Heiko Mell

Schwächen? Ich?

Antwort:

Gern gebe ich zu, daß die Beurteilung von Kandidaten in Vorstellungsgesprächen eine schwierige, sogar heikle Angelegenheit ist. Niemand darf sich rühmen, auf diesem Feld perfekt zu sein.

Potentielle Chefs von Bewerbern haben meist ihre eigene Methode entwickelt, nach der sie die Spreu vom Weizen zu scheiden suchen. Nun werden sie jedoch nicht täglich, sondern nur in großen zeitlichen Abständen mit dem Problem konfrontiert. Also sehen sie auch keine Notwendigkeit, ihr Schema laufend weiterzuentwickeln, sondern bleiben beim scheinbar Bewährten. So weit, so schlecht.

Eine dieser Methoden ist leider besonders beliebt: Immer wieder berichten mir Hochschulabsolventen und gestandene Manager, sie seien in Vorstellungsgesprächen genötigt worden, über ihre „größten Stärken und Schwächen“ zu berichten. Und Vorgesetzte erzählen mir oft voller Stolz, sie hätten da eine tolle Frage parat, mit der sie Kandidaten konfrontierten, nämlich die nach deren größten …Begeistert war ich davon nie. Schon weil nicht die geringste Hoffnung besteht, auch nur andeutungsweise die Wahrheit zu hören. Eine Schwäche für den Alkohol, eine Neigung zum Scheckbetrug oder schlicht überdurchschnittliche Faulheit – es wäre unrealistisch, auf solche Eingeständnisse zu hoffen. Bliebe die Absicht, einfach einmal zu beobachten, was denn der Kandidat damit anfängt, wie er sich windet oder aus der Affäre zieht, wenn er unter Druck gerät.

Aber auch das ist vorbei: Die Frage ist „tot“, verbrannt, ausgelutscht – sie steht in jedem besseren Ratgeber, wird an Hochschulen weitergereicht. Jeder Bewerber ist darauf vorbereitet; was der Fragesteller hört, ist jeweils nur noch ein Sammelsurium von Ratschlägen und Empfehlungen, die der Kandidat gehört und gelesen hat.

Ich hätte mir immer gewünscht, auch einmal so gefragt zu werden. Und hätte gesagt: „Mein größte Schwäche ist, auf diese Frage nicht wahrheitsgemäß zu antworten. Und meine Stärke besteht drin, das freimütig zuzugeben.“ Aber wie das so geht, wenn man präpariert ist: Niemand hat mich je gefragt.

Bleibt die Erkenntnis: Es gibt keinen „Trick“ in solchen Gesprächen, keine Einzelfrage, mit der sich alles entscheiden läßt. Als Trost: Auch für die armen Bewerber nicht – die anschließend wissen sollen, ob dieses Unternehmen und dieser Chef die optimalen Partner für die nächsten Jahre sind.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 6
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-07

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