Heiko Mell

X + 1 – und notfalls geht es ohne Sie

Antwort:

So verblüffend es klingen mag: Dass es auch ohne Sie liefe, soll weniger Drohung als vor allem Trost sein. Und soll – ausnahmsweise – nicht warnen, sondern zu mehr Gelassenheit im Tagesgeschäft aufrufen.

Denken Sie einmal an die letzte Projektbesprechung, an der Sie teilgenommen haben: Wie verbissen hat da der Vertreter der X-Abteilung um ein paar Details gerungen, hat er sich mit den anderen Teilnehmern angelegt, ist er sogar der Geschäftsführung auf die Füße gestiegen. Natürlich war ihm die Geschichte wichtig, sonst hätte er sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt.

Aber war die Angelegenheit tatsächlich, versuchten wir eine absolute Betrachtung, so überaus wichtig? Lohnten sich Aufwand, Reibungs- und Imageverlust, von Schlimmerem ganz zu schweigen?

Gute Frage, aber wie soll man in der konkreten Situation die Antwort finden? Eine Lösung liegt im Zeitfaktor: Betrachten Sie einfach ähnliche Situationen, die sich vor Tagen, Monaten, Jahren ereignet haben. Und sehen Sie sich die Dinge aus heutiger Sicht an: Der Chef, an dem Sie sich gerieben haben, ist längst aus der Firma verschwunden. Die Modellreihe, bei der Sie sich um ein Detail verbissen gestritten hatten, ist Schnee von gestern. Vielleicht gibt es das ganze Unternehmen in dieser Form gar nicht mehr. Wem dient also die ganze Aufregung um vergängliche Details?

Nun darf man Überlegungen dieser Art nicht übertreiben – wie die Beigabe von Salz in die Suppe. Wenn Sie zehn Jahre zurückgehen, war aus heutiger Sicht fast alles nicht wichtig, in fünfzig Jahren sind wir alle vergessen.Aber bewährt hat sich in der jeweiligen Situation die Formel „plus 1“: Wie sieht der Fall jeweils nach einem Tag, einem Monat, einem Jahr aus? Wird auch das, worüber wir heute streiten, dann noch wichtig sein?

Was diese Prüfung bei allen drei Zeitabschnitten übersteht, ist des Schweißes des Edlen wert. Darunter nimmt die Bedeutung stark ab. Aus taktischen Gründen, nicht wirklich der Sache wegen, kann Diskussionsengagement dennoch angesagt sein: Fatalisten sind nicht gefragt. Aber echtes Herzblut haben Probleme, die in Monatsfrist „alt“ aussehen, nicht mehr verdient.

Gelassenheit ist angesagt – es wird mir zu viel um Dinge gestritten, die nicht wirklich wichtig sind. Und wenn Sie bisher schwer zu überzeugen waren, bleibt das „Hammer-Argument“: Es ginge auch ganz ohne Sie. Jeder ist ersetzbar. Ein Neuer wird kommen und alles total anders machen. Und merkwürdigerweise wird auch das funktionieren (irgendwie).

Falls man Ihnen also von acht Aufgabenfeldern eines wegnimmt: Glauben Sie, dass diese „Schmach“ in einem Jahr noch etwas bedeutet? Sieht das später noch jemand Ihrer Bewerbung an? Aber die viel zu kurze Dienstzeit, das schlechte Zeugnis, die längst überfällige, aber wieder ausgebliebene Beförderung – das alles bleibt wichtig. „X + 1“ macht das sehr schön deutlich.

Und falls Sie zweifeln: Blättern Sie einmal in alten Arbeitsunterlagen, die „damals“ im Mittelpunkt Ihres Interesses standen. Sie werden staunen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 59
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-02-02

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