsatzes in Kindheit und Jugend nicht bedurft, um so wenig zu erreichen.Die Lösung ist klar: Das Ziel war völlig falsch gesetzt. Der Aufsteiger konzentriert seine ganze Energie auf eine im Gesamtzusammenhang eher unbedeutende Etappe – und hat kein Konzept für den langen „Rest“.

Dabei ist das Studienexamen nur die Eintrittskarte in die Veranstaltung „Berufsleben“, nicht mehr. Wer sie hat, ist drin im Spiel – aber das beginnt erst jetzt. Es folgt Regeln, um die man wissen muss, es kennt Fehler, die man korrigieren kann und solche, die nicht verziehen werden. Und es kennt keinen Bonus für Leistungen in der Vergangenheit, nur Zukunftspotenzial zählt. Das aber hat bereits verspielt, wer in den ersten Berufsjahren zu viele Fehler macht.

Die Konsequenz: Soziale Aufsteiger haben zwar nicht alle, aber doch sehr viele Chancen. Sie müssen nur erkennen, dass ein akademischer Grad nicht Ziel sein darf, sondern nur ein Schritt auf dem Weg dorthin. Für die nächsten Schritte bedarf es genau so intensiver Planungen und Auseinandersetzungen mit den Regeln wie vorher mit den Bedingungen und Vorschriften von Abendschule und Studium.

Als Trost bleibt: Bis zum Examen hatte der Aufsteiger es schwer – nun haben die anderen (fast) dieselben Probleme. Deren Vorteil ist: Sie wussten von Anfang an, dass es diese Schwierigkeiten überhaupt gibt. Und sie dachten nie, von nun an ginge irgendwie alles von selbst. Ihre Eltern hatten ihnen das vermitteln können, aus eigenem Erleben.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 65
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-03-23

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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