Heiko Mell

Auch wer per E-Mail schickt, muss nachdenken

Antwort:

Es ist ja nicht so, dass ich es nicht geahnt hätte. Aber inzwischen lässt es sich beweisen: Per E-Mail eingehende Bewerbungen, ob Kurz- oder nicht, sind deutlich schlechter als die, an denen die Post verdient. Und die sind, vergessen wir das nicht, im Durchschnitt schon nicht besonders gut.

Irgendwie schwebt die Erwartung des „Einfacheren“ über dem elektronischen Übermittlungsweg. Weniger Aufwand soll damit verbunden sein, so offenbar die Vorstellung der Benutzer. Und da ein paar Blatt Papier, eine billige Plastikmappe und das Briefporto als Ersparnis nun wirklich nicht die Welt sind (setzt man die berufliche Existenz und etwa eine halbe bis eine ganze Million DM an Einkommen in den nächsten fünf Jahren dagegen), muss noch an anderer Stelle gespart werden, damit das neue Medium auch bringt, was es zu versprechen schien:
Der Aufwand bei der sorgfältigen textlichen Gestaltung von Lebenslauf und Anschreiben bietet sich zum Sparen an („Und am schönsten wäre es, wir hätten gar nichts mehr zu tun.“). Also her mit dem Text, der im PC ohnehin gespeichert ist, und auf den Weg mit ihm. Bloß nicht das herausnehmen, was hier nicht passt (schlimm) und schon gar nichts hinzufügen, was gerade hier gepasst hätte (sehr schlimm).

Na und Eingehen auf das, was in der Ausschreibung an speziellen Wünschen stand? Also ich bitte Sie, das nun schon gar nicht. Dies ist schließlich das modernste Verfahren überhaupt, also bloß keine Mühe investieren.Und so kommen die E-Mail-Bewerbungen denn an. Nicht zum Thema passend, voller falscher und ohne richtige Informationen, dabei ganz gewiss ohne das, worum gerade in dieser Anzeige gebeten worden war (Gehalt, Spezialkenntnisse, Führungsumfang, Umsatzverantwortung).

Man muss, beschlossen wir daraufhin, die Leute zu ihrem Glück (sie wollen ja den Job, nicht ich) ein bisschen zwingen. Und gaben unsere E-Mail-Adresse nur preis, wenn man unsere Internet-Seiten besucht hatte. Und da stand dann, unmittelbar neben dieser Adresse, wie man die optimale E-Mail-Bewerbung gestalten sollte. So, dass sie dem Leser auch nützt (was eigentlich Ziel der Aktion ist).Geholfen hat das nicht. Offenbar ist Lesen auch so eine Kunst, die langsam verschwindet. Vielleicht will gar nicht lesen, wer Bewerbungen mailen möchte? Oder vielleicht kann …, nein, das wäre bösartig.

Bleiben die wirklich unverschämt schlechten E-Mail-Bewerbungen. Gegen die mir aber etwas einfallen könnte: nix lesen, Knopf drücken, Absage geht automatisch raus. Das wäre dann endlich das Ideal: Bewerbers Computer und Empfängers Computer arbeiten selbständig miteinander. Bewerber liest Anzeige nicht, Empfänger liest Bewerbung nicht, beide beflügelt dennoch das Gefühl: Es ist etwas geschehen! Was ja oft schon „die halbe Miete ist“.

Also schicken Sie lieber nicht auch noch Ihren alten Textmüll durch den Draht, sondern etwas, dem man ansieht, dass es Gegenstand von ein bisschen Nachdenken war. Denn, das habe ich hier schon einmal geschrieben: Einziger Vorteil der E-Mail-Bewerbung ist, dass sie schneller beim Empfänger ankommt (was eigentlich ziemlich unerheblich ist). Aber der Empfänger und Leser ist stets derselbe, der auch die Papier-Bewerbung liest.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 64
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-03-16

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